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Donnerstag, 15. April 2021

Er ist grün


„Bei dir ist es immer so schön, Oma. Darf ich in deinen Schrank gucken?"

„Du bist ja schon dabei, kleine Schmeichlerin.“

„Vielleicht finde ich wieder einen Schatz.“
„Pass nur auf, dass nichts herunter fällt, vor allem nichts, das zerbrechen kann.“
„Wie die Tassen hier, nicht wahr? Die sind gar nicht so wie bei Mama und Papa. Jede sieht anders aus.“
„Sammeltassen sind das. Die sammelt man. Jedenfalls hat man das früher gemacht.“
„So schöne Bilder drauf und viel Gold, bestimmt ganz wertvoll.“
„Ich weiß nicht, aber für mich sind sie sehr wertvoll.“
„Für mich auch, Oma, vor allem die mit dem grünen Vogel. Ich kann die Federn sogar fühlen. Darf ich die mal herausnehmen?“
„Ja, ja, aber ganz vorsichtig.“
„Wie schön er aussieht. Kann man aus den Sammeltassen auch trinken?“
„Sicher kann man das. Dazu sind sie ja eigentlich da.“
„Dann möchte ich aus dieser mit dem Vogel Kakao trinken.“

„Du kommst auf Ideen, meine Kleine.“
„Gute Ideen. Bleib nur sitzen, ich hole schon alles.“
Laura lief in die Küche und war flugs wieder da.
„Hier, Milch, Kakaopulver und zwei Löffel.“ Sie legte die Sachen auf dem Tisch ab und flitzte gleich wieder los, zum Schrank. „Ich hole noch eine Tasse für dich, Oma. Welche möchtest du?“
„Für mich? Ja, warum eigentlich nicht? Schau mal nach der mit der roten Rose. Die hat mir immer so gut gefallen.“
Laura musste nicht lange suchen. Schnell kam sie mit der Rosentasse zurück. „Lass nur, ich mach das schon“, sagte sie, als die Großmutter sich mit dem Schraubverschluss der Milchpackung abmühte, und bereitete die Getränke zu.
„Hier, siehst du? Rose und Vogel. Sogar mit Untertellern, rot für dich und grün für mich.“
Sie setzte sich neben Oma auf das Sofa und betrachtete zufrieden das Tassenpärchen.
„Wunderbar hast du das gemacht, mein kleiner Schatz. Wie geschickt du bist!“

