Mittwoch, 17. Oktober 2018

Malwida und die Märzgefallenen


(Malwida von Meysenbug in Berlin - Mai 1852)

Der Kastanienbaum vor ihrem Fenster in der Berliner Kochstraße hatte rosaroten Frühlingsschmuck angelegt. Zwei Blütenkerzen grüßten durch das geöffnete Fenster zu ihr hinein in das stille Zimmer. Sie streckte ihnen die Hände entgegen, als müsste sie sie herein holen und schützen, damit der Wind ihnen keinen Schaden zufügte. Doch nein, in Freiheit würden sie weiter wachsen, sich gegenseitig stützend den Stürmen trotzen und Früchte tragen. Doch was wäre, wenn es niemals dazu käme? Wenn irgendwann der Sturm so stark würde, dass eine der beiden ihm nicht mehr trotzen könnte und am Ende sogar abbräche? Was wäre mit der Übriggebliebenen? Würde sie die Einsamkeit überwinden, weiter wachsen und Früchte hervorbringen? Würde sie ohne den anderen jemals wieder aufrecht stehen?
Sie setzte sich an den Schreibtisch, vor sich das veilchenblaue Briefpapier, auf dem sie Johanna Kinkels Brief aus London beantworten wollte. Dort wohnte die Freundin inzwischen mit den vier Kindern bei ihrem Mann, der in einer Novembernacht von Carl Schurz aus dem Spandauer Gefängnis befreit worden und mit seiner Hilfe über Ost- und Nordsee nach England geflüchtet war. Was sollte sie Johannal schreiben? Konnte sie denn dieser Frau gegenüber von Enttäuschung, Kraftlosigkeit und Unwohlsein jammern? Niemals würde Johanna verstehen, dass sie nach Theodors Tod und dem Niedergang der Hochschule noch immer keinen Schritt nach vorne gegangen war. Was hält dich noch dort, wo die Freiheit mit Füßen getreten wird, würde sie sagen. Gehe fort, du hast nichts zu verlieren.
Ach, wenn es doch so einfach wäre!
Ein Klopfen an der Tür.
„Malwida?“
„Komm nur herein, Anna.“
„Dein Bruder will dich sprechen.“
„Emil? Was will er denn?“
„Wilhelm von Meysenbug, badischer Gesandter beim königlichen Hofe. So hat er sich vorgestellt.“ Anna schaute sie prüfend an. „Wusstest du, dass er in Berlin ist?“
„Ich hätte damit rechnen müssen, dass er kommt“, sagte Malwida leise.
„Das hat hoffentlich nichts Schlimmes zu bedeuten. Ist es der, von dem du mir erzählt hast?“
„William, mein jüngster Bruder.“
„Er wartet im Salon.“
„Danke, Anna.“
„Lass dich nicht unterkriegen, meine Liebe.“ Sie umarmte die Freundin und wandte sich zum Gehen. „Du findest mich in meinem Zimmer, wenn du mich brauchst. Soll Johann Tee und Gebäck bringen?“
„Kann eigentlich nicht schaden“, antwortete Malwida nach kurzem Nachdenken. Als die Freundin gegangen war, trat sie vor den Spiegel, prüfte den Sitz ihres Kleides und zupfte sorgfältig die Frisur zurecht und ging hinüber in den Salon.
William stand am Fenster und schaute hinaus auf die Straße. Als er Malwida bemerkte, drehte er sich um und kam ihr mit ausgestreckten Armen entgegen.
„Wie schön, dich wieder zu sehen, kleine Schwester“, begrüßte er sie lachend.
„Die Freude ist ganz meinerseits, lieber Bruder. Setzen wir uns.“ Sie löste ihre Hände aus den seinen und deutete auf die Sitzecke am Fenster.
Als sie sich niedergelassen hatten, er im Sessel, sie im Sofa gegenüber, musste sie ihren Bruder immerzu anschauen. Hatte sie ihn doch seit einigen Jahren nicht mehr gesehen. Wie ähnlich er dem Vater geworden war. Ein stattlicher Mann. Mit unerschütterlichen Grundsätzen. Daran hatte sich wahrscheinlich nichts geändert.  Da war immer noch diese Entschlossenheit in seinem Blick. Schon als kleiner Junge hatte er etwas Höheres angestrebt.
„Malwida“, begann er zögernd. „Ich muss mit dir reden.“
„Dazu bist du ja wohl hier.“
„Nicht nur als Bruder bin ich gekommen.“
Ahnte sie es doch. Sie dachte an die heftige Auseinandersetzung nach dem Tod des Vaters. Ihr war aber nicht nach Streit. Auf keinen Fall würde sie sich von ihm einschüchtern lassen. Er musste einsehen, dass sie nicht nur älter, sondern auch selbstsicherer geworden war.
„Fahre nur fort“, ermunterte sie.
„Das Thema wird dir nicht gefallen.“
„Nur zu.“
„Nachdem dein Versuch, dich auf eigene Beine zu stellen,  nicht gelungen ist, sehe ich die Notwendigkeit,  über deine Zukunft nachzudenken“, begann er.
„Das kann doch wohl das Thema nicht sein“, sagte Malwida in ruhigem Ton.
„Seinerzeit haben wir dir erlaubt, nach Hamburg zu gehen. Aber diese Schule ist ja nun aufgelöst. Wegen politischer Umtriebe übrigens.“
Malwida spürte eine Welle von Zorn in sich hochsteigen.
„Lass uns das Gespräch beenden, William. Ich sehe, es hat keinen Sinn.“
Inzwischen hatte der Koppesche Diener den Tee gebracht. Wilhelm rührte ausgiebig in seiner Tasse herum.
„So einfach kannst du es dir nicht machen. Als Teil einer Familie, deren Männer, von Gott bestimmt, am Aufbau unserer Lebensgrundlagen mitgewirkt haben und es weiterhin mit großem Erfolg tun, hast du eine Verantwortung. Dieser Verantwortung kannst du dich nicht entziehen.“
„Wofür ich verantwortlich bin, sagen mir meine Überzeugungen“, antwortete Malwida ein wenig schnippisch.
„Genau das ist der Punkt. Du siehst das völlig falsch. Überzeugungen zu haben ist nicht Sache von Frauen, schon gar nicht in Bereichen, die den Männern vorbehalten sind. Hat man dich nicht schon als kleines Mädchen weibliche Demut gelehrt? Und so dumm bist du doch nicht, um zu begreifen.“
„Das hat doch keinen Sinn, William, schweige lieber.“
„Nein, nein“, beharrte er. „Wenn du dich zur Gefährtin derer machst, die nichts anderes im Sinn haben, als unsere Welt aus den Angeln zu heben, also das Chaos zu schaffen, sehe ich es als meine Pflicht, dich zu deiner wahren Bestimmung zurückzuführen.“
„Es reicht jetzt! Schluss damit!“ Sie schaute ihn böse an.
„Mir liegt es völlig fern, dich zu bevormunden, Malwida. Doch darf ich dir nicht verschweigen, dass unsere Mutter mir in einem Brief von dem Kummer berichtet hat, den du ihr seit Jahren bereitest.“
„Lass unsere Mutter aus dem Spiel. Ich liebe sie von ganzem Herzen und habe ihr bereits vieles geopfert. Sehr vieles. Nur eins kann und will ich nicht opfern, meine Überzeugungen. Sie gehören mir, nur mir allein.“ Unwillkürlich füllten sich ihre Augen mit Tränen.
„Papperlapapp. Kurz und gut. Was tust du hier in Berlin? Du gehörst, wie jede Frau, in die Familie. Dein Platz ist an der Seite unserer armen Mutter in Detmold und nirgendwo anders. Auch dir ist es doch wohl nicht entgangen, dass du gescheitert bist. Kläglich gescheitert. Und wer hat dir diese bösen Gedanken eingeflößt? Wem hast du dieses ganze Elend zu verdanken? Deinem teuflischen Verführer. Wärest du ihm doch niemals begegnet.“
„Theodor?“ Nach diesem Stich in das Innerste ihres Herzens bekam ihre Stimme einen schrillen Ton. „So sprichst du nicht von Theodor. Das verbiete ich dir.“
Von Weinkrämpfen geschüttelt sank sie in sich zusammen.
„Beruhige dich doch“, sagte Wilhelm, indem er aufsprang, um zu ihr zu gelangen.
„Fass mich nicht an“, schrie sie. „Lass mich allein.“
Mit sorgenvoller Miene schaute er auf sie herab.
„Du bist krank, Malwida. Das erklärt deine Irrwege. Kein Wunder, dass du so neben dir stehst. Ich helfe dir aus deiner Misere heraus. Du erreichst mich im Ministerium.“
„Niemals werde ich nach dir rufen“, schluchzte sie. „Ich finde meinen Weg auch ohne euch.“
Bevor er den Salon verließ, drehte er sich noch einmal um.
„Dein Starrsinn wird dich noch vollends in den  Ruin treiben. Überlege dir gut, was du tust, bevor es zu spät ist.“

***

Auf dem Hügel vor den Toren der Stadt hörte Malwida die Geräusche der Pferdedroschken und der triumphierenden Soldaten nur ganz schwach. So ein bisschen klang es  sogar wie leises Meeresrauschen. Ganz entfernt hörte sie eine Nachtigall und über ihrem Kopf flüsterten die Blätter, als wollten sie die Stille der hier Ruhenden nicht stören. Sie setzte sich neben eines der Gräber, bewachsen mit frischgrünem Efeu und atmete tief ein. Weit entfernt erstreckte sich die preußische Hauptstadt in der weiten Ebene, über der die Sonne langsam unterging.
Hier fern jeglichen Lärms war sie allein mit den Toten. So schön ruhig hier. Nur langsam ordnete sich das Chaos in ihrer Brust. Die unachtsam hin geschleuderten Pfeile trieben immer wieder Tränen in die Augen, die sie wie einen wohltuenden Schleier empfand. Auf keinen Fall konnte sie zurück in den Schoß der Familie. Wie stellte William sich das denn vor? Weibliche Demut? Das ging nicht. Nicht mehr. Auch nicht der Mutter zuliebe. Sie ließ sich nicht mehr verbieten, ihren Verstand zu gebrauchen. Sie hatte ihre eigenen Vorstellungen. Und sie hatte ja bereits ihren Weg gefunden, heraus aus der Enge. Aber das würde William niemals verstehen, obwohl er sie doch lange genug kannte. Er dachte ja nur an sich und seine Position im Ministerium. Die demokratische Schwester war ihm peinlich. Was hatte er gesagt? Teuflischer Verführer? Irrwege? Gescheitert? Sie spürte ihr Herz klopfen. Nein! nein! Nein! Aus sich selbst heraus hatte sie ihre Überzeugungen. Nicht sie, sondern William war auf Irrwegen. Er würde scheitern, nicht sie. Wenn du etwas brauchst, Malwida. Heuchler. Diese Hilfe brauchte sie schon lange nicht mehr. Warum wollten sie das denn nicht begreifen? Sie fühlte sich zwar schwach, doch das würde vorübergehen. Niemals würde sie ihre Ideale verraten, ihre Ideen von einem freien Land mit freien selbstbestimmten Frauen mit denselben Rechten wie Männer sie haben. Selbst, wenn sie gegen Geflogenheiten und geschriebene und ungeschriebene Gesetze handelte. Sie musste auf ihre innere Stimme hören. Wie Antigone. Ja, sie konnte nicht anders handeln, auch nicht der Familie zuliebe.
Wie Antigone.
. War ihr jemand gefolgt? Plötzlich kam es ihr vor, als wäre sie nicht allein. Zwei junge Menschen blickten aus einiger Entfernung zu ihr hinüber. Wie lange standen sie wohl schon da? Als sie sich entdeckt sahen, kamen sie ein paar Schritte auf sie zu. Sie stand auf und ging ihnen entgegen, die beiden kamen auch näher.
„Verzeihen Sie, wenn wir Ihre Ruhe gestört haben“, sagte der Mann. „Wir haben Sie lange angesehen, wie Sie da so traurig und gedankenvoll saßen. Sie müssen eine von uns sein.“
Die junge Frau nickte zu seinen Worten.
„Wenn die Arbeit uns mal ein Stündchen Zeit lässt, kommen wir hierher zu den Gräbern unserer toten Freunde.“
„Kannten Sie viele der jungen Menschen, die hier begraben sind?“, fragte Malwida.
„Einige aus dem Handwerkerverein und aus der Fabrik. Dort haben sie gearbeitet wie wir. Carl war erst achtzehn. Und am achtzehnten März ist er gestorben.“
„So viele sind gestorben. Auch ich war einige Male hier“, sagte Malwida.  „In Anwesenheit der Toten finde ich Trost.“
„Sie haben auch jemanden zu betrauern. Das sehe ich Ihnen doch an“, sagte die junge Frau.
„Er war nicht einmal dreißig. Sein einsames Grab ist auch auf einem Hügel vor der Stadt, doch nicht hier, sondern in Gotha. Efeu mochte er so gern, hellgrün, wie das hier auf den Gräbern der jungen Kämpfer.“
„Gestorben im Kampf für die Freiheit des Volkes. Sehen Sie, dort steht es eingemeißelt.“ Der Mann zeigte auf das einfache Denkmal.
„Das Wertvollste haben sie gegeben …“
„… und doch selbst nach vier Jahren noch nicht den verdienten Lohn errungen“, bedauerte Malwida. „Deshalb müssen wir weiterkämpfen, gegen das Joch der Einschränkung und Bevormundung. Gleiche Rechte für alle Menschen. Mitbestimmung brauchen wir, eine freie Presse. Freiheit und Selbstbestimmung auch für uns Frauen.“
„Und den Handwerkerverein“, sagte der junge Mann. „Seitdem der verboten ist, werden wir förmlich in die Schenke getrieben, anstatt in ordentlichen Versammlungen unsere wirklichen Interessen zu wahren und in Freiheit unsere Zukunft zu schmieden.“
Mit dem Versprechen, alles ihnen Mögliche zu tun, damit das Blut der Gefallenen vom 18. März 1848 nicht umsonst geflossen war, verabschiedeten sie sich mit einem festen Händedruck. Das junge Paar ging eng umschlungen seinen Weg und Malwida kehrte getröstet und in ihren Grundsätzen gefestigt zurück in das hektische Treiben der Straßen von Berlin.


Achtundvierziger

Bild: KI-generiert


(Mit der Zeitmaschine aus der Zukunft in das Jahr 1848)

Nebelschwaden waberten über den See und tauchten die kahlen Bäume der Uferpromenade in ein diffuses Novembergrau. Wir gingen den alten Leinpfad entlang, auf dem zu früheren Zeiten Pferde geführt wurden, um die Schiffe flussaufwärts zu ziehen. Der richtige Tag, um eine Reise in den Frühling zu machen. Mein Ziel war Frankfurt an einem Märztag zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, Krönung der Recherchen für meinen Roman, in dem es um die Liebesgeschichte eines Abgeordneten der Nationalversammlung mit einem Mädchen aus dem Volke gehen sollte.  Würde ich sogar den einen oder anderen Protagonisten des Jahres 1848 treffen, vielleicht Robert Blum davor warnen nach Wien zu gehen oder Friedrich Hecker zu mehr Vorsicht raten?
Jannis begleitete mich auf dem Weg zum Check-in im Seaside Center. Er hatte mir diese Reise zum dreißigsten Geburtstag geschenkt. Hand in Hand stapften wir durch die raschelnden Blätter.
„Wer hätte gedacht, dass sich die Technik so rasant entwickeln würde?“, sinnierte er. „Hast du gar keine Angst, Maleen?“
„Bisher ist doch noch jeder in seine Zeit zurückgekehrt.“
„Ganz wohl ist mir nicht bei dem Gedanken, dass du diese Reise allein machst. Es waren unruhige Zeiten damals. Ein falsches Wort kann böse Folgen haben.“
„Mein ängstlicher Liebling. In jenen Märztagen war die Stimmung in Deutschland so entspannt wie danach lange nicht mehr. Sei unbesorgt. Im Übrigen bin ich keine Revolutionärin.“
„Sondern eine junge Frau aus dem Volke, ich weiß. Dennoch kann es ohne männliche Begleitung gefährlich werden. Sei nicht zu…ich meine…“
„Kokett? Wo denkst du hin?“
Wir erreichten das Time Travel Terminal im Seaside Center.
„Machs gut, Maleen. Ich warte hier im Café auf dich.“
„Wenn dir langweilig wird, kannst du in der Zeitkapsel unter geriatric32 nachlesen, wie meine Großmutter die Erfindung des World Wide Web erlebt hat, 1994 war das.“
„Mach ich, Liebes, schon allein, weil du in dem Jahre geboren bist.“
Janis drückte mich an seine Brust, langer Abschiedskuss, heftiges Herzklopfen.

„Ihr Time Train geht in fünfundvierzig Minuten“, sagte die Dame und gab mir einen silbern glänzenden Chip, ‚ttt’ stand darauf.
„Ich bringe Sie in die Zeitschleuse“, sagte sie und führte mich in einen Raum, der wie die Umzugskabine einer Sporthalle wirkte. „Passende Kleidung finden Sie auf dem Kleiderständer. Verschließen Sie Ihre Sachen einschließlich Geldbörse, Armbanduhr und Communicator in dieser Box.“ Sie wünschte mir noch eine gute Reise und ließ mich allein.
Nachdem ich mich ausgezogen hatte, streifte ich zunächst eine weiße Leinenunterhose und ein Unterhemd über, ein bisschen groß, aber ich würde mich daran gewöhnen. Den langen braunen Rock hielt ich mit einem Gürtel auf der Hüfte. Darüber zog ich eine hübsche beigefarbene Leinenbluse und drapierte mir ein großes hellblaues Tuch um die Schultern. Die Box verschloss ich mit dem Chip und verließ mit Knöpfstiefeln an den Füßen die Zeitschleuse durch die andere Tür.
In diesem Raum wartete ein Mann mit ‚ttt’ Plakette an der Brust auf mich. Er überprüfte mein Outfit und war sichtlich zufrieden. Dann gab er mir einen kleinen Lederbeutel mit Schnüren und eine wunderbare altertümliche Taschenuhr.
„Dieses Gerät zeigt nicht nur die Uhrzeit an, sondern es ist auch ihr Navigationssystem für die Reise“, erklärte er.
Als ich meinen Chip in den Schlitz an der Seite des Uhrgehäuses steckte, leuchtete das Display auf. Ich befestigte den Lederbeutel am Gürtel und ließ die Uhr hineingleiten.
„Sind Sie bereit?“
„Ja“, antwortete ich mutig.
Er führte mich durch einen schmalen Gang, der in einer schwach beleuchteten Kabine endete, gerade groß genug für den schwarzen Sitz mit hohen, steilen Lehnen. Wie ein Käfig sah das Ding aus. Ich setzte mich hinein.
„Achtung!“ Im gleichen Moment wurde ich so heftig eingezwängt, dass ich mich keinen Millimeter mehr bewegen konnte. Meine Arme, Schultern und Beine wurden mit ruckartigen Bewegungen von allen Seiten fixiert. Unerträglich eng war es. Ich fürchtete eingequetscht zu werden. Dann bekam ich auch noch etwas über den Kopf gestülpt, das sich anfühlte wie ein Motorradhelm und sich langsam so eng um meinen Schädel schloss, dass es ihn zu zerdrücken drohte. Panik machte sich breit, das Atmen fiel mir schwer. Ich konnte nur noch den Mund bewegen und die Augen rollen, was ich auch ständig machte. Wie sollte ich hier jemals wieder heraus kommen? Ehe ich noch weiter darüber nachdenken konnte, begann der Sitz zu vibrieren, erst sachte, dann immer heftiger. Die Vibration ging in eine Drehbewegung über, rasend schnell rotierte ich, begleitet von psychedelischem Flackern in unbeschreiblich schneller Folge. Als ich dann auch noch wie in einer rasanten Achterbahnfahrt steil hinauf und im freien Fall hinunter befördert wurde, bei gleichzeitig unglaublich schneller Rotation, immer wieder, endlos lange, wurde mir kotzübel.

Eine Hand streckte sich mir entgegen und half mir hinaus. Ich konnte kaum stehen.
„Alles okay?“ Die Stimme gehörte zu einem gut aussehenden Mann mit dunklen, halblangen Haaren und ttt-Anstecker.
„Geht schon.“
„Folgen Sie den Anweisungen auf dem Display, dann kann nichts schief gehen.“
Der Ausgang führte in ein Dickicht aus Sträuchern und Bäumen. Nach einer halben Stunde verließ ich den Waldpfad und stand auf einer Anhöhe.
Meine Augen gewöhnten sich langsam an die helle Morgensonne. Frühlingsgrüne Wiesen und blühende Bäume breiteten sich vor mir aus. In einiger Entfernung lagen links und rechts des Flusses die Häuser der Stadt Frankfurt. Die beiden Ufer des Mains waren verbunden durch die majestätische Steinbrücke mit der markanten Bogenreihe, wie ich sie von historischen Abbildungen kannte. Auf dem Fluss wimmelte es von Dampfschiffen, Segelbooten und Kähnen. Menschen pilgerten von Anlegestellen her hinauf in die Stadt, wo der mächtige Turm des Domes in den strahlend blauen Himmel ragte.
‚10:16’, stand auf dem Display und darunter: ‚Jetzt haben Sie sechs Stunden und 44 Minuten zu Ihrer freien Verfügung’.
Siebzehn Uhr musste ich also zurück sein. Nachdem ich die Taschenuhr im Lederbeutel verstaut hatte, ging ich in östlicher Richtung auf einem holprigen Pfad und erreichte die ersten prächtig geschmückten Häuser. Es war eng auf dem Kopfsteinpflaster der Straßen und Gassen. Ich bewegte mich mitten im Strom der Menschen, wurde eingehakt, freundlich angelächelt und einfach mitgezogen. Die Stimmung war überwältigend. Freiheit lag in der Luft, Freude auf den Gesichtern.
Wir erreichten den Platz vor dem Römer. An den imposanten Gebäuden wehten schwarzrotgelbe Fahnen im Sonnenschein. Hier standen die Männer der Nationalgarde in ihren blauen, gold geschmückten Uniformen und die Jungen der Turnergarde ganz in Weiß mit breitkrempigen Hüten, bereit zum Spalier für den Zug der Abgeordneten.
Ich ließ mich mit treiben in Richtung Paulskirche, wo die klügsten Köpfe des Volkes für Demokratie und Pressefreiheit kämpfen würden. Vor einer Art Holzbühne versperrte mir eine Ansammlung von überwiegend jugendlichen Zuhörern den Weg. Ihre Augen hingen am Mund eines Redners, der mit seinen langen blonden Haaren und den ausdrucksvollen Augen nicht nur glänzend aussah, sondern mit einem Feuer sprach, dem auch ich mich nicht entziehen konnte.
„Er sieht aus wie Christus“, sagte eine Frauenstimme hinter mir.
„Hecker ist der Beste. Hecker, Hecker“, rief einer und alle stimmten ein.
„Das Heckerlied …“, tönte es in der Menge und im Nu war ein gemeinschaftlicher Gesang im Gange.
Eine Mandoline ertönte dazu.
Bei der zweiten Strophe konnte ich den Refrain mitsingen:
„Er hängt an keinem Baume,
Er hängt an keinem Strick,
Sondern an dem Traume
Der deutschen Republik.“
Viele begannen wie wild zu tanzen. Eine junge Frau nahm meine Hände und ich wirbelte glücklich mit, immer rundherum. Lauter wurde der Gesang, schneller der Takt. Es war wie ein Sog, der mich unwiderstehlich mitriss. Wir bekamen nicht genug vom Singen und Tanzen.
Urplötzlich durchfuhr es mich wie ein Blitz: Mein Lederbeutel war verschwunden. Ich erstarrte, suchte hektisch mit den Augen den Boden ab, befühlte Rock und Gürtel. Nichts.
„Was hat dir denn den Tanz vergällt?“, fragte ein junger Bursche mit Federhut.
„Mein Lederbeutel…verschwunden und meine...“
Er half mir beim Suchen und ging sogar mit mir den mühsamen Weg gegen den Menschenstrom zurück zum Römerberg. Es war aussichtslos. Wie sollte ich in diesem Gewirr von Beinen und Füßen mein Navigationsgerät finden? Die ganze Zeit redete der Federhütler auf mich ein, doch ich reagierte gar nicht mehr und irrte weiter durch die Menge.
Was sollte ich nur tun?
Wie von fremder Hand gezogen, ging ich den Weg aus der Stadt hinaus. Dabei suchte ich unentwegt den Boden ab. Das verdammte Ding blieb verschwunden. 
Die Sonne stand schon im Westen, als ich die Anhöhe hinaufging. Der Wald schien undurchdringlich. Ohne Orientierungshilfe würde ich niemals den Weg zurückfinden. Und kein Mensch weit und breit konnte mir helfen. Ich setzte mich auf einen Baumstamm und weinte.

Jemand klopfte mir ungeduldig auf die Schulter. „Hallo“, klang es hektisch an mein Ohr. Ich schaute hoch. Es war der hübsche Dunkelhaarige vom Timetrain, bekleidet mit brauner Hose und Leinenhemd.
„Hier, nehmen Sie.“ Er drückte mir meinen verlorenen Schatz in die Hand. „Kommen Sie schnell. Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es.“
Wir hetzten los und atemlos erzählte er, wie ein Alarmsignal bei ihm angekommen und er in die Stadt gerannt wäre. Sein Navigationsgerät hätte ihn zu einem Burschen mit Federhut und meiner Taschenuhr in der Hand geführt. Plötzlich hätte das Ding so heftig vibriert, dass er es auf den Boden geschmissen und mit schreckgeweiteten Augen angestarrt hätte. Danach wäre der Bursche weggerannt.

„Und du konntest nicht verhindern, dass der böse Friedrich drei Wochen später in die Fänge seiner Verfolger geriet?“, fragte Jannis, nachdem ich ihm von meiner wunderbaren Rettung erzählt hatte.
„Hecker meinst du. Daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Ohne Chip war ich nur noch verzweifelt“, musste ich beschämt zugeben.
„Man kann dich wohl doch nicht alleine so eine Reise machen lassen, Maleen“, meinte er. „Wenn du deinen Achtundvierziger Roman im Netz hast, reisen wir gemeinsam in die Neunundachtziger: ‚Wir sind das Volk’.“

(Die kursiv formatierten Textstellen sind Zitate aus dem „Heckerlied“, überliefert aus dem Jahre 1847.)