Mittwoch, 14. Juli 2021

White Lady

Benommen irrte sie zwischen dichten Hecken umher und fragte sich, wie sie in diesen Garten gekommen war. Lieblicher Rosenduft stieg ihr in die Nase, aus einer Nische war leises Plätschern zu hören. Eine Katze, die auf dem Polster eines Korbsessels ausgestreckt lag, schenkte ihr ein müdes Blinzeln. Hinter der Terrasse befanden sich die Glaswände einer Schwimmhalle. Als sie eintrat, erschrak sie über die Stille, die sie plötzlich umgab. Schneeweiße Hibiskusblüten spiegelten sich auf der Wasserfläche.
Gab es denn nirgendwo einen Ausgang?
Auch der nächste Raum, in den sie gelangte, war unglaublich groß, eher ein Foyer, überspannt von einer Glaskuppel in schwindelnder Höhe. Schwere Polstermöbel in weißem Leder, gruppiert um einen Tisch, auf dem zwei Weingläser dicht nebeneinander standen. Und da hing ihre Jacke über der Sofalehne. Als sie das Handy in der Innentasche fand, dachte sie an Vanessa und wählte die Nummer. Zusammen mit ihr war sie im Einkaufscenter und in der Fußgängerzone gewesen. Dann waren sie im  ‚Barbados’ eingekehrt, hatten bei schummerigem Licht an einem kleinen Tisch gesessen, waren auch ein bisschen betrunken gewesen, hatten gestritten, wegen Jan mal wieder, und sie hatte sich an die Bar gesetzt. Filmriss. Was war danach geschehen?
Sie tat einen Seufzer der Erleichterung, als sie die Stimme ihrer Freundin hörte. Jetzt würde sich alles aufklären.
„Hier ist Melanie. Du musst mir helfen….Sauer? Ich dachte…Mit welchem Mann, um Gottes Willen?“
Aufgeregt lief sie zwischen Sofa und Vitrine hin und her.
„Wenn ich das wüsste! Bonzengegend, würde ich sagen. Villa mit  Pool und Park, Kamin aus weißem Marmor. So was hast du noch nicht gesehen. Luxus pur. Hörst du mir überhaupt zu? Ich hatte einen Blackout, kapier das doch!“
Vanessa glaubte ihr nicht. Enttäuscht ließ sie sich auf das Sofa fallen und versuchte, Licht in das Dunkel zu bringen. Ein Mann hatte sich zu ihr an die Bar gesetzt und ihr einen Cocktail spendiert. Kurz danach hatte sie mit ihm das Lokal verlassen. Einfach mitgegangen, wie ein willenloses Objekt. Sehr merkwürdig. Dann hatte sie die Nacht mit dem Fremden verbracht? So tief war sie gefallen?
Aber wo war der Mann? Vielleicht beobachtete er sie heimlich. Sollte sie so einem Psychopathen ins Netz gegangen sein? Aus dem Bistro gefischt und eingesperrt? Doch wohnten die nicht ganz bieder in Reihenhäusern, fesselten ihre Opfer und sperrten sie in Verliese? Der geheimnisvolle Unbekannte konnte sich diese Nobelherberge leisten, viel zu groß für einen allein. Vielleicht ein Manager, dem die Frau weggelaufen war, aus welchem Grund auch immer. Offensichtlich hatte er eine besondere Vorliebe für alle weißen Dinge. Das Kinderlied von den Farben kam ihr in den Sinn und wie gerne sie immer die eine Stelle gesungen hatte, von dem Schatz, der ein Schneemann war. Insgeheim musste sie lachen, wenn sie daran zurück dachte. So lustig das Lied.
Sie legte den müden Kopf auf das Polster und streckte die Beine aus. Nur nicht einschlafen, dachte sie. In dem Moment entdeckte sie in diesem großartigen Ambiente das Eingangsportal. Da war doch der Ausgang. Sie sprang auf, lief zur Tür und drehte an dem goldenen Knauf. Auf einem gepflasterten Weg zwischen dicken Baumstämmen rannte sie zum Tor, dann stand sie auf der Straße. Das war noch einmal gut gegangen, alles Weitere würde sich finden. Nie wieder einen Cocktail, von dem sie nicht wusste, was darin enthalten war, schwor sie sich und überlegte, wohin sie jetzt gehen sollte. Nach links führte die Straße in einen Wald, zur anderen Seite machte sie eine Kurve. Sie wandte sich nach rechts.
„Wohin, Lady?“
Melanie fuhr herum und starrte in ein grinsendes Gesicht. Der Mann packte ihren Arm.
„Fass mich nicht an!“
„Du musst nicht schreien.“
„Ich schreie so laut ich will.“
Sie versuchte sich loszureißen. Als das nicht gelang, wollte sie ihm mit der freien Faust auf die Nase schlagen, doch blitzschnell griff er wieder zu und hielt nun ihre beiden Arme umklammert.
„Dich hört hier keiner“, höhnte er sichtlich amüsiert und presste seine dicken Finger so fest in ihre Oberarme, dass sie vor Schmerz aufschrie.
„Was willst du von mir, du alter Sack?“
„Aber, aber.“
„Also, was soll diese Inszenierung? Lassen Sie mich gehen, bitte!“
„Viel besser“, erwiderte er.
Wie blödsinnig zu glauben, dass diese Masche bei ihm zog.
„Aber sag doch einfach Viktor“, fuhr er in seiner widerlich höhnenden Tonlage fort. „Du wolltest die Inszenierung, Lady. Du wolltest unbedingt hierher. Und wie Recht du hattest. Hier ist es schön. Komm zurück in mein Paradies.“
Die Freiheit schien zum Greifen nah, doch diese Ausgeburt von Hässlichkeit schleppte sie durch das Tor und schloss es ab.
„Komm, Lady“, schmeichelte er und packte ihre Hand. Sie musste mit, ob sie wollte oder nicht, und befand sich wieder unter der gläsernen Kuppel. Als er auch noch die Hauseingangstür abschloss und sie mit zusammengekniffenen Augen angrinste, kam sie sich vor, wie die Protagonistin in einem Psychokrimi. Sie war in seiner Hand, besser gesagt, sie steckte in der Falle.
Es fiel ihr schwer, einen klaren Kopf zu behalten. Der Mann war stärker als sie und unberechenbar. Wie sollte sie ihn überlisten? Wenn sie nur nicht so schlapp wäre! Dieses verdammte Teufelszeug. Irgendwann sollte doch die Wirkung nachlassen. 

Die Aquarien in der Schwimmhalle hatte sie beim Hereinkommen nicht gesehen. Verborgen hinter den Hibiskuspflanzen standen sie an der Wand neben der Bar.
„Schau sie dir an, diese exotischen Schönheiten. Wie sie schwimmen, so frei, so elegant. Wunderbar, vor allem die weißen, findest du nicht?“
„Doch, doch.“

„Piranhas fressen Skalare. Wusstest du das, Lady? Dieser hier liebt die weißen.“
„Nein, bitte nicht …“, flehte sie, als er die weiße Schönheit aus dem kleinen Becken fischte. Er hielt das Netz hoch und schaute zu, wie der Fisch sich wand. Als er nur noch leicht zuckte, ließ der Mann ihn langsam in das größere Becken gleiten. Es dauerte eine Weile, bis der Gequälte zu schwimmen begann. Und es dauerte wieder eine Weile, bis der große Schwarze langsam aus seiner Ecke kam und sich der weißen Schönheit näherte.
„Schau genau hin, Lady. Siehst du die Zacken?“
Verzückt blickte er in den gierigen Rachen.
„Wie spitz sie sind, die Beißerchen. Und scharf. Siehst du, was er macht?“
So stark der Sog.
Zu stark.
„Ein herrliches Skelett“, schwärmte er, als der Schwarze sein Werk vollendet hatte. „Wie es schwebt. Ich kann mich nicht satt sehen.“
„Schneeweiß“, hauchte sie.
„Ja, so schön weiß“, flüsterte er und seine Augen blickten böse.
Sie wollte weglaufen, doch die Beine gehorchten nicht.
„Was ist mit dir, Lady? Deine Händchen. Sie sind ja so kalt. Komm zu mir.“
Ganz steif wurde sie, als er sie an sich zog.
„Ich spiel es noch einmal für dich. Hörst du es?“
Your skin has turned to white, sang Cat Stevens.

Von ganz weit entfernt hörte sie die Gitarre.
„Lass uns tanzen, Lady.“
Als er sie mit seinen Armen umschlang, drückte sein massiger Körper ihr die Luft ab. Sie hatte Angst zu ersticken, atmete schwer.

„Nein, nicht…“

Ihre Stimme.
„Ja, so ist es schön“, flüsterte er.

„Nein…“

Warum versagte ihre Stimme?  

„Du zitterst ja. Das musst du nicht. Viktor ist doch bei dir. Lass uns schwimmen, Lady.“

Ganz leise sprach der Mann.
So still hier.
Zu still.

 

 


 

Dienstag, 13. Juli 2021

Wem gehört die Pressefreiheit?

 



Die folgende Geschichte ist ein kleines Zeitfenster mit Blick hinter die Kulissen der ZEIT im Jahre 1953. Der Vorfall ist dokumentiert in Gerd Bucerius: Der angeklagte Verleger, Notizen zur Freiheit der Presse. Ich habe mir die Freiheit genommen ihn literarisch zu bearbeiten.

 

Wem gehört die Pressefreiheit?

 

Die ZEIT nicht interessiert an Anzeigen?

Unglaublich.

Lebensversicherungsplan in der ZEIT sehr schlecht besprochen?

Wer hatte diesen Artikel geschrieben?

Er sprang auf, rannte im Zimmer hin und her, lief zum Schreibtisch zurück, nahm den Telefonhörer und drehte die Wählscheibe.

Bevor sich in der Redaktion jemand melden konnte, knallte er den Hörer auf die Gabel, nahm das Schreiben aus der Postmappe und während er im Zimmer umherging, las er noch einmal den Text:

 

‚Sehr geehrter Herr Doktor Bucerius,

Herr Generaldirektor Werner übergab uns Ihren Brief vom 14. Mai des Jahres, mit dem Sie darum bitten, daß unser Haus seine Finanzanzeigen auch in der ZEIT veröffentlicht.

Nun hat die ZEIT  in ihrer vorletzten Ausgabe unseren neuen Lebensversicherungsplan 34c sehr schlecht besprochen. Ich nehme an, dass  Sie unter diesen Umständen auch an Anzeigen unseres Hauses nicht interessiert sind.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Albert - Generalsekretariat’

 

Gerd Bucerius holte tief Luft. Das ging entschieden zu weit.

Eine Frechheit war das.

Er setzte sich zurück an seinen Schreibtisch und dachte nach.

Nein, mit der Redaktion wollte er jetzt nicht reden. Völlig unwichtig, wer den Artikel geschrieben hatte. Hier musste er als Verleger reagieren. Was hatten Anzeigen mit journalistischen Inhalten zu tun? Diese Unverfrorenheit einer Unternehmung gehörte an die Öffentlichkeit. Einen Artikel für die nächste Ausgabe würde er darüber schreiben. Dann könnte jeder mit eigenen Augen lesen, wie korrupt hier ein Unternehmen versuchte, Einfluss auf die Presse zu nehmen.

Er schraubte den Füllhalter auf und notierte seine Gedanken:

Wie wird ein Presseorgan finanziert?

Was sind die Aufgaben eines Verlegers?

Welche Freiheiten haben Redakteure und wo sind ihre Grenzen?

Können Verleger ihren Redakteuren vorschreiben, was sie schreiben?

Können Anzeigenkunden Verlegern vorschreiben, was ihre Redakteure zu schreiben oder nicht zu schreiben haben?

Wem gehört eigentlich die Pressefreiheit?

Er schraubte den Füllhalter zu und legte ihn zur Seite. Ein Unternehmen öffentlich bloßstellen? Ein Bumerang wäre das. Ein Artikel war doch nicht der richtige Weg. Schlechter Stil und nichts als Ärger wäre die Folge. Im Übrigen wäre es auch nicht klug, zumal in der jetzigen Situation. Die finanziell angeschlagene ZEIT benötigte dringend jede Mark. Denn da blieb immer noch die drückende Frage: Wie kommt die ZEIT aus ihrem finanziellen Loch heraus?

 

Einen Termin machen mit dem Generaldirektor und dem Chef der Werbeabteilung? Ein Gespräch führen? In Ruhe die Gegenseite anhören und sachlich seinen Standpunkt darstellen? Keine Verquickung der Kompetenzen von Verlag und Redaktion.

Doch…eigentlich selbstverständlich in demokratischen Strukturen. Wegen einer Selbstverständlichkeit sollte er zu Kreuze kriechen? Auf gar keinen Fall würde er das tun. Es würde sich bei den Unternehmungen herumsprechen und man würde immer wieder versuchen, ihn und seine Mitarbeiter unter Druck zu setzen. Die ZEIT brauchte zwar Geld und musste Anzeigen verkaufen, aber nicht um jeden Preis.

 

Einige Tage später hatte er die Antwort formuliert und bat seine Sekretärin zum Diktat:

 

Sehr geehrter Herr Albert,

freundlichen Dank für Ihren Brief vom 20. Mai. In Ihrem Hause ist es nicht ganz klar, dass Redaktion und Anzeigenabteilung einer Zeitung scharf getrennt sind. Damit sich solche Mißverständnisse nicht wieder ereignen, habe ich die Anzeigenabteilung der ZEIT angewiesen, Anzeigen Ihres Hauses nicht mehr entgegenzunehmen.“

 

(Kursiv gedruckte Textstellen sind zitiert aus: Gerd Bucerius: Der angeklagte Verleger, München 1974, S. 14-15)

 

 

©Renate Hupfeld 11/2006

 


Montag, 3. Mai 2021

Ruhe gibt es nicht


Wieder so ein Horrorszenario im Fernsehen. Sie mag gar nicht mehr hinschauen, doch unerbittlich dringen die Bilder mit den Nachrichten in ihr Wohnzimmer. Dort, wo Straßen waren, liegen leblose Körper im Schutt. Einer wird in einem verschmutzen Tuch zum Ambulanzwagen gebracht. Helfer im Laufschritt. Zwischen den Trümmern ein weinendes Kind. Viele sind noch verschüttet. Das hat sie doch alles selbst erlebt. Wann gibt es endlich Ruhe? Immer wieder diese Panik. Sirenengeheul, zum Bunker hetzen, das Brummen der Bombenflieger, ja noch hineinkommen, bevor die Eisentür verschlossen ist. Donnern, wieder Donnern, noch einmal und noch einmal. Der Bunker bebt, schwankt entsetzlich. Alle schreien. Wo ist Jupp? Totenstille in der Stadt. Jupp unter den Trümmern. Nein, nein, das will sie nicht. Das braucht sie nicht. Zitternd greift sie neben sich nach der Fernbedienung. Auf dem anderen Kanal sieht es nicht besser aus. Sie haben nur noch das, was sie am Körper tragen. Eine Frau kauert auf einem Trümmerfeld, wo vorher ein Haus stand. Uralte Frau. Nie mehr findet sie einen Weg, hat nicht einmal mehr Kraft für Tränen. Was heißt Interessen der Konfliktparteien, Herr Professor? Die finden doch immer Gründe. Woher haben sie die Waffen? Nein, nein, nein, das hört nie auf. 
Sie schaltet den Fernseher aus, sitzt schweigend im Sofa und starrt auf den dunklen Bildschirm. Wieder so ein schrecklicher Tag. Das geht nie vorbei. Sie will nur noch Ruhe.
Das Telefon.
Nicht jetzt.
Jetzt nicht, Verena. Ich kann nicht telefonieren, das musst du einsehen. Heute nicht. Ich weiß, du wolltest nach dem Abendessen anrufen, das hattest du versprochen, es war auch so vereinbart. Vorher hast du es nicht geschafft, musstest lange arbeiten heute. Aber ich kann nicht. Ja, ja, extra große Buchstaben und Zahlen auf den Tasten, ich weiß. Alles wunderbar zu erkennen. So einfach jetzt. Das hast du richtig fein gemacht, sag ich doch. Eine wahre Perle bist du, kümmerst dich um alles. Du meinst es so gut, keine Frage. Aber es geht wirklich nicht.
Nicht jetzt.
Nicht heute.
Ob alles in Ordnung ist? Sicher, es geht mir gut. Sehr gut sogar. Glaube mir. Wunderbar geht’s mir. Gegessen? Was für eine Frage. Klar hab ich gegessen. Ein paar Zwiebäcke. Zum Kochen hatte ich gar keine Zeit heute. Morgen wieder. Ganz gewiss mach ich das morgen. Keine Panik. Ich weiß doch selbst, dass ich essen muss. Wenn ich leben will, muss ich essen. Getrunken hab ich auch, obwohl ich eigentlich gar keinen Durst habe. Den Rest von dem roten Saft, den du mitgebracht hast, ich weiß nicht mehr wann. Nein, du musst nicht vorbeikommen. Heute nicht. Auf keinen Fall heute. Mach dir keine Sorgen. Es ist alles hier, was ich brauche. Die Medikamente kannst du mir beim nächsten Mal mitbringen, für heute reichen sie auf jeden Fall, beste Verena. Wenn ich dich nicht hätte! Wäsche? Ja, ja, Nachthemd und Schlüpfer hab ich gewaschen, wie du gesagt hast, die Sachen liegen noch in der Badewanne. Ja, das Bücken. Nein, ich schaffe das schon allein. Morgen komme ich dazu, auswringen und auf den Wäscheständer hängen. Ich muss mich ja nicht beeilen. Zeit habe ich doch genug, den ganzen langen Tag. So viel Zeit. Ich passe schon auf, dass ich nicht wieder stürze. Seniorennotruf, höre ich dich wieder sagen. So ein technisches Ding um den Hals? Ich glaub’s dir wohl. Du kannst es aber auch nicht lassen. Immer wieder fängst du davon an. So weit bin noch nicht, noch lange nicht. Ich schaffe das noch gut alleine. Sogar sehr gut, das siehst du doch selbst.
Lege den Hörer auf, Verena, heute wird das nichts mit uns am Telefon.
Soziale Kontakte? Ha, dein Lieblingsthema! Soziale Kontakte! Die Formulierung liebst du wohl über alles. Denk doch mal nach! Ist denn noch einer da von der Kegelrunde und vom Canasta? Keiner mehr. Auch in der Straße. Keiner mehr da. Das weißt du ganz genau und fragst trotzdem immer wieder. Immer wieder dieses Thema. Wo sind sie denn, die sozialen Kontakte? Alle weg. Das hast du wohl ganz vergessen. Oder du willst es nicht wahrhaben. In anderen Dingen bist du doch so helle, aber an dem Punkt bist du begriffsstutzig. Schon mal die Totenglocke gehört? Heute wieder, ich wohne ja nahe genug am Friedhof. Sensenmann hat sie alle mitgenommen. Wer weiß, wohin. Wie oft muss ich dir noch erklären, was das bedeutet? Es bedeutet, ich habe nur noch dich, Verena. Nur dich und sonst niemanden. Wir telefonieren doch jeden Tag und du kommst vorbei, wenn ich das möchte. Das reicht mir völlig. Ich habe keine Langeweile. Der Fernseher ist da doch noch. Na gut, heute gibt’s kein gescheites Programm. Das kommt schon mal vor. Am Samstag gab’s meine zwei Freunde, so schnuckelig in ihren weißen Anzügen, hab ich dir doch erzählt. Das ist Musik für’s Herz. Ja, die CD war ein schönes Geschenk, aber noch besser ist es, wenn ich diese Amigos auch sehe. Meine Freunde. Wie sie mich anlächeln, als würden sie extra für mich singen, vor allem Karl-Heinz mit der Gitarre. Demnächst bin ich wieder dabei und klatsche mit. Heute nicht. Gib’s auf, Verena. Nein, nein und nochmals nein!  Leg den Hörer auf. Zum Telefon kann ich jetzt nicht gehen. Wirklich nicht. Heute brauche ich mal Ruhe. Das musst du einsehen. Nichts als Ruhe. Endlich Ruhe. Das verstehst du doch. Ich weiß, dass du das verstehst.
Das Telefon ist still. Tante Käthe ist auf dem Klo, wird Verena denken. Später wird sie es noch einmal versuchen. Das kann eine Weile dauern, Verena ist hartnäckig. Doch Käthe wird auch später nicht telefonieren. Heute will sie nur noch ins Bett.
Sie versucht auf die Beine zu kommen, sackt aber immer wieder zurück in ihre Sofasitzkuhle, müsste dringend höher sitzen, damit sie von ihrem Fernsehplatz besser aufstehen kann. Ein Kissen auf dem Sofa wäre gut, so eins von diesen Keilkissen. Verena hat das schon vor Wochen vorgeschlagen, gestern erst wieder am Telefon. Sie hat sogar schon eins besorgt und wollte es eigentlich heute vorbeibringen, zusammen mit dem Toilettensitz, damit auch da das Hochkommen einfacher wird. Doch heute geht das auf gar keinen Fall. In ein paar Tagen vielleicht. Irgendwann einmal. Nicht heute. So wichtig ist das nicht.
Immer dieses Zittern.
Gestützt auf den Stock schleppt sie sich in die Küche. Die Beine machen nicht mehr mit, sie gehorchen einfach nicht. Ihre Nervchen, hat der Doktor gesagt. Was ist nur mit ihren Nervchen? Beruhigung braucht sie, ihre Pillen, damit endlich dieses Zittern aufhört.
Am Spülbecken füllt sie das Wasserglas. Dann einige Schritte zum Schrank. Die kleinen weißen Dinger. Wenn sie die nicht hätte. Ein paar Tage reichen sie noch. Dann bringt Verena neue aus der Apotheke. Liebste Verena. Was würde sie nur tun ohne ihre Nichte? Schrecklich wäre das. Überhaupt kein Leben. Für dieses Goldstück kann sie ihrer Schwester noch immer dankbar sein. Kein Wunder, dass sie immer so stolz war auf dieses Kind, allen Grund hatte sie dazu. Ein wunderbares Kind. Auch ihr Kind. Das Kind von Grete und Käthe. Zwei Frauen, ein Kind und keine Männer. Jupp unter Trümmern, Rudi nie mehr wieder gekommen. Irgendwo verscharrt, in Merefa. Heldentod im Süden der Ostfront. Ein Pfundskerl war Rudi. Verena ist ihm so ähnlich. Der verflixte Plastikrand. Warum steckt der Deckel immer so fest? Die Dinger rappeln im Glas und sie kommt nicht ran. Gottlob noch so viele darin.
Dieses verdammte Zittern.
Nicht nervös werden. Mit den Fingernägeln geht’s vielleicht. Warum hat sie den Verschluss nur so fest hineingedrückt gestern? Sie braucht doch diese verdammten Dinger, muss es schaffen. Unbedingt. Dabei auch noch den lästigen Stock festhalten, damit er nicht umkippt, auf die Fliesen fällt und sie dann stolpert, wenn sie ihn aufheben will, alles versucht, das aber trotzdem nicht schafft, vielleicht sogar das Übergewicht kriegt und dann wieder auf dem Küchenboden liegt, hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken, so lange, bis ihr nach vielen Stunden jemand helfen kann. Vielleicht.
Nein, das darf nicht passieren. Wie sie dieses lange Ding hasst! Sie lehnt vorsichtig den Knauf gegen eine Schrankschublade, an eine Stelle, wo sie ein wenig offen steht, das gibt Halt, will das sperrige Teil mit den Beinen fixieren. Kaum möglich mit ihren Zitterknien. Was für ein Elend mit den Beinen.
Wie soll das nur noch weiter gehen?
Demnächst sollte sie doch den Gehwagen benutzen. Sie wollte ihn eigentlich gar nicht in der Wohnung haben. Verena hat ihn trotzdem mitgebracht. Geschimpft hat sie mit ihrer Nichte, doch die war hartnäckig, hat ihn nicht wieder mitgenommen, sondern in die dunkle Ecke im Flur gestellt. So hartnäckig. Jetzt wäre er eine richtige Hilfe. Sie müsste ihn nicht die ganze Zeit festhalten wie den kippeligen Miststock oder mühsam irgendwo anlehnen, würde einfach die Bremse feststellen, damit er nicht wegrollt, könnte sogar im Korb etwas ablegen und sich jetzt kurz auf den schwarzen Steg setzen und alles in Ruhe machen. Und sie könnte endlich mal wieder eine Runde mit Verena spazieren gehen ohne Angst hinzufallen. Sorry, Verena, du hast recht gehabt. Vielleicht sollte ich über deine Idee mit dem Seniorennotruf auch mal nachdenken. Verzeih mir, du liebes hartnäckiges Kind. Es dauert manchmal sehr lange, bis ich etwas einsehe. Halsstarrig war ich schon immer, das hat deine Mutter auch immer geärgert. Es ist noch schlimmer geworden mit mir. Da bist du doch richtig geduldig. Dabei bist du auch nicht mehr die Jüngste. Ich sollte doch langsam vernünftiger werden. Sie ruckelt und zerrt am Verschlussdeckel, so kräftig, dass sie Angst hat, der wertvolle Schatz würde auf den Boden fallen. Ja nicht! Die Katastrophe wäre das. Der Deckel gibt nach. Endlich! Alles gut gegangen. Nur die Ruhe. Sie schüttet sich ein paar von den weißen Pillen in die zittrige Hand. Heute nimmt sie mal wieder zwei oder drei, oder auch mehr. Wunderbar!


