Dienstag, 19. Juni 2018

New York, New York


Oft habe ich mich gefragt, ob es Zufälle gibt. Inzwischen bin ich mir sicher, dass alles, was geschieht, einer unsichtbaren Ordnung folgt. Und jeden Tag sage ich mir, wie sinnvoll es war, trotz eines gewissen Risikos, ich könnte Sarah auf der Zielgeraden des New York City Marathons verpassen, an diesem grauen Morgen des ersten November gegen acht Uhr vom Hotel am Beekman Place in Upper Midtown Manhattan zur 42. Straße zu laufen, mit der U6 vom Grand Central Terminal bis zur City Hall zu fahren, von dort den Fußweg über die Brooklyn Bridge und auf der anderen Seite des East River den Weg durch den Park zu nehmen, in dem die Leute aus der Umgebung morgens ihre Hunde ausführen. Es war auch kein Zufall, dass ich an der U-Bahn-Station Court Street stehen blieb, den Stadtplan auffaltete und überlegte, wie ich zum ersten Treffpunkt gelangen könnte, den ich mit meiner Tochter vereinbart hatte. Hätte sie Aaron jemals kennen gelernt, wenn mich nicht an jenem Sonntag am Eingang eben dieser U-Bahn-Station in Brooklyn ein Mann mit Hund angesprochen hätte?

„Kann ich helfen?“, fragte er.
„Ich bin auf dem Weg zur Marathonstrecke, dem 8-Meilen-Punkt in der vierten Avenue. An welcher Station muss ich aussteigen?“
„Ah, ein Marathon Fan“, sagte der Mann. „Dahin können Sie gut laufen. Sie gehen geradeaus bis zur Atlantic Avenue, biegen links ab, dann ist es ungefähr noch eine Meile.“
„Und wie komme ich später dann möglichst zügig zur Queensboro Bridge? Da will ich nämlich als nächstes an die Strecke.“
„Mit der U-Bahn direkt von dort hinüber nach Manhattan, am besten mit der Expressbahn, sonst schaffen Sie es am Ende nicht rechtzeitig. Ich weiß ja nicht, wie schnell Ihr Favorit ist.“
„Ziemlich flott auf den Beinen. Dann will ich mal los.“

Obwohl ich mich bedankt und einen schönen Tag gewünscht hatte, ging der Mann neben mir und redete weiter.
„Fans an der Strecke sind wichtig. Ich vermute mal, Ihr Mann läuft mit und er freut sich über Ihre Unterstützung.“
„Meine Tochter ist dabei. Sie hat sich einen Wunsch erfüllt, zum Schulabschluss.“
„Oh, ist sie da nicht ein bisschen jung für so einen Lauf?“
„Achtzehn, das Mindestalter für die Teilnahme.“
„Halb so alt wie ich und schon so entschlossen, ein großes Ziel zu erreichen.“
Seltsame Gedanken hatte dieser Mensch. Wie lange wollte er noch neben mir gehen? Sein Hund trippelte schon ungeduldig vor meinen Füßen herum.
„Sorry.“
„Ist okay. Ich hatte auch mal so einen quirligen Vierbeiner. Der sah Ihrem sogar ähnlich.“
„Jetzt haben Sie keinen mehr?“
„Nein.“
„Und Kinder? Nur die Tochter?“
Obwohl seine Fragerei mich nervte, fand ich ihn nicht unsympathisch. Das Lächeln in seinen Augen gefiel mir, so ein ganz helles Lächeln war das, mir irgendwie vertraut. Was sollte ich ihm antworten?
„Nur Sarah“, sagte ich und eigentlich stimmte das ja auch. Wozu schmerzvolle Erinnerungen hochwühlen, die mehr als zwanzig Jahre zurücklagen? Gekämpft, verloren, geweint, neu begonnen, niemals vergessen. Wen interessierte das?
Ich wollte nun schnellstens zu unserem Treffpunkt. Nass und kalt sei es am Start auf Staten Island, hatte Sarah in der SMS geschrieben. Gerade kam eine weitere auf meinem Handy an. Ich zog es aus der Jackentasche und öffnete die Nachricht.
‚Bin in der Startaufstellung. Wir werden jetzt auf die Verrazano-Brücke gebracht. Kann nix mehr schiefgehen. New York, New York…’
Mich beruhigte jetzt vor allem, dass sie endlich in Bewegung kam. Schließlich war sie seit dem frühen Morgen unterwegs und sicherlich total durchgefroren.
„Sarah läuft jetzt los“, sagte ich.
„Ja, klar. Da sehen Sie schon den Turm am Ende der Straße. Dahin müssen Sie.“
„Danke, ich beeile mich.“
„Einen Moment noch“, sagte er. „Ich werde nachher an der Strecke ein paar Fotos für die Zeitung machen. Vielleicht haben Sie Interesse. Hier, nehmen Sie mein Kärtchen.“
Ich steckte es in die Jackentasche.
„Noch etwas! Hätten Sie vielleicht eine Adresse für mich oder noch besser, Ihre Mobilnummer?“
Ein paar Visitenkarten hatte ich noch im Portemonnaie. Ich gab ihm eine.
„Im Beekman Tower Hotel können Sie mich auch erreichen.“
“Das ist in der Nähe der Queensboro Bridge, sehr schöne Gegend, da hab ich gewohnt.“
„Queensboro Bridge ist mein nächster Punkt an der Strecke.“
„Ja, danke und viel Erfolg für Sarah“, sagte er noch und verschwand mit seinem Hund in der Seitenstraße.

