Dienstag, 15. August 2017

Lass mich deine Schimpansin sein

Hauptbahnhof Gleis fünf. Freitag Nachmittag. Trotz starker Schneefälle fährt der Regionalexpress pünktlich ein. Ich finde einen Fensterplatz in Fahrtrichtung. Den Trolley verstaue ich im Gepäckfach. Vor mir auf dem Tischchen liegt mein Buch. Während der Fahrt werde ich mich auf das Wochenend-Seminar vorbereiten. Franz Kafka. Neue Lesarten.

Winterlandschaft fliegt vorbei. Schneeflocken tanzen. Dächer weißgepudert. Wäldchen mit blätterlosen Bäumen. Blasse Sonne will sich durch das Himmelsgrau kämpfen. Grüner Kirchturm. Schneeberge mit sanft gewellten Konturen. Kleiner Bahnhof.

An der Rezeption gibt es einen Schlüssel für Zimmer 406 im Gästehaus. Man kommt nur mit einem Zahlencode in das Haus. In einem Informations-Faltblatt ist er angegeben. Acht sieben vier drei. Das kann ich mir merken. Ich krieg noch ein Stück Klebeband. Rosie Feldmann, steht drauf. Ich hefte den Streifen gleich an meinen Pulli. Dann gehe ich ungefähr fünfzig Meter bergab durch den Park. Mein Trolley rumpelt hinter mir über den gepflasterten, schneegeräumten Weg. Das Zimmer liegt im Parterre. Erst einmal ziehe ich die Vorhänge zur Seite. Vor meinem Fenster heißt mich das winterliche Traumland willkommen.
Ich lege mich mit meinem Buch auf das Bett und lese noch eine Geschichte. Ein undefiniertes Tier hat einen Bau eingerichtet. Endlose Gänge, fünfzig Schlafplätze und einHauptplatz für die Lagerung von Vorräten. Das Schönste sei die Stille, doch die sei trügerisch. Bedrohung durch unsichtbare Feinde.

Nach dem Abendessen treffen sich die Teilnehmer des Seminars im Raum dreizehn. Vorstellungsrunde. Referent Doktor Weinmann erläutert das Thema für heute Abend. Die Assimilation des Affen Rotpeter.
„Rotpeter wird von einer Jagdexpedition der Firma Hagenbeck an der Goldküste eingefangen und in eine Kiste gesteckt. Damit beginnt die Assimilation.“

Mein Gegenüber rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Er will unbedingt etwas sagen und schnippst mit den Fingern. Rüdiger Baum, sagt der Klebestreifen an seinem Jackett.
„Rotpeter hat keinen Ausweg. Muss ihn sich aber verschaffen.“
Hat keinen Ausweg, muss ihn sich aber verschaffen. Herrlich. Rüdiger hält sein aufgeschlagenes Buch in die Runde und liest eine gute Viertelstunde lang aus Rotpeters Bericht für eine Akademie. Er spricht schnell, laut, irgendwie erregt.
Ein Räuspern rechts von mir. Eine Teilnehmerin hat sich zu Wort gemeldet. Es ist die junge Frau mit der hübsch angeordneten Langhaarfrisur. Nach ihrem zweiten Räuspern wird es mucksmäuschenstill im Raum. Mit samtiger Stimme redet sie.
„Welche Bedeutung hat die Schnapsflasche ...“
Gewichtige Worte. Schnapsflasche. Gut, der Gedanke. Jetzt wird es interessant.
„... für die Assimilation Rotpeters?“
Aha. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Ganz neue Lesart. Schnapsflasche und Assimilation, das muss ich mal auf mich wirken lassen. Jetzt schnippst Rüdiger schon wieder mit den Fingern.
„Schnapsflasche ...“, sagt er, „... ist doch nur in Verbindung mit Kultur möglich. Und Kultur nur in Verbindung mit reinem Affentum.“
Reines Affentum. Ich bin nur noch begeistert. Die anderen Teilnehmer lauschen andächtig. Schon fährt Rüdiger fort.
„Ohne Affentum keine Kultur und ohne Kultur keine Schnapsflasche.“
Wie Sahne dieser Satz. Schreib ich mir sofort auf. Unerschöpfliches Feld für die Literaturforschung. Immer wieder schafft sie neue Rätsel. Weiter, Rüdiger.
„Aber warum, frage ich mich, kann Rotpeter nicht auf sein äffisches Vorleben zurückblicken?“
Äffisches Vorleben. Rüdiger wird mir immer sympathischer. Seine Haare rechts und links des Mittelscheitels scheinen zu vibrieren, wenn er mit gekonntem Pathos spricht. Zwei dunkle Augen blitzen in die Runde. Die oberen Hemdenknöpfe sind aufgesprungen und vor Aufregung kratzt er sich in seinen Brusthaaren.
„Und warum muss er sich in die Büsche schlagen? Das müssen wir uns doch alle fragen.“
Einfach faszinierend. Komm, Rüdiger, du musst dich nicht in die Büsche schlagen. Klopf auf den Busch. Seine Unterlippe bewegt sich erneut. Wie tief er sie herunterzieht.
„Das Affentum Rotpeters wird uns wohl ein Rätsel bleiben. Über die Folgen der Assimilation müssen wir nachdenken. Zeigt sich doch hier die Dekadenz von Zivilisation.“

