Montag, 5. November 2018

November, Blues und Tanzgeister



Auf dem Weg über den Parkplatz flatterten mir die Blätter um die Beine, schön bunt, doch gar nicht lustig, verbesserten meine Laune keinesfalls. Die war nämlich grauer als grau. Dunkelstgrau. Der Blues. Ja, das war er, ließ sich nicht abschütteln. Andere hatten wenigstens um diese Jahreszeit einen Dämon, ich hatte nur diesen Blues in allen möglichen Facetten, musste jetzt womöglich wieder wochenlang mit ihm herumlaufen, mal dem Wetter-geht-mir-auf-den-Keks-Blues, dann dem ist-alles-nicht-mehr-wie-früher-Blues und eben in diesem Moment mit dem erinnere-mich-nicht-an-den-Tanz-Blues. Niemandem hatte ich die Gruselstory erzählt, mir würde sie ohnehin niemand glauben. Wie ich nur so dusselig sein konnte und dieser Ausgeburt von Raffinesse auf den Leim gehen, der Frau, die überhaupt nicht tanzen konnte und wie ein hölzernes Gerät über die Fläche geschoben, gezogen und gezerrt werden musste, selbst beim allereinfachsten Blues. Dieses Tanzgerät entpuppte sich als hinterlistiges Miststück, wollte mir weismachen, mich aus einem früheren Leben zu kennen, erzählte mir was von einem weißen Schimmel, den ich abends unter einer Weide am Fluss abgeholt hätte und auf dem ich fortgeritten wäre und behauptete, am Ende der Straße zu wohnen. Dort war jedoch kein Haus, wie ich eigentlich hätte wissen müssen, ich Depp. Und mir war es noch immer ein Rätsel, mit welchen Mitteln sie es geschafft hatte, mich an der Nase herumzuführen. Also, am Ende der Straße war nämlich der Friedhof. Dahin hatte sie mich gelockt, mitten in der Nacht. Naiv, wie ich war, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, auf das Gräberfeld zu schleichen, natürlich bei Vollmond, versteht sich. Über der Leichenhalle stand der und warf einen riesigen Schatten auf den Weg zwischen den Bäumen. Und da! Ich traute meinen Augen nicht. Vor dem Portal wartete schon ebendiese Bluestanzfrau auf mich, fixierte mich mit saugendem blauem Blick und schwebte auf mich zu. Wahnsinnig verlockend sah sie aus in dem sachte wehenden, silbrigglänzenden Gewand. Ihr Lächeln war hinreißend.
„Da bist du ja endlich“, flüsterte sie. „Wie ich mich nach dir gesehnt habe!“
Ein kalter Hauch berührte mich, als sie die Hände nach mir ausstreckte. 
„Warum bist du hier?“, stotterte ich.
„Deinetwegen.“
Ich verstand nichts mehr.
„Von weit her bin ich gekommen.“
„Aber wir haben doch gerade erst miteinander ...“
„Ja, ja“, hauchte sie. „Es war so schön.“
„Ich verstehe nicht.“
„Lass uns fliegen.“
„Wie das denn?“ 
Mir wurde schwummerig. Wäre ich doch niemals hierher gekommen, auf diesen Gottesacker!
„Fliegen. Nur wir zwei“, fuhr sie fort. 
„Du bist doch tot, sonst könntest du nicht … sonst wärest du nicht hier.“ 
Oder doch? Mich schauderte. Ich wollte weglaufen, kam aber nicht von der Stelle.
„Ich sehne mich nach deiner Wärme.“ 
Ganz leise war ihre Stimme.
„Umarme mich.“
Ich ging einen Schritt zurück.
„Drück mich an deinen Körper, bitte“, flehte sie und kam näher.
„Ich kann nicht.“
„Doch, du kannst.“
„Lass mich gehen!“, wehrte ich ab.
„Warum willst du vor mir fliehen?“ 
„Ich bin noch nicht so weit.“
„Begreife doch, mein Liebling.“
„Was soll ich begreifen?“
„Ich will dich nicht hinüberziehen. Du kommst freiwillig.“
„Nein, es geht nicht.“
„Wir werden glücklich sein.“
„Nein!“
„Lieben will ich dich, damit du nicht mehr traurig bist.“
„Was meinst du?“
„Nur ab und zu. Dann bin ich auch nicht mehr traurig.“ 
„Nein, nein. Ich muss jetzt gehen.“ 
Ich tastete mich rückwärts. Voller Sehnsucht sah sie mich an, folgte mir mit ausgestreckten Armen und ihrem unwiderstehlichen Lächeln. Je schneller ich mich fortbewegte, desto näher kam sie. Ich wagte nicht, mich wegzudrehen und ging Schritt für Schritt weiter, so schnell ich konnte, bis mein pochender Schädel an etwas Hartes stieß. 
Das Friedhofstor. 
Das verdammte Weib aus jener Sommernacht verfolgt mich doch noch immer, dachte ich.
Dabei kannte ich die Bluestanzfrau inzwischen ganz anders. Vom Esoteriktrip hatte ich sie heruntergeholt und sie hatte mir beigebracht, wie ich auch mit einer unbegabten Tänzerin Blues tanzen konnte.
Ich ging durch die Blätterallee, den Weg zwischen den Gräberreihen, den meine Beine schon fast automatisch machten, mit oder ohne die gelbe Gießkanne, denn gelb mochte sie, die üblichen grünen lehnte sie ab. Heute bei dem useligen Wetter also ohne Gießkanne. Am Wasserbecken vorbei nach links, drei Gräber weiter, dann wieder nach links zum weißen Marmorgrabstein mit dem Bild, oval gerahmt, wie sie es gewünscht hatte, nach ihren Vorgaben über dem dunkelgrauen Schriftzug platziert. Ja, die weißhaarige Frau da auf dem Foto war sie, wie sie leibte und lebte, hatte ja nur noch mich, ihren Augenstern, so nannte sie mich oft, das Beste, was ihr in ihrem Leben passieren konnte, das Allerbeste, ihr Eins und Alles. Ihr Lächeln sollte mir erhalten bleiben, ein Lächeln, das nie vergehen würde. Nur für mich. Unwiderstehlich.
„Wie läufst du denn wieder herum, Junge? Ohne Jacke. Du wirst dich erkälten. Zieh dich beim nächsten Mal warm an. Denk auch an den Schal. Du weißt doch, die kalte Jahreszeit hat’s in sich.“
„Ja, Mama.“
„Und deine Haare. Wie das aussieht! Geh mal wieder zum Frisör.“
„Jaha.“
„Gegessen hast du auch noch nichts. Ich sehe es dir doch an. Wie oft muss ich dir das noch sagen? Du treibst Raubbau mit deiner Gesundheit. Kein Gramm zugenommen hast du seit dem letzten Mal, eher sogar abgenommen, so blass, wie du wieder bist. Wann wirst du endlich erwachsen?“
Ich hatte ausgiebig gefrühstückt, mit Lachs, Käse, Schinken, Gürkchen, Tomaten, Radieschen und einem traumhaften Müsli. Nicht allein. Und das würde ich jetzt immer so machen. Immer so, wie ich das wollte. Genau so. Doch das musste ich ihr ja nicht erzählen.
„Schau, Mama, heute zünde ich drei Kerzen für dich an, damit du dich freust, okay?“
Sie blieb stumm. 
„Dann bis zum nächsten Mal, Mama.“
Auf dem Weg zum Auto wurde der Grablichterblues in meinem Kopf immer leiser, bis er gar nicht mehr zu hören war.

Nie ohne Geister

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