Neben dem Turm fand ich einen prima Platz mit freiem Blick auf die vierte Avenue. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Läuferinnen und Läufer vorbei rannten Auf Sarah musste ich noch ein wenig warten. Dann sah ich sie inmitten einer Gruppe, das blonde Girl mit Pferdeschwanz in blauem Trikot. Sie lachte kurz in die Kamera und war auch schon vorbei. Mein „Go, Sarah, go!“ brauchte sie noch nicht. Doch es konnte noch eng werden, ein knappes Drittel der Strecke hatte sie erst hinter sich. Auch für mich gab es nun eine beachtliche Distanz zu überwinden, von Brooklyn nach Upper Manhattan. Für Schlange stehen bei „Dunkin’ Donuts“ blieb keine Zeit, ich wollte rechtzeitig am 16-Meilen-Punkt sein. Also kein Kaffee, sondern gleich weiter, mich anderen Marathon Hoppern anschließen, in die U4 treiben lassen, an der Lexington Avenue / Ecke 59. Straße aussteigen, von dort laufen zur First Avenue, diese nach Polizeianweisungen überqueren, unten an der Queensboro Brücke nur einen wackligen Platz in der dritten Reihe finden und Ausschau halten zwischen hunderten von Läufern, die dicht beieinander von der Brücke herunter in die Kurve rannten. Wo blieb Sarah? War sie etwa schon vorbei? Nach einer Weile erblickte ich sie dann, fast ein bisschen zu spät, doch für ein verwischtes Fotos reichte es. Kein Blickkontakt. Zehn Meilen hatte sie noch vor sich, zur Bronx und zurück, nicht viel bei ihrem Tempo. Inzwischen verstand ich noch besser, warum der Brooklynmann mir zur Eile geraten hatte, und lief sofort los. Je näher ich dem Central Park kam, umso heftiger wurde das Gedränge und Geschiebe, zumal man weiträumige Absperrungen umlaufen musste und vor jeder Straßenüberquerung von Polizisten angehalten wurde.
Nach etlichen Umwegen ergatterte ich ein winziges Plätzchen an der Zielgeraden in unvorstellbarer Enge. Jetzt noch zwischen wehenden Fahnen einen Blick auf die Strecke erwischen. Und da sah ich wieder die Läuferschlange an mir vorbeiziehen. So viele Gesichter, alte, junge, abgekämpfte, fröhliche, mehr oder weniger verschwitzte. Hunderte von Trikots in allen Farben. Den meisten Läufern sah man die 42 Kilometer wirklich nicht an. Meine Stimmung schwankte zwischen der Freude, nun in unmittelbarer Nähe dieses Events im Central Park dabei zu sein und der Sorge, Sarah sei vielleicht schon längst im Ziel. Als ich eine Nachricht von ihr erhielt, brauchte ich die Ellenbogen, um das Handy aus der Jackentasche zu fummeln. Alles klar. Noch eine Meile. Fotoapparat bereithalten und sie ein paar Minuten später in ihrem blauen Trikot hinter zwei weißen und inmitten einiger gelber und roter entdecken. Wieder kein Blickkontakt, doch Sarahs Lauf war glücklich beendet.
Sie hatte ein großes Ziel erreicht.  Doch das Highlight des Tages stand uns noch bevor. Hätte ich ahnen können, dass meine Begegnung mit dem jungen Mann, der mich einige Stunden zuvor ein Stück weit begleitet hatte, eine so unglaubliche Überraschung nach sich zog?

Während ich beim Eingang des Museums of Natural History auf eine Nachricht von meiner Tochter wartete, hielt ich plötzlich zusammen mit dem Handy die Visitenkarte des Brooklynmannes in der Hand, las und traute meinen Augen nicht. Das konnte nicht sein! Oder doch? Ich setzte mich auf eine Treppenstufe. Kein Zweifel. Der Mann mit Hund war Aaron. Sollte ich das jetzt begreifen? Wie ferngesteuert wählte ich seine Nummer. Ja, wir haben uns eine Menge zu erzählen, möglichst bald, sofort, ja, möglichst sofort, fürchterlich hektisch gerade hier, achtzehn Uhr, ja, ja, achtzehn Uhr ist gut, Bar im Hotel Beekman Tower, 26. Stock.
Sarah kam angehumpelt. Bevor ich ihr gratulieren konnte, schmiss sie sich auf die Stufe und packte ihre Beine auf meine Knie. Freudenumarmungen mussten warten. Ich ließ sie eine Weile verschnaufen, bevor ich mich um ein Taxi kümmerte, das uns zum Hotel brachte, wo nach kurzem Austausch Terminabsprache erst einmal jede zum Ausruhen in ihrem Zimmer verschwand.

„Heute ist nix mehr mit Laufen“, meinte Sarah, als wir fünf Minuten vor sechs im siebten Stock auf den Aufzug warteten, „höchstens zum Dinner über die First zum Grillrestaurant.“
„Du musst gar nicht mehr laufen. Dinner gibt’s heute im Hotel.“
„Wie, in dem teuren Laden da oben? Nur weil wir heute in einer Wahnsinnsstadt den Wahnsinn erlebt haben, musst du doch nicht verrückt spielen, Mama. Ist wohl alles ein bisschen viel für dich.“, empörte sich meine Tochter, während ich auf die 26 drückte und das Gefährt sich aufwärts bewegte. Ja, das war alles ein bisschen viel für mich. Wie sollte sie das auch verstehen?
„Heute gönnen wir uns das, Sarah, wir haben einen schönen kleinen Tisch mit Blick auf East River und Queensboro Bridge. Da bist du doch drüber gelaufen.“
„Ist mir schwer genug gefallen“, maulte sie, „beim Hochlaufen war ich nämlich drauf und dran aufzugeben. Ätzend, diese vielen Brücken auf der Strecke.“
Sie schüttelte den Kopf. „Mama, du bist von allen guten Geistern verlassen. In welchem Film bist du eigentlich? Der Blick auf die First Avenue reicht mir voll und ganz. Drüben an der Ecke will ich ganz banal mein gegrilltes Lamm mit gegrilltem Gemüse essen.“
 „Das kannst du oben auch tun. Und jetzt beruhige dich. Es gibt Dinge, die muss man hinnehmen.“
Vielleicht hätte ich mich besser erst einmal allein mit Aaron treffen sollen, doch das ging doch heute gar nicht. Insofern war es schon okay. Da öffnete sich schon die Aufzugtür und im selben Moment sah ich ihn an einem der Stehtischchen auf dem Barhocker sitzen. Er hatte mich auch sofort erblickt, sprang auf, kam auf mich zu und nahm mich in die Arme. Ich drückte ihn an mich und wünschte in dem Moment, die Zeit bliebe stehen. Sein Gesicht, diese Augen, das unverwechselbare Lächeln. Ja, so kannte ich meinen kleinen Liebling. Mein Herz hüpfte und hüpfte, wollte gar nicht mehr aufhören
„Ich bin Aaron“, sagte er zu Sarah gewandt, nahm ihre Hände in seine und schaute sie lange an. Einen Moment lang war sie verdattert, doch dann kombinierte sie blitzschnell: „Aaron? Der Aaron?“
Ihr Blick wechselte von ihm zu mir. Ich nickte.
“Dann bist du der süße kleine Junge auf den Fotos. Aaron in der Badewanne, Aaron bei seinen ersten Schritten, mit Schultüte und auf der Skipiste. Mann, ich fass es nicht.“
Ich ließ keinen Blick von meinen Kindern, konnte mich gar nicht satt sehen. Mein kleiner Junge war ein Mann geworden, mit Männerstimme und Bart und meine kleine Powerprinzessin hatte einen großen Bruder bekommen.

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Destiny


Heute früh hat Martin zum letzten Mal drei Gedecke auf die Küchentheke gestellt. Letztes Frühstück zu dritt in diesem Haus. Nie mehr wird Aaron mit dem Mofa von der Schule kommen, beim Hereinkommen „Papa, ich bin da“ rufen, mit ihm zusammen Mittag essen und „Ich fahr zu Rudi“ sagen. Morgen wird er Aaron, Hund und Mofa wegbringen, zu seiner Mutter.
Es gibt keinen anderen Weg. Ohne Helen kann er in diesem Haus nicht wohnen bleiben. Der Triumphblitz in ihren Augen, heute Morgen beim Abschied. Er spürt ihn noch in der Herzgegend. „Wir hören voneinander“, hören voneinander …
Den ganzen Tag über hat ihn das kaputt gemacht, den ganzen Nachmittag hat er geheult. Sein Tagebuch neben der leeren Kaffeetasse auf dem Nachttisch. Er nimmt es in die Hand. Streicht über das dunkelrote Leder, so weich. Überall hat er es dabei. Was würde er nur tun ohne diesen geduldigen Zuhörer? Was soll aus ihm nur werden?
Es wird still sein hier im Haus, wenn er morgen Nachmittag von seiner Mutter zurückkommt, totenstill. Die Geräusche von der Straße werden nichts mit ihm zu tun haben, von weit her werden sie kommen. Rasenmäher, Traktoren und Stimmen in Watte gepackt. Genau wie jetzt. Wieder wird er auf dem Sofa liegen und die Lichtstreifen der Abendsonne werden ganz langsam an der Wand entlang wandern, das Bücherregal erreichen, von Lücke zu Lücke springen, bis zum Boden, bis sie verschwunden sind. Er wird darauf warten, dass es dunkel wird in diesem Haus. Auf nichts sonst wird er warten, auf niemanden.
Von Helen ist er kuriert. Mit ihr will er nichts mehr zu tun haben, wird von ihr befreit sein, ein für alle Mal. Wie konnte er nur in diese Abhängigkeit geraten? Der Weg ist zu Ende, hat sie gesagt, sie beide wären an ihrer kaputten Jugend gescheitert. Nein, nein, nicht die kaputte Jugend. Sie ist im Irrtum. Der Grund ist ein anderer. Helen bringt es nicht fertig, ihn neben sich zu akzeptieren, einen Hausmann. Das wollte er ihr noch sagen an dem Abend, als sie an der Küchentheke saßen und sie endlich Klartext redete. Vieles wollte er ihr noch sagen, zum Beispiel, dass sie selbst ihn doch unbedingt als Hausmann haben wollte, seinerzeit, als Aaron klein war.
Übermorgen wird er sich das möblierte Zimmer ansehen. Nicht hier im Ort, sondern im Nachbardorf. Mitleidige Blicke könnte er nicht ertragen. Dann Schrittchen für Schrittchen seinen Weg in die Freiheit organisieren. Er glaubt fest daran, dass er seine innere Ruhe wieder findet und irgendwann auch wieder schlafen kann.
Als sie vor einem Jahr in dieses Haus einzogen, konnte er sich nicht vorstellen, jemals wieder auszuziehen. Alles war so, wie er es sich erträumt hatte, offene Räume, Holztreppe, Innenhof. Gut durchgeplant und liebevoll ausgestattet, in warmen Farben. Zugegeben, es stimmte da schon nicht mehr so richtig zwischen ihnen. Die getrennten Schlafzimmer sollten eine Chance sein, Distanz ermöglichen, damit sie sich nicht von ihm bedrängt fühlte. Irgendwann würde sie wieder so sein wie früher, zärtlich und offen. Niemand außer ihm kannte diese Helen. Sie würden schon wieder zusammenfinden, Karriere und Erfolg nicht mehr so wichtig für sie sein. Wenn sie doch endlich aufhören würde, verbissen ihren beruflichen Zielen nachzujagen!
Was zieht sie zu dem anderen Mann? Warum fühlt sie sich von dem nicht eingeengt? Täglich ist sie mit ihm zusammen, von morgens bis abends und nun auch in den Nächten. Mit ihm ist sie glücklich. Gemeinsam gehen sie zum Tanzen und besuchen Konzerte. Sogar eine Reise haben sie gebucht. Selbst für Urlaub hat sie plötzlich Zeit.
Martin wischt die Tränen ab, obwohl er weiß, dass das nichts nützt, dass er sich nicht wehren kann gegen die Traurigkeit, und schon gar nicht, wenn er jetzt aufsteht, zum Plattenspieler schlurft, sich neben den Hund auf den Teppich legt und wieder und wieder diese Stimme hört und die Gitarre, wie sie weint, wieder und wieder, er weiß nicht mehr, wie oft, musste die Langspielplatte schon neu kaufen, weil er den Kratzer nicht ertragen konnte, den kleinen Kratzer. Weil das Lied so kurz ist, muss er die Nadel immer wieder neu aufsetzen, immer wieder den Anfang finden: „I love you, you love him, there’s nothing I can do. It was in my destiny to fall for you. You say why, don’t I try to find someone new? It was in my destiny …“

(Song: Destiny, José Feliciano, Anne Murray 1970)

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Er ist grün


Bild KI-generiert

„Bei dir ist es immer so schön, Oma. Darf ich in deinen Schrank gucken?“
„Du bist ja schon dabei, kleine Schmeichlerin.“
„Vielleicht finde ich wieder einen Schatz.“
„Pass nur auf, dass nichts herunter fällt, vor allem nichts, das zerbrechen kann.“
„Wie die Tassen hier, nicht wahr? Die sind gar nicht so wie bei Mama und Papa. Jede sieht anders aus.“
„Sammeltassen sind das. Die sammelt man. Jedenfalls hat man das früher gemacht.“
„So schöne Bilder drauf und viel Gold, bestimmt ganz wertvoll.“
„Ich weiß nicht, aber für mich sind sie sehr wertvoll.“
„Für mich auch, Oma, vor allem die mit dem grünen Vogel. Ich kann die Federn sogar fühlen. Darf ich die mal herausnehmen?“
„Ja, ja, aber ganz vorsichtig.“
„Wie schön er aussieht. Kann man aus den Sammeltassen auch trinken?“
„Sicher kann man das. Dazu sind sie ja eigentlich da.“
„Dann möchte ich aus dieser mit dem Vogel Kakao trinken.“
„Du kommst auf Ideen, meine Kleine.“
„Gute Ideen. Bleib nur sitzen, ich hole schon alles.“
Laura lief in die Küche und war flugs wieder da.
„Hier, Milch, Kakaopulver und zwei Löffel.“ Sie legte die Sachen auf dem Tisch ab und flitzte gleich wieder los, zum Schrank. „Ich hole noch eine Tasse für dich, Oma. Welche möchtest du?“
„Für mich? Ja, warum eigentlich nicht? Schau mal nach der mit der roten Rose. Die hat mir immer so gut gefallen.“
Laura musste nicht lange suchen. Schnell kam sie mit der Rosentasse zurück. „Lass nur, ich mach das schon“, sagte sie, als die Großmutter sich mit dem Schraubverschluss der Milchpackung abmühte, und bereitete die Getränke zu.
„Hier, siehst du? Rose und Vogel. Sogar mit Untertellern, rot für dich und grün für mich.“
Sie setzte sich neben Oma auf das Sofa und betrachtete zufrieden das Tassenpärchen.
„Wunderbar hast du das gemacht, mein kleiner Schatz. Wie geschickt du bist!“
„Du bist auch geschickt, Oma. Und weißt du, in was?“
„Was meinst du?“
„In Geschichten erzählen. Die sind immer so spannend. Bitte!“
„Du kannst betteln. Wer könnte dir widerstehen? Mir ist doch auch gerade wieder eine eingefallen.“
Laura rückte nah an Oma heran, als die zu erzählen begann.
„In einem Wald lebte einmal ein wunderbarer Vogel. Mit seinem samtgrünen Gefieder und den purpurroten seidigen Federn auf dem Kopf war er nicht nur wunderschön, er war auch der beste Flieger im Wald.  Die anderen Vögel schauten zu, wenn er im Sonnenschein mitten auf der großen Lichtung die grünen Flügel ausbreitete, sich in die Lüfte erhob, ein paar Runden flog und elegant auf einem Baum landete. Er hieß König Grün. Du kannst dir ja vorstellen, warum.“
„Ja; klar. Lebte König Grün denn alleine oder hatte er eine Familie?“ Laura nahm Omas Hand.
„Er lebte sehr glücklich mit seiner Frau in ihrem gemütlichen Nest hoch oben im Baum und sie bekamen einen wundervollen Sohn. Der Vater lehrte den Kleinen alles, was so ein junger Vogel können musste.“
„Vor allem fliegen“, meinte Laura.
„Ja, vor allem fliegen, aber auch den Baumstamm hochklettern, Gefahren meiden und Nahrung finden, Würmer, Larven, oder auch Samenkörner. Jeden Morgen und jeden Abend speisten sie zu dritt auf der Wiese, den Jungen hatten sie in der Mitte. Dem sah man schon bald an, dass er einmal sehr schön werden würde.“
„Genau so schön wie sein Vater?“
„So richtig grün war er noch nicht. Das Gefieder war noch hell gesprenkelt, bekam aber allmählich einen grünlichen Schimmer. Der Kleine lernte sehr schnell und machte gute Fortschritte, vor allem im Starten und Landen. Daran hatte er so viel Spaß, dass er von morgens bis abends übte. Nach einigen Wochen war es dann so weit, dass er zusammen mit dem Vater eine kleine Runde fliegen und sicher auf dem Baum landen konnte. Jeden Tag flogen die beiden nun ihre Runden und wenn die Landung geglückt war, bekamen sie Applaus von den vielen anderen Vögeln im Wald. Und was meinst du wohl, wie die Mama und der Papa ihn nannten.“
„Prinz Grün“, rief Laura.
„Richtig, so nannten die Eltern ihn. Sie waren stolz auf Prinz Grün, der sich zu einem wahren Flugkünstler entwickelte. Immer mehr Vögel kamen und wollten ihn sehen, weil er noch höher flog als sein Vater. Manchmal stürzte er sich senkrecht herunter und zog kurz vor dem Boden noch einmal hoch. Davon konnten die Zuschauer gar nicht genug bekommen. Es sprach sich herum und Prinz Grün wurde die Attraktion des Waldes. Das war auf der einen Seite schön, doch auf der anderen Seite war es gar nicht gut, denn kurz darauf geschah etwas Schreckliches.“
Laura kuschelte sich noch enger an die Oma und drückte ihre Hand.
„Stell dir vor, Prinz Grün wurde immer mutiger, seine Runden immer größer und eines Tages kam er nicht mehr zurück.“
„So ein dummer Prinz! Warum hat er das gemacht?“
„Wohl, weil er seine Freiheit wollte.“
„Und wo war Prinz Grün dann?“
„In einen anderen Wald, ganz weit entfernt.“
„Und jetzt? Was machten Papa und Mama jetzt? Gingen sie ihn suchen?“
„Die Eltern wussten ja nicht einmal, wo der andere Wald war. Was sollten sie machen? Ihr Glück war zerstört. Sie waren verzweifelt, vor allem die Mutter. Die war so traurig, dass sie seitdem nichts mehr essen wollte. König Grün versuchte alles, um sie zu trösten, ging nur zum Nahrung suchen von ihrer Seite und brachte ihr die fettesten Würmer und Larven. Nichts half. Sie wurde immer schwächer und eines Morgens fand er seine Frau tot unter dem Baum liegen.“
„Da war er ja ganz alleine, der Arme“, sagte Laura.
„Ja, er fühlte sich sehr einsam, konnte sich über nichts mehr freuen und an Fliegen war bald gar nicht mehr zu denken. Selbst das Laufen fiel ihm von Tag zu Tag schwerer.“
„Er wurde ja auch immer älter, wie du, Oma. Hier, das Trinken nicht vergessen!“ Laura reichte ihr die Rosentasse und nahm selbst einen Schluck Kakao aus der Vogeltasse.
„Das kam noch hinzu. Mit dem Alter wurde er immer kraftloser, wie das eben so ist. Da er auch nicht mehr klettern konnte, musste er sein Nest im Baum aufgeben und legte sich nachts unter einen Strauch. Doch da hatte er schreckliche Angst vor den Füchsen und konnte überhaupt nicht mehr schlafen. Als er sein Elend gar nicht mehr ertragen konnte, verließ er den Wald.“
„Vielleicht findet er Prinz Grün, Oma.“
„An seinen kleinen Jungen dachte er natürlich die ganze Zeit. Wenn er nur gewusst hätte, wo er ihn finden könnte. Jedenfalls humpelte er erst einmal los, nur weg von diesem Ort wollte er. Unglücklicher konnte er ja gar nicht mehr werden. Der Weg führte über viele Felder zu einem Pfad am Flussufer, dann zu einem See. Am Abend fand er Unterschlupf im Schilf.“
„Und dann? Als es dunkel wurde? Hatte er wieder Angst?“
„Er war so müde, dass er sofort einschlief. Am nächsten Morgen schien sogar die Sonne. Zwischen den Pflanzen am Ufer fand er ein paar Larven zum Frühstück. Als er sich ein wenig gestärkt hatte, ging er weiter und kam auch einigermaßen gut voran, bis nach einer ganzen Weile seine Kräfte nachließen. Die Beine wollten nicht mehr so recht. Ja nicht aufgeben, dachte er, kämpfte sich durch das sumpfige Dickicht und schleppte sich weiter. Als es wieder Abend wurde und er einen Platz für die Nacht suchte, stand er plötzlich vor einem Zaun. Er schaute hindurch auf eine Wiese.“
„Nein!“, seufzte Laura.
„Keine Bange, mein Schatz. König Grün hatte es sehr gut angetroffen. Viele Vögel waren dort zum Abendessen versammelt, klein und groß, grau, schwarz, gelb, blau und rot. Es war der Garten einer alten Frau, die Tiere sehr liebte, und allen half, vor allem half sie denen, die in Not waren. Sie hatte ihn auch gleich entdeckt und ging, auf ihren Stock gestützt, zum Zaun. ‚Was bist du so ein schöner Grüner! Komm herein’, sagte sie und hob den Maschendraht ein wenig hoch, damit er hindurchschlüpfen konnte.“
Laura rannte zum Fenster.
„Oma, schau mal, da ist er schon auf der Wiese mitten zwischen den anderen und findet Würmer und Larven. Jetzt kann ihm nichts mehr passieren. Und sieh doch mal, wer da oben im Mirabellenbaum sitzt!“, rief sie ganz aufgeregt. „Der Prinz! Er ist grün!“

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