Donnerstag, 16. Februar 2017

Angie und Al


Als sie die schwere Holztür öffnete und hineinging, sah sie wieder die traurigen Gesichter. Für einen Augenblick wandten sie sich ihr zu. Doch inzwischen hatte jeder hier kapiert, dass billige Anmache bei ihr nicht ankam und sie richteten ihre Blicke gleich wieder auf die attraktive Wirtin, die das Bier zapfte und ihnen die Drinks auf die Theke stellte.
Ein Hauch von Wehmut stieg in ihr hoch, als sie sich auf den Barhocker setzte. Alina dachte an ihren Mann. Der konnte jetzt gemütlich auf dem Sofa liegen und fernsehen, inzwischen mit einer neuen Frau an seiner Seite. Doch wollte sie tauschen? Nein. Die dörfliche Idylle vermisste sie nicht. Sie war stolz auf ihre kleine Wohnung in der Stadt. Dafür nahm sie in Kauf, dass ihr abends schon mal die Decke auf den Kopf fiel. Die Eckkneipe bot eindeutig die bessere Lösung als das Sofa.
„Wein?“, fragte die Wirtin mit einem kurzen Blick.
Alina nickte und schaute in die Runde. Da stand einer mit einem auffallend roten Hemd, den sie dort noch nie gesehen hatte. Auch er schaute sehnsüchtig, doch verglichen mit den müden Augen seiner Nachbarn lag in den seinen ein Strahlen. Er hatte weiche Gesichtszüge und lächelte zu ihr hinüber. Sie musste immer wieder hinschauen. Langsam kam das Lächeln näher, bis der Mann sein Weinglas neben das ihre stellte. Im ersten Moment war sie etwas erschrocken, doch dann spürte sie eine Welle von Sympathie. Ihr gefiel das geschwungene Blumenmuster auf seinem Seidenhemd und sie entdeckte, dass er sogar Make-up aufgelegt hatte, seine langen Wimpern waren sorgfältig geschminkt. Ein seltsamer Typ. Doch niemand hier schien an seinem Outfit Anstoß zu nehmen.
„Was ist normal?“, fragte er.
Konnte er in ihren Gedanken lesen?
„In meinem Dorf wäre das nicht normal.“ Sie lächelte verlegen.
„In Ihrem Dorf?“
„Da könnten Sie nicht wie ein Paradiesvogel am Tresen stehen.“
„Stadtluft macht frei. Schon im Mittelalter wusste man das“, lachte der Mann und erhob sein Glas. „Lass uns auf die freie Luft trinken. Ich heiße Angelo“, fuhr er fort und schenkte ihr einen unwiderstehlichen Blick aus seinen blauen Augen.
„Alina.“
Angelo war noch näher gerückt. Sie wehrte sich nicht, als er seine Hand auf ihren Oberschenkel legte.
„Deine Dorfleute finden  es auch nicht normal, wenn eine junge Frau spätabends in der Kneipe mit einem Paradiesvogel Wein trinkt“, sagte er. 
„Außer beim Maskenball“, überlegte Alina. „Am kommenden Samstag in der Turnhalle.“
„Ich wette, du gehst hin.“
„Und niemand wird mich erkennen.“

Alina und Angelo redeten noch lange miteinander an diesem Abend. Sie erzählte von ihrer Arbeit in der Grundschule, er sprach über die Sportredaktion bei der Lokalzeitung. Sein Lieblingsthema aber waren Boutiquen für edle Kleidung und seidene Unterwäsche. Da kannte er sich bestens aus. Sie fand das prickelnd.

Am Samstagabend stellte sie das Auto auf einem spärlich beleuchteten Parkplatz ab. Sie wollte nicht erkannt werden. Mit Blick in den Spiegel rückte sie die rote Krawatte auf dem schwarzen Hemd zurecht. Die langen Haare hatte sie unter dem Hut verschwinden lassen. Sie zog ihn bis über die Augen. Dann stieg sie aus und strich die Anzughose glatt.
Ihr Herz hämmerte, als sie dem Eingang näher kam. Da saß Otto vom Turnverein und verkaufte ihr die Eintrittskarte. Er schaute sie prüfend an, aber erkannte sie nicht. So konnte sie ganz unbesorgt in das närrische Treiben eintauchen. Erstaunlich, wie entspannt sie als Mann alles betrachten konnte. Da waren aufgeregt schwatzende Cleopatras, Spinnenweiber und Cocktail Bunnies am Tisch der Landfrauen, bekannte Gesichter darunter. Am Nebentisch tummelten sich die Hexen und Mönche vom Gesangverein, auch in diesem Jahr wieder maskiert. Sie könnte sogar eine der Fratzen zum Tanz auffordern. Doch nach Hexentanz war ihr nicht.
Langsam ging sie weiter. Ein mit Pailletten verziertes Dekolletee fiel ihr in die Augen. Es gehörte zu einer schwarzen Grazie, die lässig an der Theke lehnte. Silberfransen an fließendem Seidenstoff machten jede Bewegung der wohlgeformten Beine mit. Unter der dunklen Lockenpacht funkelten lange goldene Ohrhänger. Alina wurde unwillkürlich in ihre Richtung gezogen und blieb neben der rassigen Schönheit stehen. Im gleichen Moment hatte sie ein Glas Sekt in der Hand.
„Al Capone in Nadelstreifen.“ Das war die vertraute Bassstimme. Ebenso unverkennbar die geschwungenen Wimpern im kunstvoll geschminkten Gesicht.
„Nenn mich Angie.“
„Ich bin Al“, prustete Alina.
„Alles normal“, sagte Angie, beugte sich ein wenig hinunter und drückte Al einen knallroten Schmatz auf den Mund. Ihre blauen Augen strahlten und lächelten verschmitzt.
Al trank das Glas leer.
„Komm mit, Angie!“ Er zog seine Black Lady auf die Tanzfläche. Sie standen voreinander. Tanzhaltung war angesagt. Lange probierten sie, bis er Angies Hand in seiner Linken hielt und seine Rechte in der richtigen Position auf ihrem Rücken lag.
„Wer tanzt den Männerschritt?“, fragte er unsicher.
„Der Mann. Wer sonst?“ Angie lachte schallend.
Klar, doch so einfach war das nicht. Links rechts tadam oder rechts links tadam, überlegte Al.
„Beim Foxtrott beginnt der Herr mit links“, half ihm Angie.
Schon nach den ersten Schritten schob Al gekonnt seine Dame über die Fläche. Er schaute zu ihr hoch und stellte befriedigt fest, dass sie Oberkörper und Kopf weit nach hinten beugte. Die Rechtsdrehung, die Linksdrehung, auseinander und wieder zusammen. Sie tanzten, als hätten sie das einstudiert. Selbst der Tango gelang. Al zählte leise mit: eins…zwei…drei vier fünf…sechs sieben acht und eins… Er musste nur leicht die Finger bewegen, schon wusste seine Tanzpartnerin, was sie zu tun hatte. Beim Walzer wirbelten sie in großen Kreisen an den Tischen vorbei. ‚Alles normal, ihr Spießer’, dachte Al und registrierte gelassen, wie viele Augenpaare auf sie gerichtet waren.
Als Angies Make-up zu zerfließen begann und sein Bartschatten sichtbar wurde, verloren sie nicht viele Worte. Hand in Hand gingen sie zum Parkplatz.


‚Niemals will ich Spießer werden’, dachte Alina, als sie in Begleitung von Angelo mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock fuhr. So ein Appartement in der Stadt hatte doch eine Menge Vorteile.

(2006)

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