„Du bist auch geschickt, Oma. Und weißt du, in was?“

„Was meinst du?“
„In Geschichten erzählen. Die sind immer so spannend. Bitte!“
„Du kannst betteln. Wer könnte dir widerstehen? Mir ist doch auch gerade wieder eine eingefallen.“
Laura rückte nah an Oma heran, als die zu erzählen begann.
„In einem Wald lebte einmal ein wunderbarer Vogel. Mit seinem samtgrünen Gefieder und den purpurroten seidigen Federn auf dem Kopf war er nicht nur wunderschön, er war auch der beste Flieger im Wald.  Die anderen Vögel schauten zu, wenn er im Sonnenschein mitten auf der großen Lichtung die grünen Flügel ausbreitete, sich in die Lüfte erhob, ein paar Runden flog und elegant auf einem Baum landete. Er hieß König Grün. Du kannst dir ja vorstellen, warum.“
„Ja; klar. Lebte König Grün denn alleine oder hatte er eine Familie?“ Laura nahm Omas Hand.
„Er lebte sehr glücklich mit seiner Frau in ihrem gemütlichen Nest hoch oben im Baum und sie bekamen einen wundervollen Sohn. Der Vater lehrte den Kleinen alles, was so ein junger Vogel können musste.“
„Vor allem fliegen“, meinte Laura.
„Ja, vor allem fliegen, aber auch den Baumstamm hochklettern, Gefahren meiden und Nahrung finden, Würmer, Larven, oder auch Samenkörner. Jeden Morgen und jeden Abend speisten sie zu dritt auf der Wiese, den Jungen hatten sie in der Mitte. Dem sah man schon bald an, dass er einmal sehr schön werden würde.“
„Genau so schön wie sein Vater?“
„So richtig grün war er noch nicht. Das Gefieder war noch hell gesprenkelt, bekam aber allmählich einen grünlichen Schimmer. Der Kleine lernte sehr schnell und machte gute Fortschritte, vor allem im Starten und Landen. Daran hatte er so viel Spaß, dass er von morgens bis abends übte. Nach einigen Wochen war es dann so weit, dass er zusammen mit dem Vater eine kleine Runde fliegen und sicher auf dem Baum landen konnte. Jeden Tag flogen die beiden nun ihre Runden und wenn die Landung geglückt war, bekamen sie Applaus von den vielen anderen Vögeln im Wald. Und was meinst du wohl, wie die Mama und der Papa ihn nannten.“
„Prinz Grün“, rief Laura.
„Richtig, so nannten die Eltern ihn. Sie waren stolz auf Prinz Grün, der sich zu einem wahren Flugkünstler entwickelte. Immer mehr Vögel kamen und wollten ihn sehen, weil er noch höher flog als sein Vater. Manchmal stürzte er sich senkrecht herunter und zog kurz vor dem Boden noch einmal hoch. Davon konnten die Zuschauer gar nicht genug bekommen. Es sprach sich herum und Prinz Grün wurde die Attraktion des Waldes. Das war auf der einen Seite schön, doch auf der anderen Seite war es gar nicht gut, denn kurz darauf geschah etwas Schreckliches.“
Laura kuschelte sich noch enger an die Oma und drückte ihre Hand.
„Stell dir vor, Prinz Grün wurde immer mutiger, seine Runden immer größer und eines Tages kam er nicht mehr zurück.“
„So ein dummer Prinz! Warum hat er das gemacht?“
„Wohl, weil er seine Freiheit wollte.“
„Und wo war Prinz Grün dann?“
„In einen anderen Wald, ganz weit entfernt.“
„Und jetzt? Was machten Papa und Mama jetzt? Gingen sie ihn suchen?“
„Die Eltern wussten ja nicht einmal, wo der andere Wald war. Was sollten sie machen? Ihr Glück war zerstört. Sie waren verzweifelt, vor allem die Mutter. Die war so traurig, dass sie seitdem nichts mehr essen wollte. König Grün versuchte alles, um sie zu trösten, ging nur zum Nahrung suchen von ihrer Seite und brachte ihr die fettesten Würmer und Larven. Nichts half. Sie wurde immer schwächer und eines Morgens fand er seine Frau tot unter dem Baum liegen.“
„Da war er ja ganz alleine, der Arme“, sagte Laura.
„Ja, er fühlte sich sehr einsam, konnte sich über nichts mehr freuen und an Fliegen war bald gar nicht mehr zu denken. Selbst das Laufen fiel ihm von Tag zu Tag schwerer.“
„Er wurde ja auch immer älter, wie du, Oma. Hier, das Trinken nicht vergessen!“ Laura reichte ihr die Rosentasse und nahm selbst einen Schluck Kakao aus der Vogeltasse.
„Das kam noch hinzu. Mit dem Alter wurde er immer kraftloser, wie das eben so ist. Da er auch nicht mehr klettern konnte, musste er sein Nest im Baum aufgeben und legte sich nachts unter einen Strauch. Doch da hatte er schreckliche Angst vor den Füchsen und konnte überhaupt nicht mehr schlafen. Als er sein Elend gar nicht mehr ertragen konnte, verließ er den Wald.“
„Vielleicht findet er Prinz Grün, Oma.“

„An seinen kleinen Jungen dachte er natürlich die ganze Zeit. Wenn er nur gewusst hätte, wo er ihn finden könnte. Jedenfalls humpelte er erst einmal los, nur weg von diesem Ort wollte er. Unglücklicher konnte er ja gar nicht mehr werden. Der Weg führte über viele Felder zu einem Pfad am Flussufer, dann zu einem See. Am Abend fand er Unterschlupf im Schilf.“
„Und dann? Als es dunkel wurde? Hatte er wieder Angst?“
„Er war so müde, dass er sofort einschlief. Am nächsten Morgen schien sogar die Sonne. Zwischen den Pflanzen am Ufer fand er ein paar Larven zum Frühstück. Als er sich ein wenig gestärkt hatte, ging er weiter und kam auch einigermaßen gut voran, bis nach einer ganzen Weile seine Kräfte nachließen. Die Beine wollten nicht mehr so recht. Ja nicht aufgeben, dachte er, kämpfte sich durch das sumpfige Dickicht und schleppte sich weiter. Als es wieder Abend wurde und er einen Platz für die Nacht suchte, stand er plötzlich vor einem Zaun. Er schaute hindurch auf eine Wiese.“
„Nein!“, seufzte Laura.
„Keine Bange, mein Schatz. König Grün hatte es sehr gut angetroffen. Viele Vögel waren dort zum Abendessen versammelt, klein und groß, grau, schwarz, gelb, blau und rot. Es war der Garten einer alten Frau, die Tiere sehr liebte, und allen half, vor allem half sie denen, die in Not waren. Sie hatte ihn auch gleich entdeckt und ging, auf ihren Stock gestützt, zum Zaun. ‚Was bist du so ein schöner Grüner! Komm herein’, sagte sie und hob den Maschendraht ein wenig hoch, damit er hindurchschlüpfen konnte.“
Laura rannte zum Fenster.
„Oma, schau mal, da ist er schon auf der Wiese mitten zwischen den anderen und findet Würmer und Larven. Jetzt kann ihm nichts mehr passieren. Und sieh doch mal, wer da oben im Mirabellenbaum sitzt!“, rief sie ganz aufgeregt. „Der Prinz! Er ist grün!“



aus: Wenn wir von Liebe reden

Montag, 1. Oktober 2018

Wenn wir von Liebe reden

Auf dem Weg zu dir singe ich im Kopf das Kinderlied. Dabei sehe ich dich. Die Fröhlichkeit in deinem Gesicht. Dein Lachen. So viel Hunger nach Leben. Wie glücklich du aussiehst. So jung. Jung und hübsch. Die Zuversicht in deinen Augen, wenn du singst. Für mich. Ja, ich weiß, ich weiß es. Hab’s schon längst gesehen. Beeilen muss ich mich. Mach ich ja, bin schon an der Ecke.
Du siehst mich. Freust dich.
Ach du.
Heiß ist es heute. Erbarmungslos brennt die Sonne auf meine Rose. Ich bin ja gleich bei dir und bei meiner Rose, werde durch das Tor gehen und sofort nach links schauen, zu dir. Das mache ich immer. Heute werde ich erst zum Brunnen gehen, dann zu dir.
Verstehst du doch.
