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Mittwoch, 17. Oktober 2018

Grenzorte


Bild: KI-generiert

(Franz Kafka und Milena Jesenská in Gmünd - August 1920)

Tausendmal hatte er während all der schlaflosen Stunden von diesem Moment geträumt, Tag und Nacht das Liebeslied im Kopf: Milena, geliebte Milena. Auf der Fahrt von Prag hierher in diesen Ort an der Grenze bis zur letzten Sekunde die bange Frage. Wird es wahr werden? Wird der Zug aus Wien seine Liebste bringen? Er hatte sich schon vorgestellt, wie er unter den Aussteigenden zunächst diese kleine Frau im roten Seidenkleid, ihren lieblichen Lockenkopf und ihr unvergleichliches Lächeln entdecken würde, dann auf sie zueilen, ihr Gesicht in beide Hände nehmen, unentwegt in ihre Augen blicken, sie auf den Mund küssen, seinen Arm um sie legen, sie um das Bahnhofsgebäude herumführen, zusammen mit ihr die Gleise überqueren und Hand in Hand mit dieser geliebten Frau hinaus in das freie Feld gehen würde.
Nun lagen sie nebeneinander auf der Spätsommerwiese, hörten aus einiger Entfernung das schwere Stampfen einer Dampflokomotive und beobachteten von ihrem Platz auf der leichten Anhöhe, wie schwarzer Rauch sich langsam in der blauen Weite auflöste.
„Hattest du eine gute Reise, Milena?“
„Ich konnte es kaum erwarten, dich wieder zu sehen, Frank.“
„Was hast du deinem Mann gesagt?“
„Er war gar nicht zu Hause.“
“Mal wieder?“
“Ernst und die Frauen, ein Kapitel für sich. Du kennst ihn doch.“
„Armer kleiner Engel, warum tut man dir das an?“
„In deiner Nähe bin ich reich, Frank.“
„Du gehörst geliebt, Milena, geliebt und behütet.“
Sein Gesicht über ihrem Gesicht, er konnte sich nicht satt sehen, so zauberhaft der Anblick. In diesen Augen versinken wie ein Kieselstein im Wasser, bis ganz tief unten in den weichen Sand auf dem Meeresgrund. So musste es bei der Mutter gewesen sein, als er ein kleiner Junge war. Aber er war ein fast vierzigjähriger Mann und Milena nicht seine Mutter. Sie war anders. Ein loderndes Feuer war diese Frau. Ihre Lippen süß wie dunkelroter Wein. Er konnte nicht aufhören sie zu küssen. Ihr gebräunter Körper bebte, als er ihr zaghaft das Kleid von der Schulter zog. Ganz nah wollte er ihr sein, eins sein mit ihr, halb wahnsinnig vor Verlangen. Ihre Hand in seinem Haar, so sanft, so unnachgiebig zärtlich, ihr Bein sich unter seinen Körper windend, dann ihr Becken, begehrend. Eng umschlungen bewegten sich ihre Körper und rollten ein Stück weit die Anhöhe hinunter bis zum Ende der Wiese. Sie stöhnte, drängte, wollte alles, wollte ihn. ‚Ich kann nicht’, hämmerte es wild in seinen Schläfen. Abrupt löste er sich aus ihrer Umarmung, setzte sich auf und vergrub den Kopf in den Händen.
„Ich kann nicht.“ Er versuchte, den quälenden Hustenreiz zu unterdrücken.
Milena war aufgesprungen und rückte ihr Kleid zurecht.
„Frank, ich möchte schreien. Wie soll ich das verstehen?“
„Verzeih mir, Milena, es ist meine Schuld.“
„Was redest du für einen Unsinn? Kein Wunder, dass du husten musst.“
Sie setzte sich neben ihn und strich mit der Hand über seinen Rücken, bis er wieder ruhig atmen konnte.
„Wovor hast du Angst?“
Vom Wiesenrand knickte er eine Kleeblume ab und drehte den Stiel in der Hand.
„Warum hab ich dich hinuntergezogen in diese Hölle?“
“Wie meinst du das?“
„Ich bin anders, Milena, fremd, bin mir ja selbst fremd. Das macht mir Angst.“
„Nein und noch mal nein, Frank. Mir bist du nicht fremd. Du bist mir so nah wie sonst niemand auf der Welt.“
„Ich weiß“, sagte er leise. „Du bist ja auch anders. Ein Schatz bist du, unvergleichlich wertvoll. Doch ich hätte dich nicht drängen sollen, hierher zu kommen.“
„Habe ich nicht selbst entschieden, diese Reise zu machen? Ich fühlte mich keineswegs von dir gedrängt. Doch vielleicht ist es meine Schuld. Bedränge ich dich zu sehr?  Macht meine Anwesenheit dich krank?“
„Milena, jetzt redest du aber Unsinn. Denk doch an unsere Wiener Tage, ein paar Wochen ist das erst her. War ich einen Moment lang krank in deiner Gegenwart?“
„Nein, dir ging es wunderbar. Tag und Nacht waren wir zusammen, sind stundenlang gelaufen. Berge, Wälder, Schatten und Sonnenschein. Wie schön das war. Kein einziges Mal hast du gehustet. Alles war so klar.“
„Ja, das war es, Milena, klar und schön.“
„Warum ist jetzt alles anders? Was ist passiert in den wenigen Wochen?“, fragte sie.
„Ich hätte Wien nicht verlassen sollen ohne dich, Milena. Warum habe ich dich nicht mitgenommen nach Prag?“
Sie legte das Kleid über die angewinkelten Beine und verschränkte die Arme vor den Knien.
„Du bist ein Träumer, Frank“, seufzte sie.
Vor seinen Augen drehte sich die Blume wie eine rote Kugel. Behutsam legte er sie auf die Wiese.
“Unsere Träume sind kalt geworden wie die Spätsommersonne“, sagte er und hatte auf eine Weise recht. Die Sonne war mit einer Wolke davongezogen. Kühle hatte sich im feuchten Gras ausgebreitet und streifte an ihren Körpern hoch. Ein Hauch von Herbst lag in der Luft, nach einem Sommer, der eigentlich der Anfang für einen neuen Frühling werden sollte.
“Es riecht nach Abschied“, sagte er traurig.
„Ich könnte heulen, Frank. Was macht uns so ratlos?“
„Der Kälte können wir nicht entfliehen.“ Er griff nach der Taschenuhr und klappte den goldenen Deckel auf.
„Warum haben wir keine Chance? Woher kommt die Kälte?“
„Woher nur?“ Er strich mit dem Daumen über das Ziffernblatt, klappte den Deckel zu und schob die Uhr zurück in die Hemdtasche. „Jedenfalls können wir nichts dagegen tun. Gehen wir zum Bahnhof. Wenn wir uns ein wenig beeilen, erreichst du noch den Abendzug nach Wien.“
Er stand auf, nahm ihre Hand und half ihr hoch. Dann gingen sie den Weg zwischen den Feldern zurück.
“Liebst du ihn, Milena?“
“Ich liebe dich, Frank.“
“Und morgen fährst du mit ihm an den Wolfgangsee.“
“Was sollte ich denn tun?“
„Ach, Milena! Du stellst Fragen.“
„Ich schreibe dir dann aus St. Gilgen.“
Schreibe mir nie mehr, wollte er sagen, schwieg aber und führte sie über die Gleise, um das Bahnhofsgebäude herum auf den Bahnsteig.

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Dienstag, 19. Juni 2018

Ausweg



Winterlandschaft fliegt vorbei.
Schneeflocken tanzen.
Dächer weißgepudert.
Wäldchen mit blätterlosen Bäumen.
Blasse Sonne will sich durch das Himmelsgrau kämpfen.
Grüner Kirchturm.
Schneeberge mit sanft gewellten Konturen.
Kleiner Bahnhof.
Es ist nicht weit zu laufen bis zur evangelischen Akademie.
An der Rezeption gibt es ein Informationsblatt für den Ablauf der Veranstaltung. Ich bin spät dran, deshalb eile ich gleich zum Raum dreizehn. Der Moderator begrüßt mich mit einem freundlichen Blick, schaut in seine Liste, stellt sich als Dozent der Uni Dortmund vor und bittet die Teilnehmer, etwas zu sich und den Erwartungen an die Veranstaltung zu sagen..
Dann war ich wohl die Letzte, muss mich aber jetzt als erste vorstellen.
Auch gut.
„Rosie Schoppmann aus Castrop Rauxel, Lehrerin mit Schwerpunkt Literatur. Ich hoffe, dem Autor näher zu kommen, das heißt, ihn besser zu verstehen.“
Der Moderator nickt und weist mit dem Kopf auf den Herrn neben mir, einem Geschichtslehrer im Ruhestand, der seine Frau mitgebracht hat. Es folgen eine Frau aus Süddeutschland, eine Deutschlehrerin in der Oberstufe, ein pensionierter Gymnasiallehrer, der seinen Stock unter den Stuhl gelegt hat, und einige Studenten der Uni Dortmund. Etwa zwanzig Teilnehmer mögen es sein. 
Den Text haben alle gelesen. Ein Varietékünstler hält einen Vortrag über seine Verwandlung vom Affen zum Menschen. Er versucht auf sein äffisches Vorleben zurückzublicken, was ihm jedoch angesichts der Schwierigkeiten in der Menschenwelt zunehmend schlechter gelingt.
Die Diskussion nimmt ihren Lauf und ich erkenne schon bald, dass dieser Austausch mich auch nicht weiterbringt. Von Assimilation, Dekadenz und Apokalypse ist die Rede, selbst über die Schnapsflasche wird lange diskutiert. Jeder profiliert sich so gut er kann. Die Deutschlehrerin mit dem zarten Stimmchen und der dekorativen Frisur will mit den gelehrten Herren unbedingt mithalten. Am besten gelingt das jedoch den Studenten. Ich versuche es erst gar nicht
Irgendwo piepst ein Hörgerät, ich kann es nicht orten und schaue hinaus. Die Tannenbäume sind mit Schnee bepudert. Glitzerteilchen wirbeln vom Dachvorsprung vor dem Fenster und ein Sonnenstreifen leuchtet auf dem Teppichboden in der Mitte des Kreises, wandert langsam weiter und liegt jetzt auf dem Gesicht eines Teilnehmers. Ich beobachte, wie er unaufhaltsam weiterzieht und kann mir fast ausrechnen, dass er irgendwann mein Gesicht erreicht. Bloß nicht. Ich kapiere ohnehin schon lange nicht mehr, worum es geht und frage mich: Was ist normal, was ist Wahnsinn? Deshalb schlage ich mein Textbuch auf ohne zu lesen und hoffe, dass der Streifen an mir vorüberzieht.
Auf die Frage des Moderators nach dem Aktualitätsbezug des Textes antwortet die Frau aus Süddeutschland: „Die Frage isch net beantwortet.“
Dabei ist das doch ganz klar: Heutzutage würde der Protagonist des Meisters wohlmöglich als virtuelles Phantom mit einem Nicknamen, sagen wir mal „Odradek“, durch einen virtuellen Bau irren. Da wäre kein Ausweg, es müsste ihn sich aber verschaffen. Ein Fragment also, das passt doch.
Der Glitzerwirbel vor dem Fenster ist verschwunden. Draußen ist es dunkel geworden. In der schwarzen Scheibe sehe ich mein Gesicht und erkenne, dass mich dieses Seminar doch ein kleines Stück weitergebracht hat. Zumindest kann ich anfangen, auf mein äffisches Vorleben zurückzublicken.

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