Dienstag, 19. Juni 2018

Er ist grün


Bild KI-generiert

„Bei dir ist es immer so schön, Oma. Darf ich in deinen Schrank gucken?“
„Du bist ja schon dabei, kleine Schmeichlerin.“
„Vielleicht finde ich wieder einen Schatz.“
„Pass nur auf, dass nichts herunter fällt, vor allem nichts, das zerbrechen kann.“
„Wie die Tassen hier, nicht wahr? Die sind gar nicht so wie bei Mama und Papa. Jede sieht anders aus.“
„Sammeltassen sind das. Die sammelt man. Jedenfalls hat man das früher gemacht.“
„So schöne Bilder drauf und viel Gold, bestimmt ganz wertvoll.“
„Ich weiß nicht, aber für mich sind sie sehr wertvoll.“
„Für mich auch, Oma, vor allem die mit dem grünen Vogel. Ich kann die Federn sogar fühlen. Darf ich die mal herausnehmen?“
„Ja, ja, aber ganz vorsichtig.“
„Wie schön er aussieht. Kann man aus den Sammeltassen auch trinken?“
„Sicher kann man das. Dazu sind sie ja eigentlich da.“
„Dann möchte ich aus dieser mit dem Vogel Kakao trinken.“
„Du kommst auf Ideen, meine Kleine.“
„Gute Ideen. Bleib nur sitzen, ich hole schon alles.“
Laura lief in die Küche und war flugs wieder da.
„Hier, Milch, Kakaopulver und zwei Löffel.“ Sie legte die Sachen auf dem Tisch ab und flitzte gleich wieder los, zum Schrank. „Ich hole noch eine Tasse für dich, Oma. Welche möchtest du?“
„Für mich? Ja, warum eigentlich nicht? Schau mal nach der mit der roten Rose. Die hat mir immer so gut gefallen.“
Laura musste nicht lange suchen. Schnell kam sie mit der Rosentasse zurück. „Lass nur, ich mach das schon“, sagte sie, als die Großmutter sich mit dem Schraubverschluss der Milchpackung abmühte, und bereitete die Getränke zu.
„Hier, siehst du? Rose und Vogel. Sogar mit Untertellern, rot für dich und grün für mich.“
Sie setzte sich neben Oma auf das Sofa und betrachtete zufrieden das Tassenpärchen.
„Wunderbar hast du das gemacht, mein kleiner Schatz. Wie geschickt du bist!“
„Du bist auch geschickt, Oma. Und weißt du, in was?“
„Was meinst du?“
„In Geschichten erzählen. Die sind immer so spannend. Bitte!“
„Du kannst betteln. Wer könnte dir widerstehen? Mir ist doch auch gerade wieder eine eingefallen.“
Laura rückte nah an Oma heran, als die zu erzählen begann.
„In einem Wald lebte einmal ein wunderbarer Vogel. Mit seinem samtgrünen Gefieder und den purpurroten seidigen Federn auf dem Kopf war er nicht nur wunderschön, er war auch der beste Flieger im Wald.  Die anderen Vögel schauten zu, wenn er im Sonnenschein mitten auf der großen Lichtung die grünen Flügel ausbreitete, sich in die Lüfte erhob, ein paar Runden flog und elegant auf einem Baum landete. Er hieß König Grün. Du kannst dir ja vorstellen, warum.“
„Ja; klar. Lebte König Grün denn alleine oder hatte er eine Familie?“ Laura nahm Omas Hand.
„Er lebte sehr glücklich mit seiner Frau in ihrem gemütlichen Nest hoch oben im Baum und sie bekamen einen wundervollen Sohn. Der Vater lehrte den Kleinen alles, was so ein junger Vogel können musste.“
„Vor allem fliegen“, meinte Laura.
„Ja, vor allem fliegen, aber auch den Baumstamm hochklettern, Gefahren meiden und Nahrung finden, Würmer, Larven, oder auch Samenkörner. Jeden Morgen und jeden Abend speisten sie zu dritt auf der Wiese, den Jungen hatten sie in der Mitte. Dem sah man schon bald an, dass er einmal sehr schön werden würde.“
„Genau so schön wie sein Vater?“
„So richtig grün war er noch nicht. Das Gefieder war noch hell gesprenkelt, bekam aber allmählich einen grünlichen Schimmer. Der Kleine lernte sehr schnell und machte gute Fortschritte, vor allem im Starten und Landen. Daran hatte er so viel Spaß, dass er von morgens bis abends übte. Nach einigen Wochen war es dann so weit, dass er zusammen mit dem Vater eine kleine Runde fliegen und sicher auf dem Baum landen konnte. Jeden Tag flogen die beiden nun ihre Runden und wenn die Landung geglückt war, bekamen sie Applaus von den vielen anderen Vögeln im Wald. Und was meinst du wohl, wie die Mama und der Papa ihn nannten.“
„Prinz Grün“, rief Laura.
„Richtig, so nannten die Eltern ihn. Sie waren stolz auf Prinz Grün, der sich zu einem wahren Flugkünstler entwickelte. Immer mehr Vögel kamen und wollten ihn sehen, weil er noch höher flog als sein Vater. Manchmal stürzte er sich senkrecht herunter und zog kurz vor dem Boden noch einmal hoch. Davon konnten die Zuschauer gar nicht genug bekommen. Es sprach sich herum und Prinz Grün wurde die Attraktion des Waldes. Das war auf der einen Seite schön, doch auf der anderen Seite war es gar nicht gut, denn kurz darauf geschah etwas Schreckliches.“
Laura kuschelte sich noch enger an die Oma und drückte ihre Hand.
„Stell dir vor, Prinz Grün wurde immer mutiger, seine Runden immer größer und eines Tages kam er nicht mehr zurück.“
„So ein dummer Prinz! Warum hat er das gemacht?“
„Wohl, weil er seine Freiheit wollte.“
„Und wo war Prinz Grün dann?“
„In einen anderen Wald, ganz weit entfernt.“
„Und jetzt? Was machten Papa und Mama jetzt? Gingen sie ihn suchen?“
„Die Eltern wussten ja nicht einmal, wo der andere Wald war. Was sollten sie machen? Ihr Glück war zerstört. Sie waren verzweifelt, vor allem die Mutter. Die war so traurig, dass sie seitdem nichts mehr essen wollte. König Grün versuchte alles, um sie zu trösten, ging nur zum Nahrung suchen von ihrer Seite und brachte ihr die fettesten Würmer und Larven. Nichts half. Sie wurde immer schwächer und eines Morgens fand er seine Frau tot unter dem Baum liegen.“
„Da war er ja ganz alleine, der Arme“, sagte Laura.
„Ja, er fühlte sich sehr einsam, konnte sich über nichts mehr freuen und an Fliegen war bald gar nicht mehr zu denken. Selbst das Laufen fiel ihm von Tag zu Tag schwerer.“
„Er wurde ja auch immer älter, wie du, Oma. Hier, das Trinken nicht vergessen!“ Laura reichte ihr die Rosentasse und nahm selbst einen Schluck Kakao aus der Vogeltasse.
„Das kam noch hinzu. Mit dem Alter wurde er immer kraftloser, wie das eben so ist. Da er auch nicht mehr klettern konnte, musste er sein Nest im Baum aufgeben und legte sich nachts unter einen Strauch. Doch da hatte er schreckliche Angst vor den Füchsen und konnte überhaupt nicht mehr schlafen. Als er sein Elend gar nicht mehr ertragen konnte, verließ er den Wald.“
„Vielleicht findet er Prinz Grün, Oma.“
„An seinen kleinen Jungen dachte er natürlich die ganze Zeit. Wenn er nur gewusst hätte, wo er ihn finden könnte. Jedenfalls humpelte er erst einmal los, nur weg von diesem Ort wollte er. Unglücklicher konnte er ja gar nicht mehr werden. Der Weg führte über viele Felder zu einem Pfad am Flussufer, dann zu einem See. Am Abend fand er Unterschlupf im Schilf.“
„Und dann? Als es dunkel wurde? Hatte er wieder Angst?“
„Er war so müde, dass er sofort einschlief. Am nächsten Morgen schien sogar die Sonne. Zwischen den Pflanzen am Ufer fand er ein paar Larven zum Frühstück. Als er sich ein wenig gestärkt hatte, ging er weiter und kam auch einigermaßen gut voran, bis nach einer ganzen Weile seine Kräfte nachließen. Die Beine wollten nicht mehr so recht. Ja nicht aufgeben, dachte er, kämpfte sich durch das sumpfige Dickicht und schleppte sich weiter. Als es wieder Abend wurde und er einen Platz für die Nacht suchte, stand er plötzlich vor einem Zaun. Er schaute hindurch auf eine Wiese.“
„Nein!“, seufzte Laura.
„Keine Bange, mein Schatz. König Grün hatte es sehr gut angetroffen. Viele Vögel waren dort zum Abendessen versammelt, klein und groß, grau, schwarz, gelb, blau und rot. Es war der Garten einer alten Frau, die Tiere sehr liebte, und allen half, vor allem half sie denen, die in Not waren. Sie hatte ihn auch gleich entdeckt und ging, auf ihren Stock gestützt, zum Zaun. ‚Was bist du so ein schöner Grüner! Komm herein’, sagte sie und hob den Maschendraht ein wenig hoch, damit er hindurchschlüpfen konnte.“
Laura rannte zum Fenster.
„Oma, schau mal, da ist er schon auf der Wiese mitten zwischen den anderen und findet Würmer und Larven. Jetzt kann ihm nichts mehr passieren. Und sieh doch mal, wer da oben im Mirabellenbaum sitzt!“, rief sie ganz aufgeregt. „Der Prinz! Er ist grün!“

33 Kurzgeschichten von Renate Hupfeld:





Loser


„Kommst du noch mit auf ein Bier in den Landsknecht, den ganzen Mist vergessen?“, fragte Rüdiger, als sie das große Backsteingebäude verließen.
„Weiß nicht, vielleicht später, ich will erst mal nach Hause.“
Martin hatte Mühe das Auto heil aus der engen Parklücke zu fahren, seine Hände zitterten. Wie hatte er sich gestern noch auf einen friedlichen Sommerabend im Garten gefreut. Und jetzt? Nach dem Desaster in der Firma war nichts mehr wie zuvor. Was erwartete ihn zu Hause, wenn er mit dieser Hiobsbotschaft ankam?
Eine schattige Baumallee führte hinaus aus der Stadt, auf die Landstraße, wo die tiefstehende Sonne ihm in die Augen stach und die Felder wie eine fremde Landschaft an ihm vorbeizogen. Er rauchte auch wieder, schon die dritte Zigarette, dabei wollte er sich das Rauchen doch abgewöhnen.
Nach der letzten Kurve die Häuserzeile, dann einbiegen in die ruhige Wohnstraße, wo Helen und Aaron auf ihn warteten. I’m a loser, summte es in seinem Kopf.

Bei dem Wetter waren sie draußen, seine Frau und sein Sohn, ein Bild, wie es schöner niemand malen könnte. Wie zwei Rosen an ihrem Sonnenplatz waren sie aufgeblüht in diesem Haus neben dem Bauernhof. Alles kaputt, auf einen Schlag.
Helen erwartete ihn mit ihrem Lächeln. Sie trug den knappen Bikini, den er ihr am Samstag vorher in der City gekauft hatte, die Figur wie ihr Lächeln, unvergleichlich. Und diese Sehnsucht in ihrem Blick. Sie konnte noch träumen. Merkte sie denn nichts? Fiel ihr gar nicht auf, dass sein Begrüßungskuss heute schal war? Er setzte sich zu ihr auf die Terrasse.
„Willst du dich nicht erst einmal umziehen?“, fragte sie. „Muss doch unbequem sein, die Krawatte bei den Temperaturen.“
„Später“, antwortete Martin und schaute ihr nach, wie sie durch das Wohnzimmer in die Küche ging. Unwiderstehlich, viel zu gut für einen wie ihn.
Aaron kam angerannt, drückte ihm einen nassen Schmatz auf den Mund und lief zurück auf die Wiese, zum Spielen mit dem Jungen aus dem Nachbarhaus. Bunte Papierschiffchen schaukelten auf der sonnenglitzernden Wasserfläche in dem kleinen Planschbecken. Sicherlich hatte Helen sie mit den Kindern gebastelt.

Nach dem Abendessen war es endlich heraus.
„Gekündigt?“
Das Lächeln verschwand aus Helens Gesicht.
„Das geht doch gar nicht.“
„Doch“, entgegnete Martin.
„Und was ist mit Rüdiger?“
„Die ganze Abteilung muss gehen. Ein amerikanischer Konzern hat die Firma gekauft, nur die Produktion wird übernommen.“
„Einfach ausgetauscht, wie kaputte Maschinen?“, rief Helen empört. „Und jetzt?“
„Ein neuer Job muss her. Rüdiger und ich haben schon Verbindung zu einem Unternehmen in Süddeutschland, der Marketingdirektor hat uns letztens angesprochen, ob wir nicht …“
„So weit weg? Das kann nicht dein Ernst sein, wo wir uns gerade wieder zusammengerauft haben. Und Aaron, wie zufrieden er jetzt ist. Wir geben doch unser neues Leben hier nicht so einfach auf.“
Hatte er es sich doch gedacht, es würde schwierig mit ihr.
„Aber ohne Job läuft gar nichts, Helen.“
„Wir haben einen Job. Im nächsten Monat stellen sie mich an der Schule fest an.“
„Stimmt schon.“
„Sieh das doch mal positiv, Martin.“
Was hatte sie nur für Gedanken? Unglaublich. Doch das war Helen. Es gab keine Scheiße, an der sie nicht auch noch was Positives sah, eine unverbesserliche Optimistin.
„Willst du etwa so weiter machen?“, fuhr sie fort. „Dich behandeln lassen wie eine Schachfigur, die man gnadenlos rausschmeißt? Etwas Besseres findest du allemal. Jetzt nimm dir erst mal Zeit, in Ruhe über deine berufliche Zukunft nachzudenken.“
„Nein, nein“, wehrte er ab.
War nicht schon so alles schwierig genug? Aber sie gab keine Ruhe.
„Du warst ganz anders, als du noch nicht in dieser Tretmühle warst. Die Staffelei könntest du wieder aufstellen und die Spiegelreflexkamera …“
Warum musste sie gleich so übertreiben? Glaubte sie denn, er würde hier zu Hause den Kreativheini spielen? Dabei wohlmöglich das nächste Kind im Tragetuch durch den Garten schleppen?
„Helen, du bist eine Träumerin.“
Sie schwieg.
„So einfach ist das nicht“, versuchte er zu beschwichtigen.
„Das hier ist mir wichtiger, als dein verdammter Job, Martin. Der bringt uns doch nur Ärger. Du weißt, was ich meine, aber du willst das nicht verstehen. Ich will das hier nicht aufgeben.“
Ja, er wusste, was sie meinte, wollte sie ja auch verstehen. Am liebsten hätte er seinen Kopf in ihren Schoß gelegt und geheult, aber das ging nicht. Helen wollte ihm ja helfen, aber doch nicht so. Woher nahm sie die Power? Sie brauchte ihn gar nicht, war viel zu stark.
Aaron hatte ein Kinderbuch geholt und auf den Tisch vor Helen gelegt: ‚Das Nashorn und das Eichhörnchen’. Sie nahm das Buch und stand auf.
„Ich bringe jetzt Aaron ins Bett. Danach reden wir weiter. Wir finden eine Lösung, da bin ich mir sicher“, sagte sie und ging sie mit dem Kleinen in das Haus.

Eine richtige Bilderbuchfamilie waren sie, aber das half ihm nicht weiter. Ja, sie hatte einen Job. Und er? Es gab für ihn nur einen Weg, auch wenn der nach Süddeutschland führte. Aber er kam sich mal wieder vor wie einer, der zu schwere Gewichte stemmte. Hörte dieser Druck denn nie auf?
„Ich fahre noch mal weg“, rief er ihr nach.
Dann ging er zu seinem Auto. Er zitterte nicht mehr so stark, als er den Schlüssel in das Zündschloss steckte. Durch die Felder fuhr er zurück in die Stadt, zum Landsknecht, wo Rüdiger sicherlich schon beim Bier auf ihn wartete. I’m a loser, summte es in seinem Kopf.

Mehr Kurzgeschichten von Renate Hupfeld in:



Mittwoch, 21. März 2018

schattenland

im schattenland
flüstert warmer wind
in den palmen manchmal
etwas kühl und zu stark

vulkanwein
kräftig würzig
tiefdunkel

blicke vom kraterrand
in unendliche tiefen
worthülsen 
purzeln

nacht der abgründe
gezackte fabellandschaften
quirlige mondwesen
sonne löst sie auf
für einen moment

kratergiganten 
hinterlassen spuren
im sonnenwald
mondberge über
vielfarbiggrünen pflanzen
auf dem weg aus der
schwarzen wüste

mauergeckos beharrlich
an ihrem sonnenplatz
la graja krächzend
im nebelwald

gischt leise 
immerrauschend
sprudelnd gurgelnd
plötzlich laut klatschend
auf dem lavastrom
schwarze steine
rundrollend