Das ist es. Rüdiger hat es auf den Punkt gebracht. Dekadenz von Zivilisation. Auch Weinmann scheint begeistert.
„Das war ein würdiges Schlusswort, meine Damen und Herren. Über den Zusammenhang von Affentum, Assimilation  und Dekadenz von Zivilisation müssen wir immer wieder neu nachdenken. Wir sehen uns Morgen nach dem Frühstück. Dann untersuchen wir einen weiteren Text.“

Die Teilnehmer sitzen immer noch ergriffen in der Runde und denken nach. Aber Rüdiger hält jetzt nichts mehr auf seinem Stuhl. Er springt auf. Fuchtelt mit seinen langen Armen herum und rennt aus dem Raum. Mit einem Satz springt er auf das Treppengeländer. Draußen wirbelt der Schnee, als er von Baum zu Baum hangelt. Dann ist er im Gästehaus verschwunden.

Später stehe ich mit dem Schlüssel in der Hand vor dem Gästehaus und komme nicht rein.  Der Türcode. Ich habe ihn vergessen. Und kein Faltblatt in der Tasche. Wird wohl auf dem Tisch in meinem Zimmer liegen. So ein Mist. Wie war er noch mal? Konzentriere dich, Rosie. Mit acht fing er an. Die zweite Zahl war eine Nachbarzahl von neun. Noch mal acht? Kann nicht sein. Keine Zahl war doppelt. Vielleicht neun. Und drei war auch drin. Ich probier es einfach. Acht neun drei vier, tippe ich in das Tastenfeld. Kein öffnendes Klick. Noch ein Versuch. Die Tür bewegt sich nicht.

Einige Fenster im Erdgeschoss sind erleuchtet. Ich gehe um das Haus herum. Vor einem Fenster bleibe ich stehen und schaue hinein. Da. Rüdiger. Auf allen Vieren kommt er aus der Dusche und springt auf eine Stuhllehne. Mit seinem langen Arm rudert er zum Tisch und greift eine Schnapsflasche. In einem Zug säuft er sie leer. Schleudert sie auf den Boden. Dann läuft er wie wild um den Tisch herum und kratzt sich das Fell.

Oh, Rüdiger. Lass mich deine Schimpansin sein. Ich könnte die Flöhe aus deinem Fell sammeln. Einen nach dem anderen würde ich zerdrücken, dass es nur so knackt. Keinen würde ich übersehen.

Was ist das? Er springt auf mich zu. Ist er jetzt wütend? Was will er? Er muss mich gesehen haben. Gleich wird er herausspringen.

Es ist dunkel im Park. Rüdiger war nicht wütend. Er kommt jetzt raus zu mir. Komm, deine kleine Schimpansin wartet auf dich. Wieso ist denn alles so voller Schnee? Schön weich, der Schnee. Und still ist es hier. Überall Schlafplätze. Wir nehmen den unter dem niedrigen Baum. Da können wir das ganze Schneefeld überblicken und sind sicher vor Feinden. Der Platz ist groß genug für uns zwei. Komm schon, Rüdiger. Du bist ein freier Affe. Hast du gehört? Fenster auf und raus aus der Kiste. Aber ich hab doch gerade ein Geräusch gehört. Sitzt du auf dem Baum? Soll ich hochkommen? Ach du, lass das Spielchen. Ich hab dich längst gesehen da oben. Komm runter. Wir kugeln uns im Schnee den Abhang herunter. Richtig Spaß werden wir haben. Dann kraulst du mir das Fell und ich knacke deine Flöhe. Bist du müde? Du willst auf dem Baum schlafen? Ich bin auch müde. So müde ... im weichen Schnee...

©Renate Hupfeld 03/2003




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