Ja klar. Bei dieser Hitze werde ich viele Male zum Brunnen gehen, immer hin und her mit der Gießkanne. Schau, ich hab uns eine gelbe gekauft, damit ich sie nicht verwechsle zwischen den grünen am Brunnen. Außerdem finde ich diese gelbe viel schöner. Du auch, das weiß ich. Sie gefällt dir. Und sie passt besser zu meiner Rose. Schon allein, weil sie so außergewöhnlich ist. Außergewöhnlich wie du. Einzigartig wie du und wie sie, meine Rose. Dass ich so oft zwischen dir und dem Brunnen hin und her laufen muss, macht mir gar nichts aus. Meine Rose soll nicht dürsten. Sie soll ihre strahlende Farbe behalten und die herrlich glänzenden Blätter. Vor allem ihr Lachen und ihre Fröhlichkeit. Wir wollen doch noch viel Freude an ihr haben.
Du siehst mich schon am Tor.
Ich gehe hindurch, geradeaus zum Brunnen. Du hättest die rosa Farbe gewählt, ich weiß. Rosa fand ich auch immer schön, früher. Doch jetzt gefällt mir das Rot besser.
Warum rot, fragst du, warum so rot, warum so dunkelrot?
Ich warte, bis der Schmerz ein wenig nachlässt. Das dauert. Ich kenne das schon. Es dauert immer so lange, bis die Stille kommt, die jede Bewegung erstarren lässt und jeden Laut erstickt. Knallrote Stille. Die mir die Tränen in die Augen treibt. Die mir fast den Atem nimmt. Eine Weile, bis ich einen kleinen Schritt mache, stehen bleibe, lange stehen bleibe, bis ich dann langsam weitergehe. Erst zum Brunnen und dann zu dir und zu meiner Rose. So rot.
Du weißt, was das bedeutet, das Rot. Diese fünf Buchstaben. Demnächst bringe ich auch das weiße Herz mit den fünf Buchstaben wieder mit.
Warum ich es weggenommen hatte, obwohl es dein Herz ist, weil ich es dir doch geschenkt habe, fragst du.
Das hab ich dir doch erklärt. Hier draußen ist es zu kalt im Winter. Ich will nicht, dass es in frostigen Nächten zerbricht. Dann hättest du auch nichts mehr davon. Deshalb habe ich es an einem warmen Platz gut geschützt aufbewahrt. Ich werde es wieder mitbringen und an den Sockel lehnen, neben meine Rose, nein, ein bisschen dahinter, weil die Rose, anders als das Herz, zum Sockel etwas Abstand braucht. Ja, ich arrangiere es schön aufrecht am Sockel, den goldenen Schriftzug ein wenig zum Himmel gerichtet, damit du immer sehen kannst, was da geschrieben steht. Fünf Buchstaben in Gold auf Weiß. Damit du immer erinnert wirst.
Weiß ich doch, sagst du. Wozu brauchst du die fünf Buchstaben auf Stein? Dich muss nichts erinnern, weil du es weißt. Weil sie immer da ist? Immer und überall ist sie da.
Schon richtig. Ich weiß das ja auch. Sie ist immer da, wie eine Brücke zwischen deiner Welt und meiner Welt. Und wenn ich es mir recht überlege, brauche ich das steinerne Herz mit den fünf Buchstaben auch nicht mehr. Ich habe doch dein
Lied. Und dein Lachen. Und meine Rose.

