Montag, 30. Juli 2018

Weil ich Türke bin

Wir arbeiteten im Team zu dritt. Warum drei Lehrer für eine Lerngruppe? Die Arbeit mit den Jungen aus dem Kinderheim erforderte, dass man sie auf mehrere Schultern verteilte. Da war jeden Tag was los. Sie beklauten Lehrer und Erzieher, verließen unerlaubt den Unterricht, randalierten auf dem Gelände oder in den Vorgärten und Garagen der Umgebung, warfen Fensterscheiben ein und stachen Lehrern die Autoreifen platt. Wenn sie im Klassenraum randalierten, ließen wir sie vom starken Peter abholen, einem Erzieher, vor dem alle Jungen kuschten.
In diesen #metwo Tagen erinnere ich mich besonders an Erdal, einen kleinen Jungen von vielleicht zehn Jahren. Der beschäftigte uns täglich in den Besprechungen mit Kollegen und Erziehern. Erdal war ein intelligentes quirliges Kerlchen, doch leider völlig durchgeknallt, das heißt keiner vernünftigen Argumentation zugänglich. An schulische Arbeit war überhaupt nicht zu denken. Wir waren schon froh, wenn wir den Vormittag mit ihm einigermaßen schadlos über die Runden bekamen, am besten mit Ballspielen draußen auf dem Sportplatz. Am letzten Tag des Schuljahres erwartete Erdal jedoch ein Versetzungszeugnis, schmiss seinen Tisch um und randalierte, bis Peter kam, den kleinen Zappelmann unter den Arm klemmte und hinaustrug.
"Ich werde nicht versetzt, weil ich Türke bin", schrie er noch.
Ja, ja.

Dienstag, 19. Juni 2018

Ausweg



Winterlandschaft fliegt vorbei.
Schneeflocken tanzen.
Dächer weißgepudert.
Wäldchen mit blätterlosen Bäumen.
Blasse Sonne will sich durch das Himmelsgrau kämpfen.
Grüner Kirchturm.
Schneeberge mit sanft gewellten Konturen.
Kleiner Bahnhof.
Es ist nicht weit zu laufen bis zur evangelischen Akademie.
An der Rezeption gibt es ein Informationsblatt für den Ablauf der Veranstaltung. Ich bin spät dran, deshalb eile ich gleich zum Raum dreizehn. Der Moderator begrüßt mich mit einem freundlichen Blick, schaut in seine Liste, stellt sich als Dozent der Uni Dortmund vor und bittet die Teilnehmer, etwas zu sich und den Erwartungen an die Veranstaltung zu sagen..
Dann war ich wohl die Letzte, muss mich aber jetzt als erste vorstellen.
Auch gut.
„Rosie Schoppmann aus Castrop Rauxel, Lehrerin mit Schwerpunkt Literatur. Ich hoffe, dem Autor näher zu kommen, das heißt, ihn besser zu verstehen.“
Der Moderator nickt und weist mit dem Kopf auf den Herrn neben mir, einem Geschichtslehrer im Ruhestand, der seine Frau mitgebracht hat. Es folgen eine Frau aus Süddeutschland, eine Deutschlehrerin in der Oberstufe, ein pensionierter Gymnasiallehrer, der seinen Stock unter den Stuhl gelegt hat, und einige Studenten der Uni Dortmund. Etwa zwanzig Teilnehmer mögen es sein. 
Den Text haben alle gelesen. Ein Varietékünstler hält einen Vortrag über seine Verwandlung vom Affen zum Menschen. Er versucht auf sein äffisches Vorleben zurückzublicken, was ihm jedoch angesichts der Schwierigkeiten in der Menschenwelt zunehmend schlechter gelingt.
Die Diskussion nimmt ihren Lauf und ich erkenne schon bald, dass dieser Austausch mich auch nicht weiterbringt. Von Assimilation, Dekadenz und Apokalypse ist die Rede, selbst über die Schnapsflasche wird lange diskutiert. Jeder profiliert sich so gut er kann. Die Deutschlehrerin mit dem zarten Stimmchen und der dekorativen Frisur will mit den gelehrten Herren unbedingt mithalten. Am besten gelingt das jedoch den Studenten. Ich versuche es erst gar nicht
Irgendwo piepst ein Hörgerät, ich kann es nicht orten und schaue hinaus. Die Tannenbäume sind mit Schnee bepudert. Glitzerteilchen wirbeln vom Dachvorsprung vor dem Fenster und ein Sonnenstreifen leuchtet auf dem Teppichboden in der Mitte des Kreises, wandert langsam weiter und liegt jetzt auf dem Gesicht eines Teilnehmers. Ich beobachte, wie er unaufhaltsam weiterzieht und kann mir fast ausrechnen, dass er irgendwann mein Gesicht erreicht. Bloß nicht. Ich kapiere ohnehin schon lange nicht mehr, worum es geht und frage mich: Was ist normal, was ist Wahnsinn? Deshalb schlage ich mein Textbuch auf ohne zu lesen und hoffe, dass der Streifen an mir vorüberzieht.
Auf die Frage des Moderators nach dem Aktualitätsbezug des Textes antwortet die Frau aus Süddeutschland: „Die Frage isch net beantwortet.“
Dabei ist das doch ganz klar: Heutzutage würde der Protagonist des Meisters wohlmöglich als virtuelles Phantom mit einem Nicknamen, sagen wir mal „Odradek“, durch einen virtuellen Bau irren. Da wäre kein Ausweg, es müsste ihn sich aber verschaffen. Ein Fragment also, das passt doch.
Der Glitzerwirbel vor dem Fenster ist verschwunden. Draußen ist es dunkel geworden. In der schwarzen Scheibe sehe ich mein Gesicht und erkenne, dass mich dieses Seminar doch ein kleines Stück weitergebracht hat. Zumindest kann ich anfangen, auf mein äffisches Vorleben zurückzublicken.

Mehr Kurzgeschichten von Renate Hupfeld in:


Nachtvogel


Es ließ sie völlig kalt, wie er auf dem Küchenstuhl vor seiner versifften Kaffeetasse hing und sie mit einer Mischung aus Provokation und dreister Anmache fixierte. Freakiger Typ, dunkler Teint und blonde Locken, kam gut an bei den Mädchen. Doch ihr machte dieser Schlappi nichts vor. Ihr konnte er nicht imponieren. Nicht mehr. Sie sah es ihm schon an, dass er seit dem Gespräch gestern mal wieder nichts geregelt bekommen hatte, die hohlste Nuss in dieser Wohngruppe, die sie zu betreuen hatte.
„Und?“, fragte sie spitz. „Was hast du heute Vormittag erreicht?“
„Verpennt.“
„Klar.“ Was hatte sie anderes erwartet? „Aber hast du wenigstens bei der Firma angerufen?“
Er schwieg.
„Also nein. Dann mach das jetzt.“
„Warum das denn?“, nöhlte er. „Morgen mach ich das.“
„Sofort machst du das. Ansonsten gibt es hier kein Morgen mehr.“ Sie hielt ihm ihr Handy entgegen. Er winkte ab.
„Kein Bock.“
„Das darf doch wohl nicht wahr sein. Ich dachte, wir reden von einem Praktikumsplatz. Aber den willst du ja wohl gar nicht. Kein Wunder, das du aus allen Wohngruppen rausgeflogen bist. Die wievielte ist das jetzt?“
„Was weiß ich denn?“
„Und wie soll das nun weiter gehen mit dir?“ Sie brüllte schon fast.
„Was machst du dir überhaupt Gedanken? Ist doch mein Leben.“ Trotzig legte er die Füße auf den Tisch und in dem Moment wurde ihr klar, dass es eine Situation wie diese in ihrem Beisein nicht mehr geben würde. Diesen Eiertanz musste sie endgültig beenden.
„Das war’s dann wohl, Manni. Ich betrachte die Maßnahme als gescheitert und werde mich dafür einsetzen, dass du die Wohngruppe verlässt. So viel Geduld wie mit dir hatte ich bisher mit keinem Bewohner hier. Aber jetzt ist Schicht. Nachts Wände besprühen und tagsüber den Hintern nicht aus dem Bett kriegen, das läuft hier nicht, das läuft nirgends. Sieh zu, wie du zurecht kommst.“
„Aber…“, sagte er kleinlaut.
„Kein Aber. Drei Monate hattest du Zeit. Alle Chancen hast du sausen lassen, alle.“
„Aber, so kannst du doch nicht mit mir reden. Warum bist du plötzlich so wütend? Ich hab doch gar nix gemacht.“
„Du kapierst es nicht, Manni. Und ich hab keinen Plan mehr, wie ich dir das beibringen soll.“
Er sah sie an mit diesem Hundeblick, der sie noch wütender machte. Ihr war unbegreiflich, dass sie diesen Versager anfangs ganz sympathisch gefunden und gern mit ihm gearbeitet hatte. Da war sogar ein bisschen mehr gewesen. Zuviel.
„Nur du kannst mir helfen, Karina.“ Sein weinerlicher Ton war ihr unerträglich geworden.
„Lass es“, entgegnete sie. „Dir ist nicht zu helfen. Und noch was. Der Brief heute in meinem Briefkasten. Deine Liebesschwüre kannst du in der Pfeife rauchen. Hör endlich auf, mir mit Anrufen, SMS und Briefen nachzustellen. Wie oft muss ich dir das noch sagen?“
„Muss ich das verstehen? Über meine Briefe hast du dich doch immer sehr gefreut.“
„Versteh ich jetzt auch nicht mehr. Die Zeiten ändern sich“, fegte sie ihn an.
„Ich liebe dich, Karina. Das ist doch wohl nicht verboten und das kann ich auch nicht einfach so abstellen. Du hast selbst gesagt, dass man auf seine Gefühle hören soll. Du liebst mich auch, das weiß ich genau.“
„Lenk nicht ab. Deine schräge Tour läuft nicht mehr. Du ziehst hier aus.“
„Wo soll ich denn hin?“
„Notfalls zurück zu deiner Mutter.“
„Das wüsste ich aber“, schnaubte er und wurde plötzlich auffallend blass. „Du weißt doch, warum das nicht geht, gerade du.“
„Wenn nicht zu deiner Mutter, dann eben in eine andere Wohngruppe oder sonst wohin. Das entscheide nicht ich, sondern alleine du. Deine Aktivitäten sind gefragt und nichts anderes.“
„Bitte Karina. Du bist die einzige, die mich versteht. Nur du kannst mir helfen“, bettelte er. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Doch das rührte sie nicht. Sie hatte genug von diesem Gehampel. Zu lange hatte er sein Spielchen getrieben.
„Und fang nicht wieder von dem Lebensgefährten deiner Mutter an, der dich nicht versteht und alles kaputt gemacht hat. Das hatten wir bis zum Abwinken. Nicht er ist Schuld an deiner Misere, sondern allein du. Du bist ein erwachsener Mann und weißt, was zu tun ist.“ Dabei fand sie das Wort ‚Mann’ auf ihn bezogen reichlich übertrieben. „Und denk dran, dass du deinen ganzen Mist hier in Ordnung bringst, vor allem die Küche. Andere wollen die auch noch benutzen. So, und jetzt hab ich zu arbeiten, oder meinst du, ich verdiene mein Geld im Schlaf?“
„Karina, entschuldige, es war wirklich Scheiße, wie ich mich benommen habe. Ich sehe das ein und bin jetzt so weit. Wenn du dich beruhigt hast, können wir miteinander reden. Deswegen bist du doch auch her gekommen.“
„Quatsch nicht rum.  Pack deine Brocken und basta.“ Sie nahm ihre Tasche und verließ die Wohnung.
„Ich fick dich. Du hast den geilsten Arsch. Und ich krieg dich doch“, hörte sie ihn noch rufen, als sie die Treppe hinunter ging.

Seit wann war sie so schreckhaft? Sie nahm die Schlafbrille ab und blinzelte in das Licht der Straßenlaterne, die durch den Vorhang gedämpft in ihr Zimmer schien. Allmählich zeichneten sich seine Umrisse hinter dem Vorhang ab. Ganz still saß er draußen auf der Fensterbank. Der Nachtvogel. Als ein Auto vorüber fuhr, breitete er die Flügel aus und die großen Schatten seiner Schwingen schwebten lautlos an Wänden und Zimmerdecke entlang. Sie folgte ihnen mit den Augen, bis er wieder an seinem Platz saß, wartete auf das nächste Auto, beobachtete den kurzen Flug und wie er sich wieder setzte. Seit ihrer Kindheit beobachtete sie den Vogel der Nacht immer, wenn sie nicht einschlafen konnte. Die Mutter hatte ihr die Geschichte vom Nachtvogel vorgelesen. Daher wusste sie auch, dass sie ihn nicht fürchten musste und wie sie ihn vertreiben konnte. Nur war sie längst kein Kind mehr und glaubte nicht mehr an den Nachtvogel. Und da er nicht existierte, konnte sie ihn auch nicht vertreiben.
Sie legte die Schlafbrille wieder über die Augen. Aber es war äußerst schwierig einzuschlafen, wenn es im Kopf wild durcheinander wirbelte und jedes Motorengeräusch wie ein Torpedo in die rasenden Gedanken schoss. Also beobachtete sie ihn noch eine Weile vor dem Fenster, sah ihn ab und zu die Schwingen ausbreiten, die großen Schatten die Decke entlang huschen und dann wieder auf der Fensterbank sitzen. Je später es wurde, desto seltener erhob er sich zu seinem Schattenflug. Irgendwann würde er gar nicht mehr fliegen.
„Ich liebe dich, Karina. Nur du kannst mir helfen. Du liebst mich doch auch, liebssst, liebssst, liebssst…“, flüsterte er.
„Nein, nein, das geht entschieden zu weit. Wie bist du hereingekommen? Jetzt verfolgst du mich sogar noch in der Nacht. Wann kriege ich denn endlich Ruhe vor dir?“
„Ich wollte mit dir sprechen, doch du hast mich hysterisch angebrüllt und bist einfach abgehauen“, jammerte er.
„Mit mir gibt es nichts mehr zu besprechen. Hab ich dir das nicht deutlich genug gemacht?“
„Du hast es versucht. Aber so geht das nicht. Was war heute nur mit dir los, Karina? Bist du nicht zu weit gegangen? Kannst du es verantworten, dass ich in der Gosse lande? Du weißt doch genau, wie du mir helfen kannst. Nur du weißt das. Diese Härte passt nicht zu dir, du Sanfte, Liebe. Gib doch ruhig zu, dass du einsam bist und dich sogar ein bisschen freust, dass ich hier bei dir bin. Eine schöne junge Frau wie du hat was Besseres verdient, als abends allein im Bett zu liegen. Wir können jetzt kuscheln und reden, reden, reden, nach Herzenslust.“
Sie atmete tief ein und versuchte ruhig zu bleiben. „Ich gebe zu, dass es ein Fehler war, dir zu vertrauen, mit dir zum Essen, ins Kino und zum Shopping zu gehen. Von den Spaziergängen ganz zu schweigen. Nichts hätte ich dir erzählen dürfen und schon gar nichts von mir. Jetzt hast du dich überall breit gemacht, klebst an den Wänden, unter der Decke und in allen Ecken. Nirgends hab ich vor dir Ruhe. Wie die Geister, die man nicht los wird.“
„Hi, hi, hi, die Geister“, kicherte er. Wie unverschämt seine blauen Augen dabei im Takt blinkten. „Übrigens, gemütlich hast du es hier“, fuhr er fort. „Und wie gut es bei dir riecht. Dolce und Gabbana. Ein schönes Geschenk war das, nicht wahr? Wie du dich gefreut hast! Wusste ich doch, dass dieser Duft zu dir passt. Süß wie du. Du Süße, du!“
„Hör auf zu labern. Da ist nichts mehr.“
„Das meinst du doch nicht ernst. So stark, wie du dich immer gibst, bist du doch gar nicht. Je stärker du dich aufspielst, desto stärker ist deine Sehnsucht, Karina. Deine Sehnsucht nach Liebe.“
„Verpiss dich, es ist zu Ende, verdammt noch mal.“
„Warum zum Teufel sollte das zu Ende sein?“, lächelte er. „Das ist nie vorbei. Schließlich hat es doch mal so schön angefangen, wie alle deine Beziehungen zu Männern. Mit uns beiden sollte es nie so enden. Da waren wir uns doch einig.“
„Hach! Männer!“, sagte sie verächtlich. „Konnte ich ahnen, dass du genauso ein Versager bist wie alle anderen? Sprücheklopfer, zu nichts zu gebrauchen und total lebensuntüchtig. Schlimmer noch. Du bist ein besonders ausgeprägtes Exemplar dieser Spezies von Nullnummern, eine weinerliche Klette. Wenn man dir den kleinen Finger reicht, wird man dich nicht mehr los. Wie ich das hasse! Wie ich dich hasse! Ich werde dich los, das versichere ich dir.“ Sie packte das Kissen, knetete es zu einem Klumpen und schleuderte es mit Wucht gegen das Fenster. Es schepperte und klirrte, bevor der Wind den Vorhang zur Seite wehte und den Blick auf die Straßenlaterne freigab.

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