Kurzgeschichte aus: Wenn wir von Liebe reden

Donnerstag, 15. April 2021

Er ist grün


„Bei dir ist es immer so schön, Oma. Darf ich in deinen Schrank gucken?"

„Du bist ja schon dabei, kleine Schmeichlerin.“

„Vielleicht finde ich wieder einen Schatz.“
„Pass nur auf, dass nichts herunter fällt, vor allem nichts, das zerbrechen kann.“
„Wie die Tassen hier, nicht wahr? Die sind gar nicht so wie bei Mama und Papa. Jede sieht anders aus.“
„Sammeltassen sind das. Die sammelt man. Jedenfalls hat man das früher gemacht.“
„So schöne Bilder drauf und viel Gold, bestimmt ganz wertvoll.“
„Ich weiß nicht, aber für mich sind sie sehr wertvoll.“
„Für mich auch, Oma, vor allem die mit dem grünen Vogel. Ich kann die Federn sogar fühlen. Darf ich die mal herausnehmen?“
„Ja, ja, aber ganz vorsichtig.“
„Wie schön er aussieht. Kann man aus den Sammeltassen auch trinken?“
„Sicher kann man das. Dazu sind sie ja eigentlich da.“
„Dann möchte ich aus dieser mit dem Vogel Kakao trinken.“

„Du kommst auf Ideen, meine Kleine.“
„Gute Ideen. Bleib nur sitzen, ich hole schon alles.“
Laura lief in die Küche und war flugs wieder da.
„Hier, Milch, Kakaopulver und zwei Löffel.“ Sie legte die Sachen auf dem Tisch ab und flitzte gleich wieder los, zum Schrank. „Ich hole noch eine Tasse für dich, Oma. Welche möchtest du?“
„Für mich? Ja, warum eigentlich nicht? Schau mal nach der mit der roten Rose. Die hat mir immer so gut gefallen.“
Laura musste nicht lange suchen. Schnell kam sie mit der Rosentasse zurück. „Lass nur, ich mach das schon“, sagte sie, als die Großmutter sich mit dem Schraubverschluss der Milchpackung abmühte, und bereitete die Getränke zu.
„Hier, siehst du? Rose und Vogel. Sogar mit Untertellern, rot für dich und grün für mich.“
Sie setzte sich neben Oma auf das Sofa und betrachtete zufrieden das Tassenpärchen.
„Wunderbar hast du das gemacht, mein kleiner Schatz. Wie geschickt du bist!“

„Du bist auch geschickt, Oma. Und weißt du, in was?“

„Was meinst du?“
„In Geschichten erzählen. Die sind immer so spannend. Bitte!“
„Du kannst betteln. Wer könnte dir widerstehen? Mir ist doch auch gerade wieder eine eingefallen.“
Laura rückte nah an Oma heran, als die zu erzählen begann.
„In einem Wald lebte einmal ein wunderbarer Vogel. Mit seinem samtgrünen Gefieder und den purpurroten seidigen Federn auf dem Kopf war er nicht nur wunderschön, er war auch der beste Flieger im Wald.  Die anderen Vögel schauten zu, wenn er im Sonnenschein mitten auf der großen Lichtung die grünen Flügel ausbreitete, sich in die Lüfte erhob, ein paar Runden flog und elegant auf einem Baum landete. Er hieß König Grün. Du kannst dir ja vorstellen, warum.“
„Ja; klar. Lebte König Grün denn alleine oder hatte er eine Familie?“ Laura nahm Omas Hand.
„Er lebte sehr glücklich mit seiner Frau in ihrem gemütlichen Nest hoch oben im Baum und sie bekamen einen wundervollen Sohn. Der Vater lehrte den Kleinen alles, was so ein junger Vogel können musste.“
„Vor allem fliegen“, meinte Laura.
„Ja, vor allem fliegen, aber auch den Baumstamm hochklettern, Gefahren meiden und Nahrung finden, Würmer, Larven, oder auch Samenkörner. Jeden Morgen und jeden Abend speisten sie zu dritt auf der Wiese, den Jungen hatten sie in der Mitte. Dem sah man schon bald an, dass er einmal sehr schön werden würde.“
„Genau so schön wie sein Vater?“
„So richtig grün war er noch nicht. Das Gefieder war noch hell gesprenkelt, bekam aber allmählich einen grünlichen Schimmer. Der Kleine lernte sehr schnell und machte gute Fortschritte, vor allem im Starten und Landen. Daran hatte er so viel Spaß, dass er von morgens bis abends übte. Nach einigen Wochen war es dann so weit, dass er zusammen mit dem Vater eine kleine Runde fliegen und sicher auf dem Baum landen konnte. Jeden Tag flogen die beiden nun ihre Runden und wenn die Landung geglückt war, bekamen sie Applaus von den vielen anderen Vögeln im Wald. Und was meinst du wohl, wie die Mama und der Papa ihn nannten.“
„Prinz Grün“, rief Laura.
„Richtig, so nannten die Eltern ihn. Sie waren stolz auf Prinz Grün, der sich zu einem wahren Flugkünstler entwickelte. Immer mehr Vögel kamen und wollten ihn sehen, weil er noch höher flog als sein Vater. Manchmal stürzte er sich senkrecht herunter und zog kurz vor dem Boden noch einmal hoch. Davon konnten die Zuschauer gar nicht genug bekommen. Es sprach sich herum und Prinz Grün wurde die Attraktion des Waldes. Das war auf der einen Seite schön, doch auf der anderen Seite war es gar nicht gut, denn kurz darauf geschah etwas Schreckliches.“
Laura kuschelte sich noch enger an die Oma und drückte ihre Hand.
„Stell dir vor, Prinz Grün wurde immer mutiger, seine Runden immer größer und eines Tages kam er nicht mehr zurück.“
„So ein dummer Prinz! Warum hat er das gemacht?“
„Wohl, weil er seine Freiheit wollte.“
„Und wo war Prinz Grün dann?“
„In einen anderen Wald, ganz weit entfernt.“
„Und jetzt? Was machten Papa und Mama jetzt? Gingen sie ihn suchen?“
„Die Eltern wussten ja nicht einmal, wo der andere Wald war. Was sollten sie machen? Ihr Glück war zerstört. Sie waren verzweifelt, vor allem die Mutter. Die war so traurig, dass sie seitdem nichts mehr essen wollte. König Grün versuchte alles, um sie zu trösten, ging nur zum Nahrung suchen von ihrer Seite und brachte ihr die fettesten Würmer und Larven. Nichts half. Sie wurde immer schwächer und eines Morgens fand er seine Frau tot unter dem Baum liegen.“
„Da war er ja ganz alleine, der Arme“, sagte Laura.
„Ja, er fühlte sich sehr einsam, konnte sich über nichts mehr freuen und an Fliegen war bald gar nicht mehr zu denken. Selbst das Laufen fiel ihm von Tag zu Tag schwerer.“
„Er wurde ja auch immer älter, wie du, Oma. Hier, das Trinken nicht vergessen!“ Laura reichte ihr die Rosentasse und nahm selbst einen Schluck Kakao aus der Vogeltasse.
„Das kam noch hinzu. Mit dem Alter wurde er immer kraftloser, wie das eben so ist. Da er auch nicht mehr klettern konnte, musste er sein Nest im Baum aufgeben und legte sich nachts unter einen Strauch. Doch da hatte er schreckliche Angst vor den Füchsen und konnte überhaupt nicht mehr schlafen. Als er sein Elend gar nicht mehr ertragen konnte, verließ er den Wald.“
„Vielleicht findet er Prinz Grün, Oma.“

„An seinen kleinen Jungen dachte er natürlich die ganze Zeit. Wenn er nur gewusst hätte, wo er ihn finden könnte. Jedenfalls humpelte er erst einmal los, nur weg von diesem Ort wollte er. Unglücklicher konnte er ja gar nicht mehr werden. Der Weg führte über viele Felder zu einem Pfad am Flussufer, dann zu einem See. Am Abend fand er Unterschlupf im Schilf.“
„Und dann? Als es dunkel wurde? Hatte er wieder Angst?“
„Er war so müde, dass er sofort einschlief. Am nächsten Morgen schien sogar die Sonne. Zwischen den Pflanzen am Ufer fand er ein paar Larven zum Frühstück. Als er sich ein wenig gestärkt hatte, ging er weiter und kam auch einigermaßen gut voran, bis nach einer ganzen Weile seine Kräfte nachließen. Die Beine wollten nicht mehr so recht. Ja nicht aufgeben, dachte er, kämpfte sich durch das sumpfige Dickicht und schleppte sich weiter. Als es wieder Abend wurde und er einen Platz für die Nacht suchte, stand er plötzlich vor einem Zaun. Er schaute hindurch auf eine Wiese.“
„Nein!“, seufzte Laura.
„Keine Bange, mein Schatz. König Grün hatte es sehr gut angetroffen. Viele Vögel waren dort zum Abendessen versammelt, klein und groß, grau, schwarz, gelb, blau und rot. Es war der Garten einer alten Frau, die Tiere sehr liebte, und allen half, vor allem half sie denen, die in Not waren. Sie hatte ihn auch gleich entdeckt und ging, auf ihren Stock gestützt, zum Zaun. ‚Was bist du so ein schöner Grüner! Komm herein’, sagte sie und hob den Maschendraht ein wenig hoch, damit er hindurchschlüpfen konnte.“
Laura rannte zum Fenster.
„Oma, schau mal, da ist er schon auf der Wiese mitten zwischen den anderen und findet Würmer und Larven. Jetzt kann ihm nichts mehr passieren. Und sieh doch mal, wer da oben im Mirabellenbaum sitzt!“, rief sie ganz aufgeregt. „Der Prinz! Er ist grün!“



aus: Wenn wir von Liebe reden

Sonntag, 21. März 2021

reset

manchmal
kommt's echt blöd
regenwetter
und dann so was

wenn mir heute
noch jemand
blöd kommt
reicht's

was
mach ich dann
mit der laune?

mir 
fällt schon
was ein

bin 
zuversichtlich
eigentlich

vielleicht
gibt's nachher 
ein paar
sonnenstrahlen

eigentlich
ärgere ich mich
über mich selbst

war mir
zu sicher

reset

hass und hetze

bitte aggressionsräume
für alle diejenigen
die
jenseits
von anstand und moral
den tragischen tod
eines kleinen jungen
missbrauchen
um hass und hetze 
in die welt
zu schleudern

frankfurt hauptbahnhof gleis 7
montag den 29. juli 2019 gegen 10 uhr
r.i.p. kleiner mann
ich bin so traurig

rückwärts geträumt

ziegenpfad
oder
shoppingmall
tinizara
oder
las palmas

visionen
rückwärts
geträumt

ratschläge im netz

ratschläge im netz
bekommst du täglich

welche hose du auf keinen fall tragen sollst
welches wort du auf keinen fall benutzen sollst
mit wem du auf jeden fall reden solltest
woran du merkst, dass dein mann fremd geht
was du auf keinen fall essen solltest
was du auf jeden fall essen solltest
wie du dich aufs klo setzen sollst

warum du all diesen scheiß 
nicht lesen solltest
erfährst du nicht

...noch einmal neben dir

könnte ich
noch einmal
neben dir
sitzen
im kurpark
am springbrunnen

hol dir einen sessel
sagst du

mach ich
sag ich
und

sitze eine weile
neben dir 
du im rollstuhl
ich im weißen sessel

eine ganze weile
die fontäne anschauen
eine ganze weile

das ist wie 
im kurpark von norderney
sagst du

könnte ich 
noch einmal
neben dir
sitzen im kurpark
am springbrunnen

Sonntag, 22. Dezember 2019

Wie ein Ren(n)tier


Zwischen Tannenbäumen mit dicken bunten Kugeln und Päckchen mit roten Schleifen hangele ich mich von Schaufenster zu Schaufenster, von Laden zu Laden, auf der Suche nach dem perfekten Geschenk. Ja, kaufen soll ich. Perfekt kaufen. Doch was soll ich kaufen? Diejenigen, die ich beschenken will, haben alles, was sie brauchen. Und was sie nicht haben, wird ihnen nicht fehlen, weder ultimative Pullis, Hosen, Hemden, Uhren, Schmuck, Schlafanzüge noch Tassen, Teller und Schüsselchen. Bücher und CDs gehen eigentlich immer. Metallica, Leonard Cohen und Westernhagen in den Top Ten. Doch kann ich damit Freude schenken? Ich freue mich gerade über das Ren(n)tier, das durchs Center rennt und warte auf den Tag, wenn Ruhe ist im Land.

Samstag, 14. Dezember 2019

Gibt's überhaupt den Weihnachtsmann?




Gibt’s überhaupt den Weihnachtsmann?

Oma, der Liam sagt, den Weihnachtsmann gibt es gar nicht.
Ach Jan, der will dich nur ärgern.
Weiß ich doch. Aber wie sieht er denn aus?
Gute Frage, so richtig hat ihn ja noch keiner gesehen.
Stimmt, er ist immer schon weg, wenn er die Geschenke gebracht hat. Kommt er eigentlich mit dem Schlitten vom Himmel?
Manche glauben das, ich hab eine andere Idee.
Nicht mit dem Schlitten?
Durch die Wolken schon, aber anders. 
Jedenfalls kommt er vom Himmel, aber wie? 
Als Spaceman im Raumanzug. Ich hab mal ein Lied gehört, da kommt er am Weihnachtstag aus dem Weltall und landet direkt im Stall von Betlehem. Eine ganze Schar Engel begleitet ihn und als sie das Kind in der Krippe erblicken, singen sie ein wunderbares Lied. Alle hören zu und freuen sich, Maria und Josef, die Hirten und die Tiere. 
Und was ist mit den Geschenken, Oma?
Der Spaceman Weihnachtsmann bringt das größte Geschenk, das jemand machen kann, für alle Menschen auf der ganzen Welt.
Ach Oma, jetzt machst du mich aber neugierig. Was ist es denn?
Liebe und Frieden, Jan, für alle Menschen, auf der ganzen Welt.

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Limburg-Süd


In diesem Jahr hatte ich schon einige Male die Gelegenheit, eine Zeit am Bahnhof Limburg-Süd zu verweilen, heute mal wieder, auf den ICE nach Köln warten. Mit Hilfe einer besonders großen und groß beschrifteten Taste an einer Säule öffne ich die schwere Tür zum Bahnhofsgebäude. In diesem Moment wird mir klar: das gute Stündchen wird verdammt lang werden. Hier gibt’s zwar einen Backshop mit ein paar Tischchen, doch der hat nur bis Mittag geöffnet. Neuerdings ist sogar der Durchgang mit einem Gitter abgesperrt. Naja. Hoffentlich hat der 15:49er nicht auch noch Verspätung wie vor einer Woche. Ich gehe auf die andere Seite des Innenraums und setze mich auf eine Bank. Hier hab ich schon mal einen Blick über Gleis 1 und vier Schienenstränge hinweg zu Gleis 4, auf dem mein ICE später dann ein- und abfährt. Kein Mensch weit und breit.
Ich hab Kaffee und Brötchen im Rucksack und WLAN. Das hilft ein paar Minuten, bis vom graufleckigen Boden Kühle an mir hochkriecht. Immerhin bin ich hier ja geschützt gegen den oktobrigen Herbstregen. Doch ich muss mich bewegen und drücke die Taste für die schwere Tür zum Gleisbereich. Da lande ich auf Gleis 1 direkt neben der Treppe, die etliche Stufen hoch zum Übergang führt. Pfützen auf dem Plateau, das Dach ist also an einigen Stellen undicht. Egal, von hier hab ich einen Blick auf die Gleise, auf der einen Seite Richtung Frankfurt, links Felder nach Lindenholzhausen, rechts ein großes Parkhaus, auf der anderen Richtung Köln, links Bürogebäude und Parkplatz, rechts Büsche und Felder. Wie aus dem Nichts rauscht ein ICE von Köln heran, rast auf einem der mittleren Gleise und ist auch schon wieder weg nach Frankfurt. Im Gegensatz zum rasenden ICE kriecht die Zeit. Ach ja, Bewegung.
Ich gehe die Treppe hinunter auf Gleis 4, wo ich in einer knappen Stunde befreit werde. Blaues Display noch ohne Information. Dafür eine Durchsage, man soll auf sein Gepäck achten. Ach ja! Ich bin immer noch der einzige Mensch weit und breit. Auf dem Bahnsteig gehe ich in Frankfurter Richtung bis zum Ende, Treppe hoch zu den Feldern, oben ein Fahrrad am Geländer angekettet. Beim Zurückgehen sehe ich, wie oben der Minutenzeiger weiterspringt. Schön! Ein paar Mal mache ich diese Strecke, dann das Gleiche in Kölner Richtung bis zum Ende und Treppe auch hier. Kein Fahrrad. Ein paar weitere ICEs sind inzwischen durchgezischt.
Und plötzlich weiße Schrift auf blauem Display. 15:49, Köln Hbf. Jawoll. Und da sitzt auch schon eine Frau mit Smartphone auf der Bank und gegenüber auf Gleis 1 stehen inzwischen ein paar Reisewillige in Richtung Frankfurt. Ansage für Gleis 1: Der ICE um 15:57 fällt aus, wegen technischer Störung am Zug. Sie bleiben trotzdem stehen, warten wohl auf den nächsten oder Ersatz. Keine Ansage für Gleis 4, das verspricht Erlösung. Die kommt tatsächlich pünktlich. Der ICE bringt mich in 40 Minuten über die Hohenzollernbrücke in den Kölner Hauptbahnhof, wo auf Gleis 2 der 16:44er ICE über Wuppertal Richtung Berlin bereit steht. Durch das Gewusel auf Gleis 4, die Treppe hinunter und hoch auf Gleis 2 hasten und reinspringen. Geschafft. 17:55 bin ich in Hamm.


Mittwoch, 31. Juli 2019

warum verhaften sie mich?

sie haben kein recht
mich zu verhaften
sagst du

doch 
sagen sie

und warum?
fragst du

weil du ein arschloch bist
sagen sie

Kafka in Berlin

Dienstag, 21. Mai 2019

Alan am Strand

rotes t-shirt
blaue kurze hose
dunkle Schuhe
mit klettverschluss
helle sohlen

neben dem kleinen körper
die kleinen arme
hände zum himmel
schwarze haare
durchnässt
zwischen der gischt
in der brandung
alans gesicht
im nassen sand

alan
nur drei Jahre
durfte er leben
bevor er
aus dem überfüllten boot
hinausgeschleudert wurde
in die hohen wellen
seinem vater
aus den händen entglitt
an den strand gespült wurde
dort liegen bleibt
mit dem gesicht
im nassen sand
für immer

r.i.p. alan kurdi
aus kobane
drei jahre alt
auf der flucht

ertrunken im mittelmeer

am 2. september 2015

Montag, 20. Mai 2019

arguineguin

es passierte 
vor der küste
von arguineguin
im süden von gran canaria
westlich von maspalomas
und playa del ingles
von marokko kam das boot
mit wenigen menschen
drei waren eine kleine familie
mutter, vater, 1-jähriges kind
vor der küste von arguineguin
sollten sie das boot verlassen
sagte der kapitän
schwimmend den strand erreichen
auch
mutter, vater, 1-jähriges kind
mutter nahm das kind
in ein tuch auf den rücken
würde das gut gehen?
das kind rutschte aus dem tuch
in den atlantik
mutter wollte es retten
vater wollte mutter und kind retten
mutters leiche wurde an den strand gespült
die leiche des 1-jährigen jungen zwei tage später
den vater suchen die behörden noch
es war einmal
eine kleine familie

Dienstag, 12. Februar 2019

Holly und die Second


Pastor Sundermeier meint es ja gut, doch er kann mir nicht helfen. Was versteht der schon? Überlege dir gut, was du tust, Holly, hat er gesagt.
Da ist nichts mehr zu überlegen, Herr Pastor. Ich habe mir das gut überlegt und alles bestens vorbereitet. Es gibt keinen anderen Weg. Ich habe getan, was ich konnte. Immer treu zu ihm gehalten, ihm aus der Patsche geholfen, als er den Job verloren hatte, mich um den ganzen Scheiß in Haus und Garten gekümmert, geputzt, gewaschen, eingekauft, gekocht, jeden Morgen seine Sachen weggeräumt, Schuhe im Wohnzimmer eingesammelt, in den Schuhschrank gepackt, seine Hemden gebügelt, Socken sortiert wie blöde. Wie er es wollte. So, wie es sich gehört. Selbst diese neuen Boxershorts hab ich fein zusammengelegt. Mehr geht nicht.
Was Manfred dazu sagt?
Nichts. Gar nichts. Wie denn auch? Midlife ist angesagt.
Verstehst du nicht?
Dachte ich mir. Mitternacht ist längst vorbei und der ist immer noch nicht in seinem Bett. Das ist Midlife.
Wo er ist?
Fitnessstudio oder Tennis, was weiß ich denn? Mich geht das doch nichts an, sagt er, und schon gar nicht seine Geschäftsreisen. München, Hamburg, Berlin und Frankfurt. Ein ganz neues Outfit und Duftwasser hat er sich zugelegt, Hemden nicht mehr von P & C, sondern von diesem Laden in der MyZeil. Der stellt sich doch tatsächlich mit den Kids vor den Eingang mit den Sixpack Beachboys, um sich das Zeug zu beschaffen. Was sagst du dazu, Pastorchen? Fast fünfzig Jahre alt und wartet geduldig in der Schlange, wo allerhöchstens mal Papas für ihre Kleinen Mitbringsel besorgen, zum Beispiel T-Shirts oder Hemden mit diesem Label. Frei wie ein Vogel. So weit ist es mit ihm gekommen.
MyZeil kennst du nicht?
Woher auch? Macht ja nichts.
Neuerdings zieht es ihn auch in Diskotheken. Wahrscheinlich nicht alleine. Interessiert mich gar nicht, mit wem er sein Spielchen treibt. Mit mir jedenfalls nicht mehr.
Meine Phantasie geht mit mir durch?
Stimmt, geht sie, doch anders, als du es dir vorstellen kannst.
Durststrecke im Leben? Gute und schlechte Tage?
Hör auf mit diesem Durchhaltequatsch, kleiner Pastor. Du machst es dir einfach, stellst dich auf die Kanzel und schaust in fromme Gesichter. Nichts gegen deine Predigten, doch die sind in den Wind gesprochen. Du hörst auch nicht, wie sie übereinander herziehen, hinterher, wenn sie das Gotteshaus verlassen, wo du Nächstenliebe predigst. Wer weiß, was sie über mich reden. Und weißt du, was mir klar geworden ist? Am Sonntag in der Kirchenbank knien und in das ewige Licht glotzen bringt mir nichts.
Glotzen ist zu heftig?
Na gut, nehme ich zurück. Verklärt gucken trifft es auch. Ich jedenfalls nicht mehr. Und was ich dir schon immer sagen wollte: Dein Landfrauenverein ist nicht meine Welt. Radeln für einen guten Zweck hört sich zwar als Aufhänger im Blättchen gut an, doch das geht auch ohne mich. Und Kuchen backen für den Missionsbasar können sowieso andere besser. Ich bin keine Landfrau.
Vermitteln willst du, mit Manfred reden, ihn fragen, warum er in der Gegend herumturnt, anstatt in seinem Hause bei Holly?
Vergiss es. Ich habe gearbeitet, wird er dir antworten. Lügen, alles Lügen. Frag ihn lieber, warum er sich diesen verdammten Stress macht.
Du findest ihn ganz nett und glaubst ihm, dass er viel Arbeit hat?
Eigenartig. Alle, die ihn nicht kennen, finden ihn okay und charmant. Naiv bist du, Sundermeier, kannst dir nicht vorstellen, dass er das Graue vom Himmel runterlügt. Was verstehst du von Midlife?
Jetzt schweigst du.
Es kommt noch schlimmer. Mit mir hat das nichts zu tun, hat der gesagt. Knaller, findest du nicht? Um sein Leben geht es, um nichts anderes. Das fließt ihm unter den Händen weg. Und er hat nur eins. Ja, ja. Leben will er endlich. Mit mir hat das gar nichts zu tun. Was sagst du dazu?
Ich soll nicht zynisch werden? Warum fragst du nicht, warum ich diesen Schwachsinn jahrelang ertragen habe? Ich bin nicht zynisch, nur entschlossen. Weißt du, was das heißt, Pastorchen? Ich hab auch nur ein Leben. Stell dir vor: Mit dem mach ich, was ich will.
Trotzdem noch ein Gespräch versuchen?
Mach dich nicht lächerlich. Was glaubst du denn, wie viele Stunden ich am Fenster auf diesen Nichtsnutz gewartet habe? Und wie viele Seiten meine dicke Chinakladde dabei ertragen musste? Aus und vorbei. Ich weiß, was ich zu tun habe.
Nicht alles wegschmeißen? Ich könnte es bereuen?
Was denn? Wo nichts ist, kann ich nichts wegschmeißen und da gibt’s auch nichts zu bereuen. Und komm mir nicht mit Gottvertrauen. Den geht das schon mal gar nichts an. Der soll sich raushalten aus meinem Leben. Okay?
Der wird die Sache schon in die richtige Bahn lenken, meinst du?
Ha! Ha! Du bist ja hartnäckig. Das sehe ich wie die Courage. ‚Der Mensch denkt: Gott lenkt.’ Doppelpunkt anstatt Komma zwischen ‚denkt’ und ‚Gott’. Selbst die Dinge in die Hand nehmen, denn von ‚Gott lenkt’ kann keine Rede sein, sagt sie, die weise Courage.
Nie gehört? Brecht kennst du nicht? Auch gut.
Bis der Tod …?
Das musste ja jetzt noch kommen, wusste ich es doch. Dein letzter Trumpf. Du ziehst aber auch alle Register. Mir ist schon klar, was du damit meinst. Ich weiß, was ich zu tun habe, bin frei wie ein Vogel.
Du wirst für mich beten?
Wohlmöglich sogar in der Kirche. Ich höre sie schon tuscheln.

Die kleine Holly aus dem Neubargebiet wirst du vermissen?
Ach, du bist ja süß. Ich dich auch. Good bye, Meierchen. Mein Taxi steht vor der Tür. Bei Sonnenaufgang werde ich im Flieger sitzen, sieben Stunden später in der U-Bahn nach Upper Midtown Manhattan und zum Frühstück bei Starbucks auf der Second.


Montag, 5. November 2018

November, Blues und Tanzgeister



Auf dem Weg über den Parkplatz flatterten mir die Blätter um die Beine, schön bunt, doch gar nicht lustig, verbesserten meine Laune keinesfalls. Die war nämlich grauer als grau. Dunkelstgrau. Der Blues. Ja, das war er, ließ sich nicht abschütteln. Andere hatten wenigstens um diese Jahreszeit einen Dämon, ich hatte nur diesen Blues in allen möglichen Facetten, musste jetzt womöglich wieder wochenlang mit ihm herumlaufen, mal dem Wetter-geht-mir-auf-den-Keks-Blues, dann dem ist-alles-nicht-mehr-wie-früher-Blues und eben in diesem Moment mit dem erinnere-mich-nicht-an-den-Tanz-Blues. Niemandem hatte ich die Gruselstory erzählt, mir würde sie ohnehin niemand glauben. Wie ich nur so dusselig sein konnte und dieser Ausgeburt von Raffinesse auf den Leim gehen, der Frau, die überhaupt nicht tanzen konnte und wie ein hölzernes Gerät über die Fläche geschoben, gezogen und gezerrt werden musste, selbst beim allereinfachsten Blues. Dieses Tanzgerät entpuppte sich als hinterlistiges Miststück, wollte mir weismachen, mich aus einem früheren Leben zu kennen, erzählte mir was von einem weißen Schimmel, den ich abends unter einer Weide am Fluss abgeholt hätte und auf dem ich fortgeritten wäre und behauptete, am Ende der Straße zu wohnen. Dort war jedoch kein Haus, wie ich eigentlich hätte wissen müssen, ich Depp. Und mir war es noch immer ein Rätsel, mit welchen Mitteln sie es geschafft hatte, mich an der Nase herumzuführen. Also, am Ende der Straße war nämlich der Friedhof. Dahin hatte sie mich gelockt, mitten in der Nacht. Naiv, wie ich war, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, auf das Gräberfeld zu schleichen, natürlich bei Vollmond, versteht sich. Über der Leichenhalle stand der und warf einen riesigen Schatten auf den Weg zwischen den Bäumen. Und da! Ich traute meinen Augen nicht. Vor dem Portal wartete schon ebendiese Bluestanzfrau auf mich, fixierte mich mit saugendem blauem Blick und schwebte auf mich zu. Wahnsinnig verlockend sah sie aus in dem sachte wehenden, silbrigglänzenden Gewand. Ihr Lächeln war hinreißend.
„Da bist du ja endlich“, flüsterte sie. „Wie ich mich nach dir gesehnt habe!“
Ein kalter Hauch berührte mich, als sie die Hände nach mir ausstreckte. 
„Warum bist du hier?“, stotterte ich.
„Deinetwegen.“
Ich verstand nichts mehr.
„Von weit her bin ich gekommen.“
„Aber wir haben doch gerade erst miteinander ...“
„Ja, ja“, hauchte sie. „Es war so schön.“
„Ich verstehe nicht.“
„Lass uns fliegen.“
„Wie das denn?“ 
Mir wurde schwummerig. Wäre ich doch niemals hierher gekommen, auf diesen Gottesacker!
„Fliegen. Nur wir zwei“, fuhr sie fort. 
„Du bist doch tot, sonst könntest du nicht … sonst wärest du nicht hier.“ 
Oder doch? Mich schauderte. Ich wollte weglaufen, kam aber nicht von der Stelle.
„Ich sehne mich nach deiner Wärme.“ 
Ganz leise war ihre Stimme.
„Umarme mich.“
Ich ging einen Schritt zurück.
„Drück mich an deinen Körper, bitte“, flehte sie und kam näher.
„Ich kann nicht.“
„Doch, du kannst.“
„Lass mich gehen!“, wehrte ich ab.
„Warum willst du vor mir fliehen?“ 
„Ich bin noch nicht so weit.“
„Begreife doch, mein Liebling.“
„Was soll ich begreifen?“
„Ich will dich nicht hinüberziehen. Du kommst freiwillig.“
„Nein, es geht nicht.“
„Wir werden glücklich sein.“
„Nein!“
„Lieben will ich dich, damit du nicht mehr traurig bist.“
„Was meinst du?“
„Nur ab und zu. Dann bin ich auch nicht mehr traurig.“ 
„Nein, nein. Ich muss jetzt gehen.“ 
Ich tastete mich rückwärts. Voller Sehnsucht sah sie mich an, folgte mir mit ausgestreckten Armen und ihrem unwiderstehlichen Lächeln. Je schneller ich mich fortbewegte, desto näher kam sie. Ich wagte nicht, mich wegzudrehen und ging Schritt für Schritt weiter, so schnell ich konnte, bis mein pochender Schädel an etwas Hartes stieß. 
Das Friedhofstor. 
Das verdammte Weib aus jener Sommernacht verfolgt mich doch noch immer, dachte ich.
Dabei kannte ich die Bluestanzfrau inzwischen ganz anders. Vom Esoteriktrip hatte ich sie heruntergeholt und sie hatte mir beigebracht, wie ich auch mit einer unbegabten Tänzerin Blues tanzen konnte.
Ich ging durch die Blätterallee, den Weg zwischen den Gräberreihen, den meine Beine schon fast automatisch machten, mit oder ohne die gelbe Gießkanne, denn gelb mochte sie, die üblichen grünen lehnte sie ab. Heute bei dem useligen Wetter also ohne Gießkanne. Am Wasserbecken vorbei nach links, drei Gräber weiter, dann wieder nach links zum weißen Marmorgrabstein mit dem Bild, oval gerahmt, wie sie es gewünscht hatte, nach ihren Vorgaben über dem dunkelgrauen Schriftzug platziert. Ja, die weißhaarige Frau da auf dem Foto war sie, wie sie leibte und lebte, hatte ja nur noch mich, ihren Augenstern, so nannte sie mich oft, das Beste, was ihr in ihrem Leben passieren konnte, das Allerbeste, ihr Eins und Alles. Ihr Lächeln sollte mir erhalten bleiben, ein Lächeln, das nie vergehen würde. Nur für mich. Unwiderstehlich.
„Wie läufst du denn wieder herum, Junge? Ohne Jacke. Du wirst dich erkälten. Zieh dich beim nächsten Mal warm an. Denk auch an den Schal. Du weißt doch, die kalte Jahreszeit hat’s in sich.“
„Ja, Mama.“
„Und deine Haare. Wie das aussieht! Geh mal wieder zum Frisör.“
„Jaha.“
„Gegessen hast du auch noch nichts. Ich sehe es dir doch an. Wie oft muss ich dir das noch sagen? Du treibst Raubbau mit deiner Gesundheit. Kein Gramm zugenommen hast du seit dem letzten Mal, eher sogar abgenommen, so blass, wie du wieder bist. Wann wirst du endlich erwachsen?“
Ich hatte ausgiebig gefrühstückt, mit Lachs, Käse, Schinken, Gürkchen, Tomaten, Radieschen und einem traumhaften Müsli. Nicht allein. Und das würde ich jetzt immer so machen. Immer so, wie ich das wollte. Genau so. Doch das musste ich ihr ja nicht erzählen.
„Schau, Mama, heute zünde ich drei Kerzen für dich an, damit du dich freust, okay?“
Sie blieb stumm. 
„Dann bis zum nächsten Mal, Mama.“
Auf dem Weg zum Auto wurde der Grablichterblues in meinem Kopf immer leiser, bis er gar nicht mehr zu hören war.

Nie ohne Geister