Eine von 33 Geschichten aus:  Wenn wir von Liebe reden

Mittwoch, 9. September 2015

Sieben



In einem Vogelpark irgendwo in der Heide lebte ein Pfau, der einmal der schönste Vogel weit und breit gewesen war. Er hieß Peacock. Diesen Namen hatte ihm ein kleiner Junge aus Amerika gegeben, zu Zeiten, als die Leute noch von weit her kamen, um ihn zu sehen, wenn er an sonnigen Nachmittagen über die Wiese stolzierte und seine langen Schwanzfedern auffächerte zu einem Pfauenrad in schillerndem Türkis. Nach dem Tod seiner Frau waren die glücklichen Zeiten vorbei. Peacock war der einsamste Vogel im Park. Er wurde von Tag zu Tag schwächer und traute sich bald nicht mehr auf die Wiese zu den Menschen.
Als eines Tages ein anderer Vogel von den Parkbesuchern bewundert wurde, konnte er das Elend nicht länger ertragen. Durch ein Loch im Zaun schlüpfte er hinaus und ging los. Nur weg von diesem Ort! Irgendetwas würde er schon finden, vielleicht sogar ein bisschen Freude. Der Weg führte über weite Felder auf einen schmalen Pfad im Wald. Das Laufen fiel ihm schwer, doch er kämpfte sich weiter, selbst als nach einer Weile das Gestrüpp sehr dicht wurde. Unter einem modrigen Baumstamm fand er einen Platz für die Nacht und schlief sofort ein.
Am nächsten Morgen sah die Welt gar nicht mehr so trostlos aus. Die Sonne blinzelte durch die Blätter, sie machte den Wald hell und grün. Und plötzlich entdeckte er, dass er nicht allein war. Eine Ziege hockte neben ihm und beobachtete ihn still.
„Wer bist du denn?“, fragte Peacock erstaunt.
„Frage lieber, wer ich einmal war und warum ich mich hier verstecke“, antwortete die Ziege. „Ich war für meine Beweglichkeit bekannt. Kein Berg war mir zu hoch, kein Hang zu steil und keine Felsspalte so breit, dass ich nicht hinüber springen konnte. Jedes Jahr konnte ich ein Junges aufziehen, so kräftig war ich.“
„Und was führt dich nun ausgerechnet hierher in dieses Dickicht?“
„Ein Unglück. Ich bin in einen Abgrund gestürzt. Mit Mühe konnte ich mich befreien. Doch es war vorbei mit Klettern und Springen. Meine Kinder waren über alle Berge und ich war ganz alleine. Ja, ja, wie das Schicksal so über einen hereinbrechen kann! Dich hat’s ja wohl auch böse erwischt, sonst wärest du doch in einem feinen Park und nicht einsam hier im wilden Wald.“
„Ich war die Attraktion des Vogelparks“, schwärmte der Pfau. „Mit Frau und Kind wohnte ich gemütlich in einem schönen Nest, bis der Parkdirektor unseren Sohn verkaufte und meine Frau vor Kummer starb.“
„Traurig, traurig“, sagte die Ziege.
Während sie gemeinsam die Brocken verspeisten, die sie zum Frühstück gesammelt hatte, Würmer und Larven für den Pfau, Blätter und Wurzeln für sich selbst, erzählte Peacock weiter von den glücklichen Zeiten und wie sehr er sich wünschte, noch einmal sein türkis schillerndes Pfauenrad aufzufächern.
Gemeinsam schleppten sie sich weiter.
„Was meinst du, wie viele Tage wir noch gehen müssen?“, fragte die Ziege, als sie am Abend unter einem Strauch nebeneinander lagen.
„Kommt Zeit, kommt Rat“, sagte der Pfau und schlief wieder auf der Stelle ein.
Am nächsten Morgen gingen sie weiter wie tags zuvor, bis ein Hahn in den Wald gestolpert kam.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte Peacock. „Wie dein schöner roter Kamm so schlaff herunterhängt. Nach Chef vom Hühnerhof sieht das nicht gerade aus!“
„Eher zum Herzerweichen“, ergänzte die Ziege. „Erzähl mal, was dir passiert ist, Hahn.“
„Die Bauersleute meinten, es gäbe nicht mehr genug Küken. So holten sie einen jungen Gockel auf den Hof und die dummen Hühner haben nur noch Augen für ihn. Dem Angeber schieben sie die leckersten Körner hin und ich soll zusehen. Das kann doch nicht alles gewesen sein, hab ich mir gedacht, und bin weggegangen.“