Donnerstag, 23. November 2017

Jan bei den Heinzeln


„Oma, du hast kleine Beine, du kannst mit mir zusammen oben auf dem weißen Pferd sitzen“, meinte der kleine Schelm.
„Ich hab’ zwar kleine Beine, aber ich weiß nicht recht, wie ich auf das hohe Pferd raufkommen soll und vor allem wieder runter. Nee, weißt du was, Jan? Ich habe eine Idee. Wir beide setzen uns in eine Kutsche und fahren hinter dem weißen Pferd. Das ist doch auch gut.“
So machten wir es. Die Kutsche war genauso schön bemalt wie das Pferd. Wir stiegen ein und saßen einander gegenüber. Der Kleine war zufrieden, vor allem, als es dann endlich losging. Ich glaube, er war sogar ganz froh, dass er nicht hoch oben auf dem Pferd sitzen musste.
Nach ein paar Karussellrunden mit lustigem Gebimmel von „Jingle Bells“ gab’s an einer Weihnachtshütte Kinderpunsch in bauchigen Heinzeltassen. Süß und lecker. Wir standen unter einem Baum und schauten hoch auf unzählige rote Leuchtherzen. Nein, nicht Leuchtkerzen. Leuchtherzen in der Lichterkette. Diese roten Herzen gibt’s nur auf dem Heinzel-Weihnachtsmarkt in der Kölner Altstadt.
„Was ist das für eine Figur ganz da oben, Oma?“, wollte Jan wissen.
„Das ist das Denkmal für Jan von Werth.“
„Ist der berühmt?“
„Berühmt durch eine Sage, die man in Köln immer wieder erzählt. Willst du die Geschichte hören?“
„Ja, klar!“
„Also, Jan von Werth lebte vor langer, langer Zeit hier in Köln. Er war ein junger Knecht, musste immer die blödesten Arbeiten machen. Aber er war schön und stark. Er verliebte sich in eine junge Magd, die auch immer die blödesten Arbeiten machen musste. Griet hieß sie und war auch schön und stark. Aber eingebildet.“
„Eingebildet?“
„Als Jan sie fragte, ob sie mit ihm tanzen wollte, stampfte sie mit dem Fuß auf und sagte nein. Sie bildete sich ein, ein König würde mit ihr tanzen und sie würde Königin.“
„Wurde sie Königin?“
„Es kam kein König. Jan verließ Köln, wurde ein reicher General. Eines Tages kam er auf einem Pferd durch das Severinstor in die Stadt geritten und traf Griet wieder.“
„Was war aus Griet geworden?“
„Sie war immer noch Magd, aber nicht mehr jung, schön und stark.“
„Wollte sie jetzt mit ihm tanzen?“
„Vielleicht, aber er wollte nicht mehr mit ihr tanzen.“
„Und jetzt steht er ganz da oben, Oma, das hat er verdient. Und was machen wir jetzt?“
„Wir geh’n mal in die Handwerkergasse, da schmiedet ein Schmied Hufeisen mit Namen, ein Töpfer töpfert Heinzeltassen, ein Holzschnitzer schnitzt Heinzelmännchen.“
„Zu dem will ich, Oma. Die Geschichte von den Heinzelmännchen hast du mir ja schon erzählt. Sie haben heimlich nachts alles gemacht für die Leute. Heimlich. Doch eine Frau war so blöd und hat Erbsen auf die Treppe gestreut. Da sind sie alle runtergepurzelt und abgehauen. Für immer.“
„Nicht ganz, Jan. Hier auf dem Heinzel-Weihnachtsmarkt sind sie ja für ein paar Wochen wieder in Köln.“
Wir schoben uns durch das Gedränge und schauten dem Holzschnitzer ein bisschen zu. Er schnitzte gerade eine Krippenfigur. Aber viele Heinzelmännchen hatte er schon fertig.
„Ich möchte das mit den Fußballschuhen, Oma. Kannst du mir das kaufen?“
„Du kannst es dir beim Christkind wünschen, Jan. Ich zeige dir jetzt, wie du das machst.“
In der Spielzeuggasse war ein Weihnachts-Postamt. Dort gab es Heinzel-Briefpapier, -umschläge, –stempel und einen großen gelben Briefkasten. Viele Kinder waren schon da. Wir mussten eine Weile warten, bis ein Schreibplatz frei war.
„Ich weiß schon, was ich schreiben will“, meinte Jan. „Liebes Christkind in Engelskirchen, ich wünsche mir ein Heinzelmännchen, das immer bei mir ist, wenn ich Fußball spiele. Es schießt mir den Ball so zu, dass die anderen Kinder ihn mir nicht wegschnappen können. Ich schieße ihn dann ins Tor und werde berühmt. Dein Jan.“
Ich half ihm ein bisschen bei Schreibarbeit, stempeln, Blatt falten, in den Umschlag stecken, den auch beschriften. Dann hatten wir uns was Süßes verdient. Beim Bonbonmacher in der Naschgasse bekamen wir Lollis in rotweiß.
  
Mehr Weihnachtsgeschichten: