Dienstag, 19. Juni 2018

Loser


„Kommst du noch mit auf ein Bier in den Landsknecht, den ganzen Mist vergessen?“, fragte Rüdiger, als sie das große Backsteingebäude verließen.
„Weiß nicht, vielleicht später, ich will erst mal nach Hause.“
Martin hatte Mühe das Auto heil aus der engen Parklücke zu fahren, seine Hände zitterten. Wie hatte er sich gestern noch auf einen friedlichen Sommerabend im Garten gefreut. Und jetzt? Nach dem Desaster in der Firma war nichts mehr wie zuvor. Was erwartete ihn zu Hause, wenn er mit dieser Hiobsbotschaft ankam?
Eine schattige Baumallee führte hinaus aus der Stadt, auf die Landstraße, wo die tiefstehende Sonne ihm in die Augen stach und die Felder wie eine fremde Landschaft an ihm vorbeizogen. Er rauchte auch wieder, schon die dritte Zigarette, dabei wollte er sich das Rauchen doch abgewöhnen.
Nach der letzten Kurve die Häuserzeile, dann einbiegen in die ruhige Wohnstraße, wo Helen und Aaron auf ihn warteten. I’m a loser, summte es in seinem Kopf.

Bei dem Wetter waren sie draußen, seine Frau und sein Sohn, ein Bild, wie es schöner niemand malen könnte. Wie zwei Rosen an ihrem Sonnenplatz waren sie aufgeblüht in diesem Haus neben dem Bauernhof. Alles kaputt, auf einen Schlag.
Helen erwartete ihn mit ihrem Lächeln. Sie trug den knappen Bikini, den er ihr am Samstag vorher in der City gekauft hatte, die Figur wie ihr Lächeln, unvergleichlich. Und diese Sehnsucht in ihrem Blick. Sie konnte noch träumen. Merkte sie denn nichts? Fiel ihr gar nicht auf, dass sein Begrüßungskuss heute schal war? Er setzte sich zu ihr auf die Terrasse.
„Willst du dich nicht erst einmal umziehen?“, fragte sie. „Muss doch unbequem sein, die Krawatte bei den Temperaturen.“
„Später“, antwortete Martin und schaute ihr nach, wie sie durch das Wohnzimmer in die Küche ging. Unwiderstehlich, viel zu gut für einen wie ihn.
Aaron kam angerannt, drückte ihm einen nassen Schmatz auf den Mund und lief zurück auf die Wiese, zum Spielen mit dem Jungen aus dem Nachbarhaus. Bunte Papierschiffchen schaukelten auf der sonnenglitzernden Wasserfläche in dem kleinen Planschbecken. Sicherlich hatte Helen sie mit den Kindern gebastelt.

Nach dem Abendessen war es endlich heraus.
„Gekündigt?“
Das Lächeln verschwand aus Helens Gesicht.
„Das geht doch gar nicht.“
„Doch“, entgegnete Martin.
„Und was ist mit Rüdiger?“
„Die ganze Abteilung muss gehen. Ein amerikanischer Konzern hat die Firma gekauft, nur die Produktion wird übernommen.“
„Einfach ausgetauscht, wie kaputte Maschinen?“, rief Helen empört. „Und jetzt?“
„Ein neuer Job muss her. Rüdiger und ich haben schon Verbindung zu einem Unternehmen in Süddeutschland, der Marketingdirektor hat uns letztens angesprochen, ob wir nicht …“
„So weit weg? Das kann nicht dein Ernst sein, wo wir uns gerade wieder zusammengerauft haben. Und Aaron, wie zufrieden er jetzt ist. Wir geben doch unser neues Leben hier nicht so einfach auf.“
Hatte er es sich doch gedacht, es würde schwierig mit ihr.
„Aber ohne Job läuft gar nichts, Helen.“
„Wir haben einen Job. Im nächsten Monat stellen sie mich an der Schule fest an.“
„Stimmt schon.“
„Sieh das doch mal positiv, Martin.“
Was hatte sie nur für Gedanken? Unglaublich. Doch das war Helen. Es gab keine Scheiße, an der sie nicht auch noch was Positives sah, eine unverbesserliche Optimistin.
„Willst du etwa so weiter machen?“, fuhr sie fort. „Dich behandeln lassen wie eine Schachfigur, die man gnadenlos rausschmeißt? Etwas Besseres findest du allemal. Jetzt nimm dir erst mal Zeit, in Ruhe über deine berufliche Zukunft nachzudenken.“
„Nein, nein“, wehrte er ab.
War nicht schon so alles schwierig genug? Aber sie gab keine Ruhe.
„Du warst ganz anders, als du noch nicht in dieser Tretmühle warst. Die Staffelei könntest du wieder aufstellen und die Spiegelreflexkamera …“
Warum musste sie gleich so übertreiben? Glaubte sie denn, er würde hier zu Hause den Kreativheini spielen? Dabei wohlmöglich das nächste Kind im Tragetuch durch den Garten schleppen?
„Helen, du bist eine Träumerin.“
Sie schwieg.
„So einfach ist das nicht“, versuchte er zu beschwichtigen.
„Das hier ist mir wichtiger, als dein verdammter Job, Martin. Der bringt uns doch nur Ärger. Du weißt, was ich meine, aber du willst das nicht verstehen. Ich will das hier nicht aufgeben.“
Ja, er wusste, was sie meinte, wollte sie ja auch verstehen. Am liebsten hätte er seinen Kopf in ihren Schoß gelegt und geheult, aber das ging nicht. Helen wollte ihm ja helfen, aber doch nicht so. Woher nahm sie die Power? Sie brauchte ihn gar nicht, war viel zu stark.
Aaron hatte ein Kinderbuch geholt und auf den Tisch vor Helen gelegt: ‚Das Nashorn und das Eichhörnchen’. Sie nahm das Buch und stand auf.
„Ich bringe jetzt Aaron ins Bett. Danach reden wir weiter. Wir finden eine Lösung, da bin ich mir sicher“, sagte sie und ging sie mit dem Kleinen in das Haus.

Eine richtige Bilderbuchfamilie waren sie, aber das half ihm nicht weiter. Ja, sie hatte einen Job. Und er? Es gab für ihn nur einen Weg, auch wenn der nach Süddeutschland führte. Aber er kam sich mal wieder vor wie einer, der zu schwere Gewichte stemmte. Hörte dieser Druck denn nie auf?
„Ich fahre noch mal weg“, rief er ihr nach.
Dann ging er zu seinem Auto. Er zitterte nicht mehr so stark, als er den Schlüssel in das Zündschloss steckte. Durch die Felder fuhr er zurück in die Stadt, zum Landsknecht, wo Rüdiger sicherlich schon beim Bier auf ihn wartete. I’m a loser, summte es in seinem Kopf.

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