„Komm mit uns, wo zwei sind, können auch drei sein“, sagte der Pfau.
Zu dritt gingen sie weiter, bis sie einen Schlafplatz für die Nacht fanden.
„Wetten, dass wir morgen wieder jemanden finden, den das Unglück getroffen hat?“, überlegte die Ziege.
„Kommt Zeit, kommen Freunde“, sagte Peacock und schlief wieder schnell ein.
Als sie am nächsten Tag eine Weile gegangen waren, stand plötzlich ein Esel mitten im Weg und wollte sie nicht vorbei lassen.
„Nicht so störrisch, altes Grautier. Uns kannst du nichts vormachen. Glücklich siehst du nicht gerade aus. Sag’s doch frei heraus, dass du Kummer hast.“
„Stimmt ja, was du sagst, kluger Pfau“, meinte der Esel. „Kummer ist gar kein Ausdruck. Meine glücklichen Tage sind längst vergangen. Mein Fell ist struppig geworden, ich werde nicht mehr gebraucht. Selbst die Ponys auf der Weide stoßen mich weg. So macht das Leben keinen Spaß mehr. Ich sehe, ihr seid zu dritt. Wenn ich mich zu euch gesellen könnte, ging’s mir vielleicht besser.“
„Wo drei sind, können auch vier sein“, sagte der Pfau und sie gingen zu viert weiter. Am Abend fanden sie wieder einen guten Schlafplatz und jeder träumte von der Überraschung, die der nächste Tag vielleicht bringen würde.
Die ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Unter einem Busch hockte eine Gans. Ängstlich lugte sie zwischen den Ästen hervor.
„Was ist mit dir? Du zitterst ja, dass der ganze Busch bebt.“
Zögernd kroch sie heraus.
„Ach guter Pfau“, stöhnte die Gans. „Mein Jüngling, der mich die ganze Zeit auf dem Arm getragen und mir zu Fressen gegeben hat, weil ich so goldig war, ist durch mich der Bräutigam einer Königstochter geworden. Er hatte nur noch Augen für seine Liebste und vergaß mich. Da bin weggeflogen und dabei ist dieses Malheur passiert.“ Sie zeigte auf ihren Flügel, der kraftlos herunterhing. „Eigentlich will ich nur noch sterben. Was soll ich denn noch hier?“
„Nein, nein, nein!“ Peacock schien fast ein wenig zornig. „Das wird schon wieder. Dein Flügel ist gebrochen, das braucht Zeit. Komm derweil mit uns. Laufen kannst du doch. Wo vier zusammen sind, können auch fünf sein.“
Und schon watschelte die Gans mit in der Reihe. Nachdem die Fünf die Nacht unter einer Hecke verbracht hatten, gingen sie am nächsten Morgen weiter, schon darauf wartend, dass auch an dem Tage wieder ein Tier Hilfe brauchte. Prompt lief ihnen ein kleines Schwein mit heftig wirbelndem Ringelschwanz entgegen und wollte schon vorbeirennen.
„Halt, was ist denn mit dir los, Schweinchen?“, fragte der Pfau, der nach den Erlebnissen der vergangenen Tage seine Einsamkeit völlig vergessen hatte.
„Ich hatte mir ein schönes Haus gebaut, in dem ich alles hatte, was ich zum Leben brauchte und in dem ich in Frieden wohnen wollte“, antwortete das Schwein. „Doch dann klopfte der Wolf an die Tür. ‚Kleines Schweinchen, kleines Schweinchen, lass mich rein’, schmeichelte der, hatte natürlich Kreide gefressen, doch darauf fiel ich nicht herein. ‚Nein, nein, nein, nicht im Traum lass ich dich rein’, rief ich hinaus. ‚Dann werde ich husten und prusten und dein Haus einfach umpusten’, brüllte er voller Wut und rüttelte und schüttelte so heftig an meinem Häuschen, dass ich’s mit der Angst bekam. Da bin ich durch die Hintertür entwischt und weggelaufen, so schnell ich nur konnte. Seitdem bin ich auf der Flucht.“
„Komm mit uns. Wo fünf sind, können auch sechs sein. Und vor dem Wolf musst du dich gar nicht mehr fürchten. Wenn er kommt, kratze ich ihm die Augen aus, so wahr ich Peacock heiße.“
„Und ich meckere ihn gehörig an“, sagte die Ziege.
„Ich krähe dem Bösewicht so laut ins Ohr, dass ihm Hören und Sehen vergeht“, meinte der Hahn.
Der Esel versprach, ihm mit dem Huf einen Tritt in den Bauch zu versetzen und die Gans wollte ihm mit ihrem gesunden Flügel so heftig vor den Augen herumflattern, dass er sofort Reißaus nehmen würde. Da beruhigte sich das Schweinchen und konnte endlich wieder eine Nacht lang schlafen.
Als Peacock sich am nächsten Morgen mit seinen fünf seltsamen Gesellen auf den Weg machte, dachte er darüber nach, wie es mit ihnen weiter gehen könnte. Er meinte, dass es nun an der Zeit sei, eine Bleibe zu finden. Sie konnten doch nicht ewig so weiter wandern. Er grübelte und grübelte, doch es wollte ihm nichts Rechtes einfallen. Als er am Rande eines Weizenfeldes einen Fuchs erblickte, der dort ganz allein saß und in den Himmel schaute, spürte er, dass es mit seiner Hilfe eine Lösung geben könnte.
„Hallo Fuchs, was machst du denn da?“, fragte er.
Der Fuchs erschrak, doch nur ganz kurz.
„Ich sitze hier seit Jahr und Tag und schaue zu den Sternen. Darüber bin ich zwar grau geworden, aber ich will die Sterne anschauen, solange ich lebe.“
„Auch am hellichten Tag?“
„Die Sterne sind immer da, bei Tag und bei Nacht. Auf einem von ihnen wohnt mein Prinz. Er lächelt mich an. Davon kann ich gar nicht genug bekommen und er auch nicht.“
„Deinen Prinzen darfst du natürlich nicht enttäuschen. Er wird jedoch auch nichts gegen neue Freunde haben, vor allem, wenn sie deine Hilfe brauchen.“
Der Fuchs schaute weiter in den Himmel. Man sah ihm aber an, dass er über Peacocks Worte nachdachte.
„Mein Prinz würde von mir erwarten, dass ich helfe, wenn ich gebraucht werde“, sagte er leise.
„Siehst du?“, meinte der Pfau. „Schau sie dir an, unsere kleine Schar der Unglücklichen. Meinst du nicht, dass dir dazu etwas einfällt?“
Der Fuchs sah in die Runde und als alle ihn mit traurigen Augen ansahen, hatte er sogleich eine Idee.
„Ich sehe, ihr braucht dringend Rat und Hilfe, ihr lieben Tiere“, sprach er zu ihnen.
Alle nickten, der Pfau, die Ziege, der Hahn, der Esel, die Gans und das Schwein. „Mir fällt auch schon etwas ein. Von meinem Prinzen weiß ich, dass es jemanden gibt, der euch wieder so jung, schön und beweglich machen kann, wie ihr einmal ward, in glücklichen Zeiten. Es ist Meister Bonifatius, der verzaubert Tiere, die in Not geraten sind.“
„Wie schön“, riefen alle sechs im Chor.
„Seid ihr denn bereit, Erwachsenen und Kindern Freude zu bereiten?“
Alle nickten.
„Zu jeder Tages- und Nachtzeit? Bei Sturm, Regen und Schnee?“
Wieder nickten alle.
„Na gut. Jedoch müsst ihr drei Bedingungen erfüllen.“
Erwartungsvoll schauten sechs Augenpaare den Fuchs an, der plötzlich wieder sehr nachdenklich wirkte.
„Freunde müsst ihr sein. Und ihr müsst sieben sein.“
„Sechs Freunde sind wir schon“, überlegte der Pfau. „Wie sieht’s denn mit dir aus, Fuchs? Wenn du zu uns kommst, sind wir sieben. Das Lächeln deines Prinzen siehst du doch an jedem Ort. Und ein bisschen weniger Einsamkeit wäre auch für dich nicht verkehrt. Wo sechs sind, können auch sieben sein.“
Der Fuchs zögerte lange, dann hatte er sich entschieden.
„Wenn ihr meint, ich sollte dabei sein, dann will ich das auch. Die Sterne sind ja schließlich überall.“
Ein hörbares Aufatmen machte die Runde.
„Und die dritte Bedingung, Herr Fuchs?“, fragte die Gans ein wenig schüchtern.
„Ihr braucht, ich meine, wir … wir brauchen einen König.“
Sofort richteten sich alle Blicke auf den Pfau.
„Wer sonst käme in Frage als Peacock?“, stellte der Esel fest. „Schon allein wegen seiner blauen Brust und dem königlichen Kopfschmuck. Dagegen wird es wohl keine Einwände geben.“ Und das war auch so.
„Würdest du denn diese Bürde auf dich nehmen?“, wandte sich der Fuchs an den Pfau.
„Wenn ihr alle mir das zutraut, dann traue ich es mir auch zu und will euch ein würdiger König sein.“
„Gratulation“, krähte der Hahn und alle klatschten Beifall.
„Nun gut. Als König wende ich mich gleich mit einer Aufgabe an dich, Fuchs. Führe uns zu diesem Zauberer Bonifatius.“
Erwartungsvoll schauten wieder sechs Augenpaare den Fuchs an.
„Von meinem Prinzen weiß ich, wo wir ihn finden“, antwortete der. „Wir müssen der Sonne entgegen gehen. Irgendwann erscheint am Horizont ein grüner Kirchturm. Dann ist es nicht mehr weit. Doch geh du voran, König Peacock. Das gehört sich so für einen Herrscher. Als Letzter in der Reihe achte ich darauf, dass keiner zurück bleibt.“
„Wer hätte das vor ein paar Tagen gedacht?“, murmelte der Pfau und wanderte los, die anderen sechs trotteten hinterher.
Die Sonne stand schon sehr tief, als die Tiere in der Ferne den grünen Kirchturm erblickten und sie war bereits untergegangen, als sie einen kleinen See erreichten. Unwillkürlich blieben sie stehen, denn sie wurden geblendet von tausend und abertausend winzigen Lichtfiguren, die flimmernd aus der Mitte des Gewässers in die Höhe stiegen, in einer Leuchtspirale hinunterwirbelten, glitzernd im Wasser versanken, um dann gleich wieder aufzusteigen. Fasziniert schauten sie zu, wie das Lichtspiel immer wieder von vorne begann, so lange, bis die Kirchturmuhr zur Mitternacht schlug. In dem Moment waberte eine Nebelwolke hinunter, in der zunächst Augen und Mund zu erkennen waren, bis dann plötzlich ein Mann vor ihnen stand. Sein weißer Bart hing über einem dunklen Umhang. In der Hand hielt er einen Lichtstab. Kein Zweifel, das musste der Zaubermeister sein.
„Meine Elfen haben mir euer Kommen bereits angekündigt und mir mitgeteilt, dass ihr alle dringend Hilfe braucht“, sagte er sanft.
Mit seinem Stab leuchtete er von Gesicht zu Gesicht. Auf dem von Peacock ließ er den Lichtschein ruhen.
„Ich sehe, du hast diese kleine Schar der Unglücklichen hierher geführt. Hast du mir etwas zu sagen?“
„Ja, Meister, das habe ich“, sagte der Pfau, trat einen Schritt auf Bonifatius zu und zitierte sein Sprüchlein, das er sich auf der langen Wanderung ausgedacht hatte.
„Ziege und Hahn, der Freundschaftskreis fängt an,
Esel, Gans und Schwein, alle kommen hinein,
Fuchs ist geblieben, so sind wir sieben,
Königsfedern in blau, trägt Peacock der Pfau.“
Während Peacocks Rede hatten sich die Tiere nacheinander in einen Kreis um den kleinen See herum aufgestellt. Der Pfau verbeugte sich vor dem Zauberer und trat an seinen Platz zwischen Ziege und Fuchs. Bonifatius war zufrieden. Er breitete seine Arme aus und sprach:
„Sieben kamen her,
Laufen fiel ihnen schwer,
Freunde groß und klein,
Jung sollen sie sein.
Hammsalabim.“
Dann schwebte er in seiner Wolke davon. Im gleichen Moment kehrte das Glück zu den Tieren zurück. Jedes wurde wieder jung und schön, die Ziege bekam ihre beweglichen Beine zurück, der Hahn seinen aufrecht gezackten Kamm, der Esel sein glattes Fell, die Gans ihren gesunden Flügel, das Schwein sein ordentlich geringeltes Schwänzchen, der Fuchs seine rötlich leuchtende Farbe und König Peacock sein prächtiges Pfauenrad in Türkis. In ihrer gewohnten Runde standen sie um eine Brunnensäule herum, von der es über spiralförmig umlaufende kleine Wasserräder sprudelte und spritzte. Sie blieben für immer zusammen, freuten sich am fröhlichen Lachen der Kinder, die mit ihnen spielten und amüsierten sich, wenn mehrere gleichzeitig auf ihrem König reiten wollten. An warmen Sommerabenden lauschten sie dem Flüstern der Liebespaare und in frostigen Winternächten erzählten sie sich Geschichten, von schweren und von glücklichen Zeiten, von den Tagen, an denen sie Freunde wurden und vor allem von dem Tag, an dem Bonifatius sie wieder jung zauberte. Und wenn sie nicht gestohlen sind, dann stehen sie noch heute auf dem Marktplatz neben der Kirche mit dem grünen Turm.

(C) Renate Hupfeld

Märchen aus den Kurzgeschichten Sammlungen: