Freitag, 25. Oktober 2013

Trollbusters


Auf der dicken Fußmatte klopfte ich mir den Schnee von den Schuhen, bevor ich hineinging. Angenehm, die warme Luft in dem kleinen Raum. Weniger angenehm, dass ich im gleichen Moment nichts mehr sah. Brille abnehmen, nach einem Taschentuch nesteln und kein sauberes finden, immer das Gleiche bei dem Wetter. Tastend ging ich die paar Schritte zur Theke. 
„Mann, Kläusken, da bisse ja mal wieder.“
Ich setzte die Brille auf, rückte sie mir aber gleich auf die Nase und schaute über den Rand.
„Siggi, alter Kumpel. Ein Mist ist das, wenn man halbblind ist.“
„Wat musse viel sehen? Hier sitzen doch nur die, die hier immer sitzen. Komm, trink einen mit.“
Er schob mir einen Barhocker unter den Hintern.
„Jimmy, mach noch mal zwei, Kläusken wird wohl auch Durst haben.“
Der Wirt nahm das leere Glas und stellte zwei neue unter den Zapfhahn.
„Na, wat gibt et Neues?“
„Zwanzig Jahre Psychiatrie. Da bist du versaut, sag ich dir.“
„Versaut?“
„Ja, für jede normale Kommunikation.“
„Wie meinze dat denn jetz?“
„Ganz einfach. Nichts ist mehr normal. Überall siehst du Gespenster.“
„Dat passiert schon mal. Muss ich dat verstehen?“
„Ich bin da doch in einer Gruppe.“
„Ach, deswegen bisse nicht mehr so oft hier inne Kneipe.“
„Nein, nein, das hat einen anderen Grund.“
„Welchen denn?“
„Ich hatte oft Nachtdienst in der letzten Zeit. Die öffentlichen Kassen sind leer und es wird immer enger mit Personal.“
„Ja, ja, die Klapse wird auch immer voller. Kuckse dir doch an überall. Dat hälze doch im Kopp nich aus. Unsereiner is am Malochen und die lungern inne Sitti rum. Wo dat noch hinführn soll.“
„Überall wird gespart, du kennst das ja auch.“
„Sach ich doch. Bei uns isset nich anders. Immer mehr Grünanlagen, aber nich mehr Leute. Immer dat Gleiche. Welche Gruppe meinze denn?“
„Gruppe? Ach so! Hab ich dir doch mal erzählt, die im Internet.“
„Mit diese Hobbyschreiber?“
„So nenn ich die zwar nicht, aber genau die meine ich.“
„Da bisse doch schon ganz lange.“
„Einige Jahre.“
„Und wat is da so Versautes jetz?“
„Die Kommunikation. Völlig aus dem Ruder gelaufen.“
„Aha.“
„Aber das verstehst du sowieso nicht. Musst du auch nicht.“
„Meinze, nur weil ich nich son studierter Heini bin wie du?“
„Ach komm, lass stecken.“
„Nee, nee, Klaus, lass ich nich stecken.“ Er drückte mir das nasse Glas in die Hand. „Hier, sauf dein Bier, dat hat noch keinem geschadet. Auf unsere, wie sagst du so schön?“
„Kommunikation.“
„Genau. Prösterchen. Jetz musse mir nur noch erzählen, wat versaut is, dann bin ich schon ruhich.“
„Eigentlich ist nur einer versaut.“
„Wer is dat?“
„Der Troll.“
„Troll?“
„Kennst du nicht, was?“
„Doch, der steht bei uns im Badezimmer, splitternackt, lange grüne Stehhaare und grinst mich immer an, wenn ich untere Dusche stehe.“
„Scherzkeks.“
„Kein Scherzkeks. Als der Kleine noch klein war, hat er ihn immer mit inne Badewanne genommen, gewaschen, gekämmt und gestreichelt. Jetz steht er immer noch aufem Wannenrand, Perlenkette in blaugelb ummen Hals.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Doch den meinze nich, wat?“
„Ich befürchte fast, du verstehst das gar nicht“, sagte ich.
„Jetz hasse mich neugierig gemacht. Also los.“
„Wenn du deinem Troll noch richtig dick Glibber in seine grünen Haare schmierst, kommen wir der Sache schon ein wenig näher.“
„Aaaah, so is dat.“
„Wie soll ich dir das erklären? Der grüne Glibber ist nur symbolisch gemeint.“
„So, so.“
„Der Troll, den ich meine, den gibt’s eigentlich gar nicht“, fuhr ich fort. „Und schon gar nicht im Badezimmer. Da würde ich ihn nämlich ins Klo schmeißen und so lange die Spülung drücken, bis er mit seinem grünen Glibber weggegurgelt ist.“
„Kuck, so.“ Er trank sein Glas leer.
„Na, so ähnlich. Nimmst du noch eins?“, fragte ich.
„Klar, Mann.“
Ich stellte dem Wirt die leeren Gläser hin und gab ihm ein Zeichen.
„Von Gespenster hasse vorhin gesprochen“, sagte Siggi.
„Fiese Gespenster, ganz fies. Der Troll, von dem ich rede, ist ein Störenfried. Er beschimpft die Leute auf das Übelste und zieht alle und alles in den Dreck. Mir wird schlecht, wenn ich nur an die Gülle denke, die der verbreitet. Der hat nur eins im Sinn.“
„Und wat?“
„Unfrieden stiften. Man ärgert sich, will ihn wegkicken, kriegt ihn aber nicht zu fassen.“
„Und wieso nich?“
„Weil er unsichtbar ist, Mann.“
„Und was rechste dich dann auf?“
„Ach, es hat keinen Zweck. Warum hab ich mit diesem Scheißthema überhaupt angefangen?“
„Weil de dich geärgert has.“
„Und ich ärgere mich immer noch. Was machst du mit einem unsichtbaren Querschläger? Und das auch noch im Internet?“
„Mit Internet und son Kram hab ich nix am Hut. Da fällt mir auch gar nix zu ein.“
„Sag ich doch.“
Ich schob ihm das frische Bier hin. „Prost dann. Und lassen wir das Thema.“
„Hach, dat schmeckt doch, musse zugeben.“
Ich schwieg.
„Wat starrste so vor dich hin? Is wat mit’m Bier?“
„Nein, nein, das Bier ist in Ordnung. Ich frage mich mich nur, was jemanden dazu bringt, andere in den Dreck zu ziehen. Was will der damit erreichen?“
„Du, et gibt Leute, denen geht’s nur gut, wennse andern eins auswischen können. Die wollen, dat es andern schlecht geht.“
„Meinst du?“
„Mein ich. Die änderste nich. Eher ärgerste dich kaputt. Und eins kannze ganz sicher sein: Wer so wat macht, is’n feiges Arschloch.“
Ich prustete los.
„Is doch wahr“, prustete er mit. „Ich sach, wie et is. Wat machset dir auch immer so schwer? Bleib da wech und komm wieder öfter hier annen Tresen. Da fällt uns dann schon wat ein.“
„Wegbleiben kann ich mir nicht vorstellen, schon allein wegen meiner Freunde in der Gruppe“, sagte ich. „Aber gerade ist mir schon was eingefallen.“
„Na siehse. Am Tresen kommen einem immer die besten Gedanken. Sach wat.“
„Ich werde den Mist, den dieses feige Arschloch verbreitet, gar nicht mehr lesen. Da komm ich lieber auf ein Bier in die Kneipe. Das bringt mir keinen Ärger und hebt die Laune enorm.“
„Mein ich doch.“
„Mir ist jetzt richtig warm geworden, Siggi. Doch ich muss los, wieder hinaus in die Kälte. Die Pflicht ruft. War schön mit dir, du altes Haus. Danke und bis demnächst dann.“
Ich schob den Barhocker unter den Tresen und rückte die Brille zurecht. Endlich wieder klar sehen.
„Jau, Kläusken, bis die Tage. Und eins lass dir auch noch gesacht sein. Von wegen versaut. Wer so wat nötig hat, der is ne ganz arme Sau.“

Text und Foto © Renate Hupfeld

Kurzgeschichte aus dem E-Book: Hammfiction


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