Mittwoch, 28. September 2016

Achtundvierziger






Achtundvierziger
(Mit der Zeitmaschine aus der Zukunft in das Jahr 1848)

Nebelschwaden waberten über den See und tauchten die kahlen Bäume der Uferpromenade in ein diffuses Novembergrau. Wir gingen den alten Leinpfad entlang, auf dem zu früheren Zeiten Pferde geführt wurden, um die Schiffe flussaufwärts zu ziehen. Der richtige Tag, um eine Reise in den Frühling zu machen. Mein Ziel war Frankfurt an einem Märztag zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, Krönung der Recherchen für meinen Roman, in dem es um die Liebesgeschichte eines Abgeordneten der Nationalversammlung mit einem Mädchen aus dem Volke gehen sollte.  Würde ich sogar den einen oder anderen Protagonisten des Jahres 1848 treffen, vielleicht Robert Blum davor warnen nach Wien zu gehen oder Friedrich Hecker zu mehr Vorsicht raten?
Jannis begleitete mich auf dem Weg zum Check-in im Seaside Center. Er hatte mir diese Reise zum dreißigsten Geburtstag geschenkt. Hand in Hand stapften wir durch die raschelnden Blätter.
„Wer hätte gedacht, dass sich die Technik so rasant entwickeln würde?“, sinnierte er. „Hast du gar keine Angst, Maleen?“
„Bisher ist doch noch jeder in seine Zeit zurückgekehrt.“
„Ganz wohl ist mir nicht bei dem Gedanken, dass du diese Reise allein machst. Es waren unruhige Zeiten damals. Ein falsches Wort kann böse Folgen haben.“
„Mein ängstlicher Liebling. In jenen Märztagen war die Stimmung in Deutschland so entspannt wie danach lange nicht mehr. Sei unbesorgt. Im Übrigen bin ich keine Revolutionärin.“
„Sondern eine junge Frau aus dem Volke, ich weiß. Dennoch kann es ohne männliche Begleitung gefährlich werden. Sei nicht zu…ich meine…“
„Kokett? Wo denkst du hin?“
Wir erreichten das Time Travel Terminal im Seaside Center.
„Machs gut, Maleen. Ich warte hier im Café auf dich.“
„Wenn dir langweilig wird, kannst du in der Zeitkapsel unter geriatric32 nachlesen, wie meine Großmutter die Erfindung des World Wide Web erlebt hat, 1994 war das.“
„Mach ich, Liebes, schon allein, weil du in dem Jahre geboren bist.“
Janis drückte mich an seine Brust, langer Abschiedskuss, heftiges Herzklopfen.

„Ihr Time Train geht in fünfundvierzig Minuten“, sagte die Dame und gab mir einen silbern glänzenden Chip, ‚ttt’ stand darauf.
„Ich bringe Sie in die Zeitschleuse“, sagte sie und führte mich in einen Raum, der wie die Umzugskabine einer Sporthalle wirkte. „Passende Kleidung finden Sie auf dem Kleiderständer. Verschließen Sie Ihre Sachen einschließlich Geldbörse, Armbanduhr und Communicator in dieser Box.“ Sie wünschte mir noch eine gute Reise und ließ mich allein.
Nachdem ich mich ausgezogen hatte, streifte ich zunächst eine weiße Leinenunterhose und ein Unterhemd über, ein bisschen groß, aber ich würde mich daran gewöhnen. Den langen braunen Rock hielt ich mit einem Gürtel auf der Hüfte. Darüber zog ich eine hübsche beigefarbene Leinenbluse und drapierte mir ein großes hellblaues Tuch um die Schultern. Die Box verschloss ich mit dem Chip und verließ mit Knöpfstiefeln an den Füßen die Zeitschleuse durch die andere Tür.
In diesem Raum wartete ein Mann mit ‚ttt’ Plakette an der Brust auf mich. Er überprüfte mein Outfit und war sichtlich zufrieden. Dann gab er mir einen kleinen Lederbeutel mit Schnüren und eine wunderbare altertümliche Taschenuhr.
„Dieses Gerät zeigt nicht nur die Uhrzeit an, sondern es ist auch ihr Navigationssystem für die Reise“, erklärte er.
Als ich meinen Chip in den Schlitz an der Seite des Uhrgehäuses steckte, leuchtete das Display auf. Ich befestigte den Lederbeutel am Gürtel und ließ die Uhr hineingleiten.
„Sind Sie bereit?“
„Ja“, antwortete ich mutig.
Er führte mich durch einen schmalen Gang, der in einer schwach beleuchteten Kabine endete, gerade groß genug für den schwarzen Sitz mit hohen, steilen Lehnen. Wie ein Käfig sah das Ding aus. Ich setzte mich hinein.
„Achtung!“ Im gleichen Moment wurde ich so heftig eingezwängt, dass ich mich keinen Millimeter mehr bewegen konnte. Meine Arme, Schultern und Beine wurden mit ruckartigen Bewegungen von allen Seiten fixiert. Unerträglich eng war es. Ich fürchtete eingequetscht zu werden. Dann bekam ich auch noch etwas über den Kopf gestülpt, das sich anfühlte wie ein Motorradhelm und sich langsam so eng um meinen Schädel schloss, dass es ihn zu zerdrücken drohte. Panik machte sich breit, das Atmen fiel mir schwer. Ich konnte nur noch den Mund bewegen und die Augen rollen, was ich auch ständig machte. Wie sollte ich hier jemals wieder heraus kommen? Ehe ich noch weiter darüber nachdenken konnte, begann der Sitz zu vibrieren, erst sachte, dann immer heftiger. Die Vibration ging in eine Drehbewegung über, rasend schnell rotierte ich, begleitet von psychedelischem Flackern in unbeschreiblich schneller Folge. Als ich dann auch noch wie in einer rasanten Achterbahnfahrt steil hinauf und im freien Fall hinunter befördert wurde, bei gleichzeitig unglaublich schneller Rotation, immer wieder, endlos lange, wurde mir kotzübel.

Eine Hand streckte sich mir entgegen und half mir hinaus. Ich konnte kaum stehen.
„Alles okay?“ Die Stimme gehörte zu einem gut aussehenden Mann mit dunklen, halblangen Haaren und ttt-Anstecker.
„Geht schon.“
„Folgen Sie den Anweisungen auf dem Display, dann kann nichts schief gehen.“
Der Ausgang führte in ein Dickicht aus Sträuchern und Bäumen. Nach einer halben Stunde verließ ich den Waldpfad und stand auf einer Anhöhe.
Meine Augen gewöhnten sich langsam an die helle Morgensonne. Frühlingsgrüne Wiesen und blühende Bäume breiteten sich vor mir aus. In einiger Entfernung lagen links und rechts des Flusses die Häuser der Stadt Frankfurt. Die beiden Ufer des Mains waren verbunden durch die majestätische Steinbrücke mit der markanten Bogenreihe, wie ich sie von historischen Abbildungen kannte. Auf dem Fluss wimmelte es von Dampfschiffen, Segelbooten und Kähnen. Menschen pilgerten von Anlegestellen her hinauf in die Stadt, wo der mächtige Turm des Domes in den strahlend blauen Himmel ragte.
‚10:16’, stand auf dem Display und darunter: ‚Jetzt haben Sie sechs Stunden und 44 Minuten zu Ihrer freien Verfügung’.
Siebzehn Uhr musste ich also zurück sein. Nachdem ich die Taschenuhr im Lederbeutel verstaut hatte, ging ich in östlicher Richtung auf einem holprigen Pfad und erreichte die ersten prächtig geschmückten Häuser. Es war eng auf dem Kopfsteinpflaster der Straßen und Gassen. Ich bewegte mich mitten im Strom der Menschen, wurde eingehakt, freundlich angelächelt und einfach mitgezogen. Die Stimmung war überwältigend. Freiheit lag in der Luft, Freude auf den Gesichtern.
Wir erreichten den Platz vor dem Römer. An den imposanten Gebäuden wehten schwarzrotgelbe Fahnen im Sonnenschein. Hier standen die Männer der Nationalgarde in ihren blauen, gold geschmückten Uniformen und die Jungen der Turnergarde ganz in Weiß mit breitkrempigen Hüten, bereit zum Spalier für den Zug der Abgeordneten.
Ich ließ mich mit treiben in Richtung Paulskirche, wo die klügsten Köpfe des Volkes für Demokratie und Pressefreiheit kämpfen würden. Vor einer Art Holzbühne versperrte mir eine Ansammlung von überwiegend jugendlichen Zuhörern den Weg. Ihre Augen hingen am Mund eines Redners, der mit seinen langen blonden Haaren und den ausdrucksvollen Augen nicht nur glänzend aussah, sondern mit einem Feuer sprach, dem auch ich mich nicht entziehen konnte.
„Er sieht aus wie Christus“, sagte eine Frauenstimme hinter mir.
„Hecker ist der Beste. Hecker, Hecker“, rief einer und alle stimmten ein.
„Das Heckerlied …“, tönte es in der Menge und im Nu war ein gemeinschaftlicher Gesang im Gange.
Eine Mandoline ertönte dazu.
Bei der zweiten Strophe konnte ich den Refrain mitsingen:
„Er hängt an keinem Baume,
Er hängt an keinem Strick,
Sondern an dem Traume
Der deutschen Republik.“
Viele begannen wie wild zu tanzen. Eine junge Frau nahm meine Hände und ich wirbelte glücklich mit, immer rundherum. Lauter wurde der Gesang, schneller der Takt. Es war wie ein Sog, der mich unwiderstehlich mitriss. Wir bekamen nicht genug vom Singen und Tanzen.
Urplötzlich durchfuhr es mich wie ein Blitz: Mein Lederbeutel war verschwunden. Ich erstarrte, suchte hektisch mit den Augen den Boden ab, befühlte Rock und Gürtel. Nichts.
„Was hat dir denn den Tanz vergällt?“, fragte ein junger Bursche mit Federhut.
„Mein Lederbeutel…verschwunden und meine...“
Er half mir beim Suchen und ging sogar mit mir den mühsamen Weg gegen den Menschenstrom zurück zum Römerberg. Es war aussichtslos. Wie sollte ich in diesem Gewirr von Beinen und Füßen mein Navigationsgerät finden? Die ganze Zeit redete der Federhütler auf mich ein, doch ich reagierte gar nicht mehr und irrte weiter durch die Menge.
Was sollte ich nur tun?
Wie von fremder Hand gezogen, ging ich den Weg aus der Stadt hinaus. Dabei suchte ich unentwegt den Boden ab. Das verdammte Ding blieb verschwunden. 
Die Sonne stand schon im Westen, als ich die Anhöhe hinaufging. Der Wald schien undurchdringlich. Ohne Orientierungshilfe würde ich niemals den Weg zurückfinden. Und kein Mensch weit und breit konnte mir helfen. Ich setzte mich auf einen Baumstamm und weinte.

Jemand klopfte mir ungeduldig auf die Schulter. „Hallo“, klang es hektisch an mein Ohr. Ich schaute hoch. Es war der hübsche Dunkelhaarige vom Timetrain, bekleidet mit brauner Hose und Leinenhemd.
„Hier, nehmen Sie.“ Er drückte mir meinen verlorenen Schatz in die Hand. „Kommen Sie schnell. Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es.“
Wir hetzten los und atemlos erzählte er, wie ein Alarmsignal bei ihm angekommen und er in die Stadt gerannt wäre. Sein Navigationsgerät hätte ihn zu einem Burschen mit Federhut und meiner Taschenuhr in der Hand geführt. Plötzlich hätte das Ding so heftig vibriert, dass er es auf den Boden geschmissen und mit schreckgeweiteten Augen angestarrt hätte. Danach wäre der Bursche weggerannt.

„Und du konntest nicht verhindern, dass der böse Friedrich drei Wochen später in die Fänge seiner Verfolger geriet?“, fragte Jannis, nachdem ich ihm von meiner wunderbaren Rettung erzählt hatte.
„Hecker meinst du. Daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Ohne Chip war ich nur noch verzweifelt“, musste ich beschämt zugeben.
„Man kann dich wohl doch nicht alleine so eine Reise machen lassen, Maleen“, meinte er. „Wenn du deinen Achtundvierziger Roman im Netz hast, reisen wir gemeinsam in die Neunundachtziger: ‚Wir sind das Volk’.“

(Die kursiv formatierten Textstellen sind Zitate aus dem „Heckerlied“, überliefert aus dem Jahre 1847.)

Aus der Sammlung: Wenn wir von Liebe reden


Bildquelle: Die Alte Brücke 1845 (Stahlstich von Jakob Ludwig August Buhl nach Vorlage von Jakob Fürchtegott Dielmann)


Montag, 12. September 2016

Das weiße Flackern



Kaum jemand verirrte sich hierher zwischen die schwarzen Gesteinsbrocken; Überreste eines Vulkanausbruchs, die den Strand zu einem unwirtlichen Ort machten. Irgendwo da oben war der Lavastrom vor Jahrzehnten herausgeschleudert worden und hinunter geflossen bis ins Meer. Hier war sie allein mit dem Felsriesen, der dunkel gezackt in den Himmel ragte und die Bucht zum Süden hin abgrenzte, angelockt von der Verheißung einer unendlichen Weite hinter dem Horizont. Es fiel ihr jedoch schwer, den Blick abzuwenden vom beharrlichen Spiel der Brandung, deren Gischt immer neue Muster in den schwarzen Sand zeichnete. Der Morgen war noch jung, und ihr war einen Moment lang, als wäre der Dämon der vergangenen Nacht gefangen im Wirbel der Wellen, die in unermüdlichem Gurgeln, Sprudeln und Klatschen die großen und kleinen Steine umspülten. Noch einmal war sie davongekommen, als hätte die Sonne sich ihrer erbarmt, sie erlöst vom Platz am Rande des Kraterabgrundes.
Doch Erlösung gab es nicht. Die frischgrünen Reben im Sonnenwald waren erschlafft, der einst so würzige dunkelrote Wein fade und blass geworden. Nichts konnte sie trösten, nichts sie mehr erfreuen. Unerträglich der Gedanke an die Zähigkeit des bevorstehenden Tages, an eine weitere Nacht der Abgründe. Wozu noch kämpfen? Sie war verloren.
Und doch war da noch immer die Frage. Warum?
Wie konnte es so weit kommen? Wo war ihr Mut geblieben?
Suche nicht nach Erklärungen, flüsterte der Wind. Lass dir nichts vorgaukeln. Er zieht dich heran, um dich wegzustoßen. Immer wieder macht er das. Du hast ihm vertraut, wurdest weggestoßen, hast ihm wieder vertraut, wurdest wieder weggestoßen, immer wieder mit sanfter Stimme umschmeichelt, immer wieder vertraut, immer wieder verletzt. Dein Vertrauen hat er mit großer Geste weggeschleudert, deine Liebe sinnlos verschwendet. Alles hast du ihm gegeben, bis auf den letzten Tropfen, zuerst mit Leidenschaft, später dann, weil du an ihm festklebtest. Verknotete Gefühle entwirren? Vergiss es. Du hast nichts zu verlieren.
Ihr blieb keine Wahl. Komm, schwarzer Dämon. Leg die Maske ab. Du bist hell und süß. Zeige mir den Weg. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Eine unglaubliche Stille umgab sie. Selbst die Brandung hatte ihr Rauschen eingestellt. Einen Moment lang die friedliche Ruhe genießen, dann losgehen, einen Schritt, einen weiteren und noch einen, bis der Boden weich wurde und nachgab. Dunstschwaden strichen über ihr Haar und zogen an ihr vorbei. Mit leichten Schritten ging sie zwischen Schlingpflanzen, die ihr den Weg frei machten, sobald sie sich näherte. Plötzlich wurde der Nebel so dicht, dass sie nichts mehr sah. Sie blieb stehen. Verschwunden das Grün, selbst ihre Hände und Füße waren nicht mehr zu sehen. Wo war oben und unten? Und was war das? Hatte jemand sie berührt? Sie horchte.
„Du brauchst Hilfe?“
„Ja, ja“, sagte sie eilig.
Doch zu wem gehörte dieses Stimmchen? Erst nach einer Weile des angestrengten Hinsehens erblickte sie eine kleine kugelförmige Gestalt, durch deren transparente Oberfläche es vom Boden her kupfern blinkte.
„Hallo“, sagte das Geschöpf.
„Hallo, kleines Kerlchen. Was tust du hier so mutterseelenallein?“
„Ich habe gewartet.“
„Auf wen?“
„Ich habe gewartet, um dich auf den richtigen Weg zu führen.“
„Wusstest du denn, dass ich hierher komme?“
„Du hast gefunkt.“
„Ach, ja?“
„Du hast mich gerufen, weil du Hilfe brauchst. Allein findest du aus diesem Nebelwald nicht heraus.“
Wie Recht das seltsame Wesen hatte!
„Folge mir“, sagte es und ging voraus, wobei sich herausstellte, dass es sich mit seinen kleinen Füßen erstaunlich schnell vorwärts bewegte. Sie blieb dicht hinter ihm.
Plötzlich war der blinkende Winzling verschwunden. Stattdessen sah sie ein Flimmern, das sich in ein weißes Flackern verwandelte. Eine ungeheure Kraft zog sie mitten hinein in diese Lichtflut. Von tausend und abertausend Blitzen wurde sie überwältigt, die in so schnellem Stakkato auf sie einschossen, dass ihr schwindlig wurde. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel zu Boden.
„Alles okay?“
Ein Mann, über sie gebeugt.
„Was tun sie hier? Es gibt bessere Orte als diesen. Kommen Sie, ich helfe Ihnen. “
Mit Hilfe seiner hingestreckten Hand rappelte sie sich auf.
„Hier ist Ihr Brief. Sicher von Ihrem Mann. Zwischen den Steinen hab ich ihn gefunden. Der Wind hatte ihn weggeweht.“
„Er hat ihn nicht weit genug geweht.“
Sie zerriss den Umschlag und schleuderte die Schnipsel hinter die Brandungswelle.
„Verdammter Lügner!“, brüllte sie in die Gischt und schaute zu, wie die weißen Fetzen auf den Wellen tanzten und immer kleiner wurden, bis nichts mehr von ihnen zu sehen war. Ihr Helfer stand noch immer neben ihr und sah sie so verdattert ansah, dass sie unwillkürlich losprusten musste.


Montag, 18. Januar 2016

Du hast mir gar nix zu sagen



Seit der Kölner Silvesternacht denke ich an grinsende Monster mit Krakenarmen. Eine ganze Horde dieser Fieslinge kreist eine Frau ein, grapscht ihr an Busen und Po, zerrt an ihrer Kleidung, reißt Jacke und Bluse auf, versucht ihr die Hose runterzuziehen, schafft es sogar, klaut ihre Tasche mit Handy ... bis endlich ein Mann kommt und sie rauszieht aus dieser Hölle. Dieser Horror ist in jener Silvesternacht nicht nur Frauen in Köln passiert, sondern auch in Hamburg, Stuttgart, Frankfurt, Bielefeld, Essen, Dortmund, Hamm und in vielen anderen Städten. Als ich höre, dass die überwiegende Anzahl der Täter aus Kulturkreisen kommt, in denen Frauen als Dreck betrachtet und wie Dreck behandelt werden, muss ich unwillkürlich an einen meiner Schüler denken.

Es ist etliche Jahre her, seit ich jeden Tag zum Gelände des alten Rittergutes fuhr, wo ich in der dort angesiedelten Jugendpsychiatrie als Lehrerin arbeitete. Und es ist noch länger her, als der fünfzehnjährige Reza in meiner Schülergruppe saß. Ein Richter hatte ihn nach dem Prinzip „Therapie statt Strafe“ in die Psychiatrie eingewiesen. Und so landete er bei mir. Reza verweigerte jegliche Mitarbeit und machte, was er wollte. Gespräche mit seinem Therapeuten liefen ungefähr so:

Ich: Wir müssen über Reza reden.
Er: Ja, klar, wir müssen über jeden hier reden
Ich: Klar, aber jetzt geht es um Reza. Ich weiß nicht, wie ich ihn beschulen soll.
Er: Ach.
Ich: Er hört nicht auf mich, das heißt, er macht meinen Unterricht kaputt.
Er. Versteh ich nicht. Was macht er denn?
Ich: Nichts macht er. Jedenfalls nichts, was mit Deutsch, Mathe und Englisch zu tun hat.
Er: Dann rede doch mal Tacheles mit ihm.
Ich: Ja, klar. Was glaubst du, was er dann sagt?
Er: Na, was denn?
Ich: Du hast mir gar nix zu sagen.
Er: Dummer Spruch.
Ich: Jedenfalls kann ich so nicht mit Reza zusammenarbeiten. 
Er: Ach, ach.
Ich: Es ist dein Part, Jochen. Schließlich hat er Auflagen.
Er: Ach, ach, ach.
Ich: Knast statt Therapie.
Er: Aber...
Ich: Nix aber. Der tanzt uns doch allen auf der Nase herum. 
Er: Nun habt euch mal nicht so. Das ist eben diese orientalische Mentalität.

Kurz danach war Reza nicht mehr in meiner Lerngruppe, ich weiß nicht, welche Kollegin oder welcher Kollege sich dann mit ihm herumärgern musste, es war ja ein Kommen und Gehen in der Psychiatrie.

Ja, und seit der Kölner Silvesternacht spukt er wieder bei mir im Kopf herum und der dämliche Spruch seines Therapeuten: „Das ist eben diese orientalische Mentalität.“


© Renate Hupfeld 01/2016

Montag, 4. Januar 2016

Neues Projekt





Hat mich jemals etwas so durcheinander gebracht wie die Botschaft, dass du da bist? Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich ratlos, vierzig Jahre alt und ratlos. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
Du oder er? Eine Frage, auf die ich gut verzichten könnte, die vielleicht völlig abwegig ist und  längst beantwortet wäre für mich, sollte sie sich denn stellen. Und dennoch fühle ich mich jetzt in der Situation, dass ich mich das fragen muss, ohne es zu wollen, ohne es jetzt zu wollen, schicksalhaft mit dem Dilemma konfrontiert.
Du oder er?
Es war ein ausgesprochener Glückstag, als ich ihm begegnete, ein unerwarteter Lichtblick, nachdem das Thema ‚Männer’ für mich längst abgehakt war. Männer! Ich war nämlich davon überzeugt, sie nützten nicht, sondern schadeten mir nur. Kurz gesagt, ich brauchte sie nicht und war überzeugt, es käme keiner mehr an mich heran. Das klingt hart, doch nach meinen Erfahrungen musste ich das so sehen. Männer in meiner Nähe bedeuteten jedes Mal eine Katastrophe. Misstrauen, Kampf, Verletzungen. Immer das gleiche Theater, wie verhext.
Macht gar nichts, wenn du das noch nicht verstehst. Wie solltest du auch?
Jedenfalls hatte ich irgendwann mein Motto klar: ‚Keine Männer, keine Tränen’.
Und dann kam er, wie ein Geschenk des Zufalls, und mit ihm die Erleuchtung, dass ich mich wohl geirrt hatte. Es gab Ausnahmen, zumindest diese eine, das musste ich mir eingestehen. Denn mit ihm erfuhr ich, dass es auch anders ging, mit Vertrauen und Liebe. Und, wie gesagt, dieses Glück kam völlig überraschend. Plötzlich stand er mir gegenüber und fragte: „Was machen wir jetzt?“
Jetzt, das war der Moment, an dem die meisten aus unserem kleinen Grüppchen ihre Skier auf die Autos gepackt hatten und abgereist waren, zu ihren Klausuren, an ihren Schreibtisch im Büro oder zu ihrer Arbeit in Haus und Küche. Alle waren unterwegs nach Hause, außer uns zweien. Wir waren übrig geblieben und standen nun auf unseren Brettern am Platz neben dem Ausstieg, wo wir uns tags zuvor noch mit den anderen versammelt hatten, bevor es auf die Piste ging. Jetzt nur wir zwei. Er und ich. Wir hatten noch einen Tag Zeit, einen ganzen Tag. ‚Was machen wir jetzt?’ Was für eine Frage! Wir waren doch schon oben angekommen, an der höchsten Stelle, von der wir die beste Aussicht über das ganze Winterland hatten. So bizarr die Farben und Formen, so schroff und so sanft. In der einen Richtung der felsige Lange, daneben der etwas kleinere Bruder und zwischen den beiden eine Scharte, die Jahr für Jahr einigen waghalsigen Skifreaks zum Verhängnis wurde, und zur anderen Seite hin der Blick auf die schneebedeckte Passstraße mit dem gemütlich rauchenden Schornstein auf dem Rasthaus, an dem hin und wieder ein Auto anhielt oder ein anderes mehr oder weniger  schleichend vorüberfuhr. Und ganz rechts der Blick hinunter über steile und sanfte Skihänge bis zum Wald und darüber hinaus auf die weißen Dächer rund um den Kirchturm des kleinen Ortes.
Wir begannen die Abfahrt, machten erste verhaltene Schwünge, immer wieder aufeinander achtend, mit fast ungläubigen Blicken nach jedem Hügel, so ungewohnt, nur wir zwei auf der Piste, auf der wir bisher immer zu mehreren gewesen waren. Der Weg führte uns in Serpentinen durch den Wald hinunter in den Ort, vorbei an der kleinen Kirche zum Einstieg etwas oberhalb, von dem uns ein Sessel auf die nächste Passhöhe brachte. Eng nebeneinander saßen wir und berührten uns zaghaft mit den Skiern, er mit dem rechten, ich mit dem linken,  hin und wieder ein Blick, als könnten wir es immer noch nicht begreifen. Oben angekommen, eine kurze Abstimmung und gleich wieder hinunter, mal er hinter mir, mal ich hinter ihm, Kurve um Kurve, Strecke für Strecke, Ort für Ort, Sessellift, Passhöhe, immer weiter, hoch und runter, durch die steinerne Stadt zu Füßen des felsigen Langen und des kleinen Bruders, vorbei an der Scharte der Waghalsigen. Wie schön das war, nur er und ich über vier Pässe und durch vier Täler, bis wir schließlich dort ankamen, wo wir einige Stunden zuvor gestartet waren.
Ich erzähle dir das, um dir klarzumachen, dass mit dir jetzt alles anders ist und damit du verstehst, was das für mich bedeutet und warum ich ihn nicht verlieren will, warum ich mich fragen muss: Du oder er? 
Am Abend dann in dem Haus oben am Berg, in dem wir tags zuvor mit so vielen am Tisch saßen, jetzt nur wir zwei. Spagetti Bolognese hatten wir in die Schüsseln gezaubert, dazu Parmiggiano. Nach dem Essen hörten wir Musik. Meine Lieblingssongs mochte er, ich seine ebenfalls. Wir lachten und tanzten, auseinander zusammen, auseinander zusammen, stundenlang. Dann holte er seine Gitarre hervor. Ein Stück gefiel mir besonders. Ich wollte es noch einmal hören. Er spielte es noch einmal. Immer wieder spielte er diese Melodie. Sie begleitete mich die ganze Nacht lang und am nächsten Morgen war sie immer noch da. Und am Tag darauf, in der nächsten Nacht, die ganze Zeit war sie bei uns. Er und ich und unsere Melodie.
Drei Monate haben wir nun schon diese ungestörte Zweisamkeit, jeden Samstag, jeden Sonntag, viele Abende und Nächte. Zusammen einkaufen, kochen, essen, Musik hören, tanzen, bummeln in Fußgängerzonen, durch Wälder und Parks, meine Hand in seiner Hand, reden über schwarze Löcher und ‚Rosen im Asphalt’.
Unser nächstes gemeinsames Projekt sollte eine Wanderung in unserem Winterparadies sein, jedoch ohne Schnee. Für diesen Sommer war es geplant und sogar schon in den Details vorbereitet. Mit Rucksack und Zelt wollten wir unterwegs sein, den schroffen Langen, seinen kleinen Bruder und die Scharte der Waghalsigen mal aus der Nähe betrachten, durch die steinerne Stadt gehen und dann weiter, Berge und Täler durchwandern, zu Fuß das Massiv umrunden. Unser Sommerprojekt nennen wir das, nannten wir das, hatten es uns so schön vorgestellt. Und nun knallst du in unser Leben, bist plötzlich da und bleibst auch da, hast dich schon eingenistet, als sei das ganz selbstverständlich. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass du kommst. Vierzig Jahre lang hat mich nichts so aus der Bahn geworfen. Letzte Nacht konnte ich nicht schlafen, zu unruhig war ich, viel zu unruhig. Wie soll es weitergehen? Mit dir dabei ist nichts mehr wie vorher. Tag und Nacht bist du nun dabei. Nie mehr bin ich allein. Nie mehr sind wir zu zweit, er und ich. Wie wird er reagieren, wenn er es erfährt? Mein lieber Träumer. So jung und unverbraucht. Bisher hat ihm das Leben noch keine solche Verantwortung aufgebürdet. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn er plötzlich so gefordert wird wie mit dir. Er soll sich nicht verändern, soll immer der liebe Träumer bleiben. Doch ich befürchte fast, dass das nicht geht. Aus der Traum. Was wird er sagen? Über die Möglichkeit, du könntest dazukommen, haben wir nie gesprochen. Vielleicht hätten wir es noch getan. Irgendwann wäre es vielleicht ein Thema gewesen. Und nun bist du schon da. Konntest nicht mehr warten. Ich habe Angst, dass sein helles Gesicht sich verfinstert und dass jetzt alles vorbei ist.
Vorhin hat er angerufen. Er war so lieb, kommt heute schon etwas früher, hat es extra möglich gemacht, freut sich auf mich. Am Telefon konnte ich es ihm nicht sagen. Es ging einfach nicht. In seine Fröhlichkeit wollte ich nicht hineinplatzen mit dieser Botschaft. Ich weiß ja selbst erst seit gestern, dass du da bist. Was ich empfand, als ich es erfuhr? Das sollst du auf jeden Fall wissen. Mein Herz hüpfte, als wollte es aus der Brust springen. Und wenn ich in mich hineinhorche, ist es heute immer noch so. Ja, mein Bauch sagt etwas anderes als mein Kopf. Ein tolles warmes Gefühl habe ich, spüre intensiv, dass du da bist. Angenehm süß die leichte Übelkeit. Ein paar Millimeter groß bist du erst, doch dein Herz schlägt schon. Ein gerade erst begonnenes Leben, ein ganz kleines Leben, ein winziges Leben. Dein Leben. Dein Herzschlag. Was meinst du? Ich soll noch mal überlegen, warum die Frage: Du oder er? Das ist ja eine ganz neue Sichtweise. Gar kein Dilemma? Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Recht hast du. Warum eigentlich diese dumme Frage? Zumal sie ja für mich ohnehin längst beantwortet wäre, sollte sie sich denn so stellen, was ja gar nicht der Fall ist. Du oder er? Was soll überhaupt das ‚oder’? Ich werde es gegen ein ‚und’ austauschen. Du und er, muss es heißen. Noch besser: Du und er und ich.
Je mehr ich nun darüber nachdenke, desto mehr gewöhne ich mich an den Gedanken. Du und er und ich. Wir sind jetzt drei. Ja, das werde ich ihm sagen. Und er muss wissen, dass jetzt alles ein bisschen anders wird, vor allem, dass ich höllisch aufpassen muss auf dich, damit dir nichts passiert. Das ist wichtiger als alles andere im Moment. Nichts werde ich tun, was dich in Gefahr bringen könnte. Deshalb werden wir das Sommerprojekt streichen müssen. Eine Wanderung in den Bergen wäre nichts für dich, viel zu gefährlich. Du musst erst noch ganz doll wachsen, bis du groß und stark genug bist für diese Welt. Im nächsten Sommer nehmen wir dich dann mit zum felsigen Langen. Der blinzelt seinem kleinen Bruder zu, ohne dass es jemand sieht, und die beiden Unentwegten amüsieren sich still. Dein Vater hat anstatt Rucksack dann dich in der Trage auf dem Rücken und zu dritt wandern wir ein kleines Stück entlang der Scharte der Waghalsigen und durch die steinerne Stadt.
Gleich wird er hereinkommen und sich auf seinen Platz im Sofa setzen. Da bleibt nur noch eine Frage: Wie sag ich es ihm? Am besten besorge ich uns erst einmal einen Pott Kaffee aus der Küche. Dann setze ich mich neben ihn und schaue ihn an. Sein helles Gesicht strahlt. ‚Was machen wir jetzt?’, fragen seine Augen. Meine Antwort kannst du dir schon vorstellen: ‚Wir haben ein winziges neues Projekt’, werde ich sagen.

Samstag, 2. Januar 2016

Angie und Al


Als sie die schwere Holztür öffnete und hineinging, sah sie wieder die traurigen Gesichter. Für einen Augenblick wandten sie sich ihr zu. Doch inzwischen hatte jeder hier kapiert, dass billige Anmache bei ihr nicht ankam und sie richteten ihre Blicke gleich wieder auf die attraktive Wirtin, die das Bier zapfte und ihnen die Drinks auf die Theke stellte.
Ein Hauch von Wehmut stieg in ihr hoch, als sie sich auf den Barhocker setzte. Alina dachte an ihren Mann. Der konnte jetzt gemütlich auf dem Sofa liegen und fernsehen, inzwischen mit einer neuen Frau an seiner Seite. Doch wollte sie tauschen? Nein. Die dörfliche Idylle vermisste sie nicht. Sie war stolz auf ihre kleine Wohnung in der Stadt. Dafür nahm sie in Kauf, dass ihr abends schon mal die Decke auf den Kopf fiel. Die Eckkneipe bot eindeutig die bessere Lösung als das Sofa.
„Wein?“, fragte die Wirtin mit einem kurzen Blick.
Alina nickte und schaute in die Runde. Da stand einer mit einem auffallend roten Hemd, den sie dort noch nie gesehen hatte. Auch er schaute sehnsüchtig, doch verglichen mit den müden Augen seiner Nachbarn lag in den seinen ein Strahlen. Er hatte weiche Gesichtszüge und lächelte zu ihr hinüber. Sie musste immer wieder hinschauen.
Langsam kam das Lächeln näher, bis der Mann sein Weinglas neben das ihre stellte. Im ersten Moment war sie etwas erschrocken, doch dann spürte sie eine Welle von Sympathie. Ihr gefiel das geschwungene Blumenmuster auf seinem Seidenhemd und sie entdeckte, dass er sogar Make-up aufgelegt hatte, seine langen Wimpern waren sorgfältig geschminkt. Ein seltsamer Typ. Doch niemand hier schien an seinem Outfit Anstoß zu nehmen.
„Was ist normal?“, fragte er.
Konnte er in ihren Gedanken lesen?
„In meinem Dorf wäre das nicht normal.“ Sie lächelte verlegen.
„In Ihrem Dorf?“
„Da könnten Sie nicht wie ein Paradiesvogel am Tresen stehen.“
„Stadtluft macht frei. Schon im Mittelalter wusste man das“, lachte der Mann und erhob sein Glas. „Lass uns auf die freie Luft trinken. Ich heiße Angelo“, fuhr er fort und schenkte ihr einen unwiderstehlichen Blick aus seinen blauen Augen.
„Alina.“
Angelo war noch näher gerückt. Sie wehrte sich nicht, als er seine Hand auf ihren Oberschenkel legte.
„Deine Dorfleute finden  es auch nicht normal, wenn eine junge Frau spätabends in der Kneipe mit einem Paradiesvogel Wein trinkt“, sagte er. 
„Außer beim Maskenball“, überlegte Alina. „Am kommenden Samstag in der Turnhalle.“
„Ich wette, du gehst hin.“
„Und niemand wird mich erkennen.“

Alina und Angelo redeten noch lange miteinander an diesem Abend. Sie erzählte von ihrer Arbeit in der Grundschule, er sprach über die Sportredaktion bei der Lokalzeitung. Sein Lieblingsthema aber waren Boutiquen für edle Kleidung und seidene Unterwäsche. Da kannte er sich bestens aus. Sie fand das prickelnd.

Am Samstagabend stellte sie das Auto auf einem spärlich beleuchteten Parkplatz ab. Sie wollte nicht erkannt werden. Mit Blick in den Spiegel rückte sie die rote Krawatte auf dem schwarzen Hemd zurecht. Die langen Haare hatte sie unter dem Hut verschwinden lassen. Sie zog ihn bis über die Augen. Dann stieg sie aus und strich die Anzughose glatt.
Ihr Herz hämmerte, als sie dem Eingang näher kam. Da saß Otto vom Turnverein und verkaufte ihr die Eintrittskarte. Er schaute sie prüfend an, aber erkannte sie nicht. So konnte sie ganz unbesorgt in das närrische Treiben eintauchen. Erstaunlich, wie entspannt sie als Mann alles betrachten konnte. Da waren aufgeregt schwatzende Cleopatras, Spinnenweiber und Cocktail Bunnies am Tisch der Landfrauen, bekannte Gesichter darunter. Am Nebentisch tummelten sich die Hexen und Mönche vom Gesangverein, auch in diesem Jahr wieder maskiert.
Sie könnte sogar eine der Fratzen zum Tanz auffordern. Doch nach Hexentanz war ihr nicht.
Langsam ging sie weiter. Ein mit Pailletten verziertes Dekolletee fiel ihr in die Augen. Es gehörte zu einer schwarzen Grazie, die lässig an der Theke lehnte. Silberfransen an fließendem Seidenstoff machten jede Bewegung der wohlgeformten Beine mit. Unter der dunklen Lockenpacht funkelten lange goldene Ohrhänger. Alina wurde unwillkürlich in ihre Richtung gezogen und blieb neben der rassigen Schönheit stehen. Im gleichen Moment hatte sie ein Glas Sekt in der Hand.
„Al Capone in Nadelstreifen.“ Das war die vertraute Bassstimme. Ebenso unverkennbar die geschwungenen Wimpern im kunstvoll geschminkten Gesicht.
„Nenn mich Angie.“
„Ich bin Al“, prustete Alina.
„Alles normal“, sagte Angie, beugte sich ein wenig hinunter und drückte Al einen knallroten Schmatz auf den Mund. Ihre blauen Augen strahlten und lächelten verschmitzt.
Al trank das Glas leer.
„Komm mit, Angie!“ Er zog seine Black Lady auf die Tanzfläche. Sie standen voreinander. Tanzhaltung war angesagt. Lange probierten sie, bis er Angies Hand in seiner Linken hielt und seine Rechte in der richtigen Position auf ihrem Rücken lag.
„Wer tanzt den Männerschritt?“, fragte er unsicher.
„Der Mann. Wer sonst?“ Angie lachte schallend.
Klar, doch so einfach war das nicht. Links rechts tadam oder rechts links tadam, überlegte Al.
„Beim Foxtrott beginnt der Herr mit links“, half ihm Angie.
Schon nach den ersten Schritten schob Al gekonnt seine Dame über die Fläche. Er schaute zu ihr hoch und stellte befriedigt fest, dass sie Oberkörper und Kopf weit nach hinten beugte. Die Rechtsdrehung, die Linksdrehung, auseinander und wieder zusammen. Sie tanzten, als hätten sie das einstudiert. Selbst der Tango gelang. Al zählte leise mit: eins…zwei…drei vier fünf…sechs sieben acht und eins… Er musste nur leicht die Finger bewegen, schon wusste seine Tanzpartnerin, was sie zu tun hatte.
Beim Walzer wirbelten sie in großen Kreisen an den Tischen vorbei. ‚Alles normal, ihr Spießer’, dachte Al und registrierte gelassen, wie viele Augenpaare auf sie gerichtet waren.
Als Angies Make-up zu zerfließen begann und sein Bartschatten sichtbar wurde, verloren sie nicht viele Worte. Hand in Hand gingen sie zum Parkplatz.

Niemals will ich Spießer werden, dachte Alina, als sie in Begleitung von Angelo mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock fuhr. So ein Appartement in der Stadt hatte doch eine Menge Vorteile.

Mittwoch, 16. Dezember 2015

Theodors letztes Weihnachtsfest



Kurz vor Weihnachten fühlte er sich immerhin so kräftig, dass er seiner Schwester nach Berlin einen langen Brief schreiben konnte. Er bedankte sich für die Köstlichkeiten und die warme Decke, die sie ihm in einem großen Paket geschickt hatte und beschrieb, wie er im Sofa saß und es sich mit schönen warmen Füßen unter der Decke und Elisabeths Leckereien gemütlich machte. Er berichtete von der lieben Frau Seebach, der Krankenwärterin, die abends beim Zubettgehen auch immer darauf achtete, dass er schöne warme Füße habe. Mit Wehmut dachte er an das bevorstehende Weihnachtsfest und schrieb von einer schlank gewachsenen dunklen Tanne vor seinem Fenster gerade so hoch, daß sie mit ihrer schönen Krone wohl Platz hätte zum Fest in einem hohen weiten Saale, wo ganze Scharen von Kindern in ihrem Lichterkranz tanzen könnten.
Obwohl Verwandte und Freunde ihn zu Weihnachten wieder mit Geschenken und Aufmerksamkeiten erfreuten, vermisste er seine Lieben weit mehr als im Vorjahr im Gefängnis. Er fühlte sich sehr einsam, war aber getröstet durch einen stillen jungen Mann, mit dem Frau Seebach ihn zusammengebracht hatte und der am zweiten Feiertag bei Tee und Kuchen ein paar Stunden mit ihm verbrachte, wobei Theodor ihm eingehend von vergangenen Zeiten erzählen musste, als er noch mit Arnold Ruge, Moritz Hartmann und Eduard Meißner in Leipzig gemeinsame Träume hatte.
Nach Weihnachten besuchte ihn Malwida von Meysenbug. In ihren Memoiren berichtete sie darüber: „Ich fand ihn auf dem Sofa liegend, er schien tief gerührt, mich zu sehen. Ich war bis in das Innerste erschüttert von seinem Anblick und dachte, dass das nicht die einzigen Helden sind, die auf dem Schlachtfeld für die Freiheit sterben. Er starb ja auch, ein Kämpfer, an den Folgen des Kampfes. Sein Zimmer war gross und luftig, aber es war doch das Zimmer eines Hospitals, und er war allein da, fern von allen, die er liebte. Er war noch nicht dreissig Jahr, aber er schien mindestens vierzig; ein langer schwarzer Bart hob seine Blässe und Magerkeit noch mehr hervor, und wenn ein Lächeln auf seine Lippen kam, so war es traurig zum Weinen.“
Die Freundin hatte sich in einem Gasthof eingemietet und blieb eine Woche in Gotha. Täglich besuchte sie Theodor und blieb so lange, bis er sich ausruhen musste. Auch den Silvesterabend verbrachten sie mit Erinnerungen an ihre Zeit in Detmold, ihre gemeinsamen Ideale von Liebe und Freiheit und an seine Mutter. Bevor Malwida Gotha verließ, besorgte sie ihm einen bequemen Lehnstuhl, weil ihr aufgefallen war, wie schwer das Sofasitzen ihm fiel. Malwida erinnert sich:  „Er war sehr gerührt, und als er mir die Hand zum Abschied reichte, sagte er mit bewegter Stimme: 'Man hat behaupten wollen, dass die demokratischen Frauen kein Herz hätten; es ist an mir, dem zu widersprechen.’“


Kapitel aus:

Dienstag, 27. Oktober 2015

Novemberblues


Auf dem Weg über den Parkplatz flatterten mir die Blätter um die Beine, schön bunt, doch gar nicht lustig, verbesserten meine Laune keinesfalls. Die war nämlich grauer als grau. Dunkelstgrau. Der Blues. Ja, das war er, ließ sich nicht abschütteln. Andere hatten wenigstens um diese Jahreszeit einen Dämon, ich hatte nur diesen Blues in allen möglichen Facetten, musste jetzt womöglich wieder wochenlang mit ihm herumlaufen, mal dem Wetter-Geht-Mir-Auf-Den-Keks-Blues, dann dem Ist-alles-nicht-mehr-wie-früher-Blues und eben in diesem Moment mit dem Erinnere-mich-nicht-an-den-Tanz-Blues. Niemandem hatte ich die Gruselstory erzählt, mir würde sie ohnehin niemand glauben. Wie ich nur so dusselig sein konnte und dieser Ausgeburt von Raffinesse auf den Leim gehen, der Frau, die überhaupt nicht tanzen konnte und wie ein hölzernes Gerät über die Fläche geschoben, gezogen und gezerrt werden musste, selbst beim allereinfachsten Blues. Dieses Tanzgerät entpuppte sich als hinterlistiges Miststück, wollte mir weismachen, mich aus einem früheren Leben zu kennen, erzählte mir was von einem weißen Schimmel, den ich abends unter einer Weide am Fluss abgeholt hätte und auf dem ich fortgeritten wäre und behauptete, am Ende der Straße zu wohnen. Dort war jedoch kein Haus, wie ich eigentlich hätte wissen müssen, ich Depp. Und mir war es noch immer ein Rätsel, mit welchen Mitteln sie es geschafft hatte, mich an der Nase herumzuführen. Also, am Ende der Straße war nämlich der Friedhof. Dahin hatte sie mich gelockt, mitten in der Nacht. Naiv, wie ich war, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, auf das Gräberfeld zu schleichen, natürlich bei Vollmond, versteht sich. Über der Leichenhalle stand der und warf einen riesigen Schatten auf den Weg zwischen den Bäumen. Und da! Ich traute meinen Augen nicht. Vor dem Portal wartete schon ebendiese Bluestanzfrau auf mich, fixierte mich mit saugendem blauem Blick und schwebte auf mich zu. Wahnsinnig verlockend sah sie aus in dem sachte wehenden, silbrigglänzenden Gewand. Ihr Lächeln war hinreißend.
„Da bist du ja endlich“, flüsterte sie. „Wie ich mich nach dir gesehnt habe!“
Ein kalter Hauch berührte mich, als sie die Hände nach mir ausstreckte.
„Warum bist du hier?“, stotterte ich.
„Deinetwegen.“
Ich verstand nichts mehr.
„Von weit her bin ich gekommen.“
„Aber wir haben doch gerade erst miteinander ...“
„Ja, ja“, hauchte sie. „Es war so schön.“
„Ich verstehe nicht.“
„Lass uns fliegen.“
„Wie das denn?“
Mir wurde schwummerig. Wäre ich doch niemals hierher gekommen, auf diesen Gottesacker!
„Fliegen. Nur wir zwei“, fuhr sie fort.
„Du bist doch tot, sonst könntest du nicht … sonst wärest du nicht hier.“
Oder doch? Mich schauderte. Ich wollte weglaufen, kam aber nicht von der Stelle.
„Ich sehne mich nach deiner Wärme.“
Ganz leise war ihre Stimme.
„Umarme mich.“
Ich ging einen Schritt zurück.
„Drück mich an deinen Körper, bitte“, flehte sie und kam näher.
„Ich kann nicht.“
„Doch, du kannst.“
„Lass mich gehen!“, wehrte ich ab.
„Warum willst du vor mir fliehen?“
„Ich bin noch nicht so weit.“
„Begreife doch, mein Liebling.“
„Was soll ich begreifen?“
„Ich will dich nicht hinüberziehen. Du kommst freiwillig.“
„Nein, es geht nicht.“
„Wir werden glücklich sein.“
„Nein!“
„Lieben will ich dich, damit du nicht mehr traurig bist.“
„Was meinst du?“
„Nur ab und zu. Dann bin ich auch nicht mehr traurig.“
„Nein, nein. Ich muss jetzt gehen.“
Ich tastete mich rückwärts. Voller Sehnsucht sah sie mich an, folgte mir mit ausgestreckten Armen und ihrem unwiderstehlichen Lächeln. Je schneller ich mich fortbewegte, desto näher kam sie. Ich wagte nicht, mich wegzudrehen und ging Schritt für Schritt weiter, so schnell ich konnte, bis mein pochender Schädel an etwas Hartes stieß.
Das Friedhofstor.
Das verdammte Weib aus jener Sommernacht verfolgt mich doch noch immer, dachte ich.
Dabei kannte ich die Bluestanzfrau inzwischen ganz anders. Vom Esoteriktrip hatte ich sie heruntergeholt und sie hatte mir beigebracht, wie ich auch mit einer unbegabten Tänzerin Blues tanzen konnte.
Ich ging durch die Blätterallee, den Weg zwischen den Gräberreihen, den meine Beine schon fast automatisch machten, mit oder ohne die gelbe Gießkanne, denn gelb mochte sie, die üblichen grünen lehnte sie ab. Heute bei dem useligen Wetter also ohne Gießkanne. Am Wasserbecken vorbei nach links, drei Gräber weiter, dann wieder nach links zum weißen Marmorgrabstein mit dem Bild, oval gerahmt, wie sie es gewünscht hatte, nach ihren Vorgaben über dem dunkelgrauen Schriftzug platziert. Ja, die weißhaarige Frau da auf dem Foto war sie, wie sie leibte und lebte, hatte ja nur noch mich, ihren Augenstern, so nannte sie mich oft, das Beste, was ihr in ihrem Leben passieren konnte, das Allerbeste, ihr Eins und Alles. Ihr Lächeln sollte mir erhalten bleiben, ein Lächeln, das nie vergehen würde. Nur für mich. Unwiderstehlich.
„Wie läufst du denn wieder herum, Junge? Ohne Jacke. Du wirst dich erkälten. Zieh dich beim nächsten Mal warm an. Denk auch an den Schal. Du weißt doch, die kalte Jahreszeit hat’s in sich.“
„Ja, Mama.“
„Und deine Haare. Wie das aussieht! Geh mal wieder zum Frisör.“
„Jaha.“
„Gegessen hast du auch noch nichts. Ich sehe es dir doch an. Wie oft muss ich dir das noch sagen? Du treibst Raubbau mit deiner Gesundheit. Kein Gramm zugenommen hast du seit dem letzten Mal, eher sogar abgenommen, so blass, wie du wieder bist. Wann wirst du endlich erwachsen?“
Ich hatte ausgiebig gefrühstückt, mit Lachs, Käse, Schinken, Gürkchen, Tomaten, Radieschen und einem traumhaften Müsli. Nicht allein. Und das würde ich jetzt immer so machen. Immer so, wie ich das wollte. Genau so. Doch das musste ich ihr ja nicht erzählen.
„Schau, Mama, heute zünde ich drei Kerzen für dich an, damit du dich freust, okay?“
Sie blieb stumm.
„Dann bis zum nächsten Mal, Mama.“
Auf dem Weg zum Auto wurde der Grablichterblues in meinem Kopf immer leiser, bis er gar nicht mehr zu hören war.

Kurzgeschichte aus:


Mittwoch, 16. September 2015

Ja, sicha!

Hey, Kläusken, da biste ja wieder. Komm hier annen Tresen. Stell dich einfach dabei, wie gehabt.

Siggi, alter Kumpel, grüß dich.

Wo warste so lange? Wolltest doch jezz wieder öfter inne Kneipe kommen, haste letztes Mal gesacht.

Viel Arbeit und alles Mögliche, hat irgendwie nicht geklappt.

Jau, dat kenn ich. Aber du weißt doch. Hier stehn die, die hier immer stehn.

Klar, ich weiß Bescheid.

Nur auffe Südtribüne stehn is schöner, und singen, hömma: ‚Olé, jetzt kommt der BVB …’

Ja, ja, kenn ich: Die Pet Shop Boys.

Wer is dat denn?

Scherz beiseite. Die hab ich letztens in Münster gesehen. Go West. Bombastische Bühnenshow, auch wenn die zwei Jungs nicht mehr ganz taufrisch sind.

Jau, wem sachste dat? Schon gehört von Horsti?

Nee, was ist mit dem?

Kommt morgens inne Küche, fällt um und dat wars. Genau so alt wie ich.

Kann ich gar nicht glauben, der stand doch mit uns hier an der Theke, beim letzten Mal. Krank sah der nicht aus.

So kann’s kommen. Da steckste nich drin.

Traurig, tut mir echt leid. Manche trifft’s doch sehr früh.

Wieder einer weniger auffe Südtribüne. Doch ich hör schon auf mit Fussball. Is ja nich dein Ding. Macht abba nix, bist trotzdem en netten Kerl.

Ich hab nichts gegen Fußball. Und wenn ich mich unter all den Vereinen entscheiden müsste, würde ich natürlich Schwarzgelb wählen, ganz klar.

So is richtig. Komm mir ja nich mit de Blauweißen. 


Nein, nein, keine Bange.

Sach ich doch. Darauf nehmen wir jezz einen. Uschi, mach noch mal zwei Pils, Kläusken hat auch Durst.

Lass nur langsam gehen, Siggi.

Mach ich. Is jedenfalls schön, datte mal wieder hier bist. Hatteste die letzte Zeit viel zu tun inne Klapse?

Ja, ja.

Abba du bis doch kein Züchiater, oder?

Erzieher, wenn du so willst. Oder Sozialpädagoge im Fachjargon.

Erzieher reicht schonn. Iss auch nich imma einfach mitte Blagen heutzutage, hängen den ganzen Tach annen Computer.

Wenn es nur das wär, weswegen sie in die Psychiatrie kommen.

Ich wette, du könntest Stories ohne Ende schreiben von de Sachen, die de jeden Tach inne Klapse erlebst. Doch jezz erst mal: Prösterchen.

Auf dein Spezielles, Siggi.

Biste übrigens immer noch bei diese Litteraten im Internet? 


Klar doch.

So klar war dat letztens gar nich, als de hier warst. Da wolltest de die Brocken hinschmeißen.

Weiß ich gar nicht mehr. Warum das denn?

Weil de dich so geärgert hast.

Worüber?

Über son fiesen Möpp. Der ging dir total auf en Zeiger.

Vergessen.

Gut so.

In diesem Monat gibt’s da sogar was zu Feiern.

Jubiläum?

Genau. Und zu dem Thema will ich auch was schreiben.

Wat kann man denn dazu schreiben? 


Ein paar Ideen hab ich wohl. Zum Beispiel die Local Heroes hier an der Theke. Ja, lach nicht, alter Kumpel.

Ich staune nur.

Oder fünfzig Jahre nach der Apokalypse, wär doch auch mal was.

Apo wat?

Weltuntergang.

Ach jau, jetzt fällt’s mir auch wieder ein. Schreib doch einfach wat zum Jubiläum bei de Litteraten im Internet. Wat für eins feiert ihr da denn einglich?

Zehnjähriges.

So lange gibt’s euch schon? Zehn Jahre is kein Pappenstiel. 


Genau. Und danke für die Idee, Siggi.

Bitte.

Darauf nehmen wir jetzt einen.

Dat will ich meinen. 


Pils?

Wat denn?

Und en Kurzen dabei?

Ja, sicha!




(C) Renate Hupfeld 

Schote aus: Noch mehr Schoten, Schreib-Lust Verlag Dortmund 2012




Mittwoch, 9. September 2015

Sieben



In einem Vogelpark irgendwo in der Heide lebte ein Pfau, der einmal der schönste Vogel weit und breit gewesen war. Er hieß Peacock. Diesen Namen hatte ihm ein kleiner Junge aus Amerika gegeben, zu Zeiten, als die Leute noch von weit her kamen, um ihn zu sehen, wenn er an sonnigen Nachmittagen über die Wiese stolzierte und seine langen Schwanzfedern auffächerte zu einem Pfauenrad in schillerndem Türkis. Nach dem Tod seiner Frau waren die glücklichen Zeiten vorbei. Peacock war der einsamste Vogel im Park. Er wurde von Tag zu Tag schwächer und traute sich bald nicht mehr auf die Wiese zu den Menschen.
Als eines Tages ein anderer Vogel von den Parkbesuchern bewundert wurde, konnte er das Elend nicht länger ertragen. Durch ein Loch im Zaun schlüpfte er hinaus und ging los. Nur weg von diesem Ort! Irgendetwas würde er schon finden, vielleicht sogar ein bisschen Freude. Der Weg führte über weite Felder auf einen schmalen Pfad im Wald. Das Laufen fiel ihm schwer, doch er kämpfte sich weiter, selbst als nach einer Weile das Gestrüpp sehr dicht wurde. Unter einem modrigen Baumstamm fand er einen Platz für die Nacht und schlief sofort ein.
Am nächsten Morgen sah die Welt gar nicht mehr so trostlos aus. Die Sonne blinzelte durch die Blätter, sie machte den Wald hell und grün. Und plötzlich entdeckte er, dass er nicht allein war. Eine Ziege hockte neben ihm und beobachtete ihn still.
„Wer bist du denn?“, fragte Peacock erstaunt.
„Frage lieber, wer ich einmal war und warum ich mich hier verstecke“, antwortete die Ziege. „Ich war für meine Beweglichkeit bekannt. Kein Berg war mir zu hoch, kein Hang zu steil und keine Felsspalte so breit, dass ich nicht hinüber springen konnte. Jedes Jahr konnte ich ein Junges aufziehen, so kräftig war ich.“
„Und was führt dich nun ausgerechnet hierher in dieses Dickicht?“
„Ein Unglück. Ich bin in einen Abgrund gestürzt. Mit Mühe konnte ich mich befreien. Doch es war vorbei mit Klettern und Springen. Meine Kinder waren über alle Berge und ich war ganz alleine. Ja, ja, wie das Schicksal so über einen hereinbrechen kann! Dich hat’s ja wohl auch böse erwischt, sonst wärest du doch in einem feinen Park und nicht einsam hier im wilden Wald.“
„Ich war die Attraktion des Vogelparks“, schwärmte der Pfau. „Mit Frau und Kind wohnte ich gemütlich in einem schönen Nest, bis der Parkdirektor unseren Sohn verkaufte und meine Frau vor Kummer starb.“
„Traurig, traurig“, sagte die Ziege.
Während sie gemeinsam die Brocken verspeisten, die sie zum Frühstück gesammelt hatte, Würmer und Larven für den Pfau, Blätter und Wurzeln für sich selbst, erzählte Peacock weiter von den glücklichen Zeiten und wie sehr er sich wünschte, noch einmal sein türkis schillerndes Pfauenrad aufzufächern.
Gemeinsam schleppten sie sich weiter.
„Was meinst du, wie viele Tage wir noch gehen müssen?“, fragte die Ziege, als sie am Abend unter einem Strauch nebeneinander lagen.
„Kommt Zeit, kommt Rat“, sagte der Pfau und schlief wieder auf der Stelle ein.
Am nächsten Morgen gingen sie weiter wie tags zuvor, bis ein Hahn in den Wald gestolpert kam.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte Peacock. „Wie dein schöner roter Kamm so schlaff herunterhängt. Nach Chef vom Hühnerhof sieht das nicht gerade aus!“
„Eher zum Herzerweichen“, ergänzte die Ziege. „Erzähl mal, was dir passiert ist, Hahn.“
„Die Bauersleute meinten, es gäbe nicht mehr genug Küken. So holten sie einen jungen Gockel auf den Hof und die dummen Hühner haben nur noch Augen für ihn. Dem Angeber schieben sie die leckersten Körner hin und ich soll zusehen. Das kann doch nicht alles gewesen sein, hab ich mir gedacht, und bin weggegangen.“
„Komm mit uns, wo zwei sind, können auch drei sein“, sagte der Pfau.
Zu dritt gingen sie weiter, bis sie einen Schlafplatz für die Nacht fanden.
„Wetten, dass wir morgen wieder jemanden finden, den das Unglück getroffen hat?“, überlegte die Ziege.
„Kommt Zeit, kommen Freunde“, sagte Peacock und schlief wieder schnell ein.
Als sie am nächsten Tag eine Weile gegangen waren, stand plötzlich ein Esel mitten im Weg und wollte sie nicht vorbei lassen.
„Nicht so störrisch, altes Grautier. Uns kannst du nichts vormachen. Glücklich siehst du nicht gerade aus. Sag’s doch frei heraus, dass du Kummer hast.“
„Stimmt ja, was du sagst, kluger Pfau“, meinte der Esel. „Kummer ist gar kein Ausdruck. Meine glücklichen Tage sind längst vergangen. Mein Fell ist struppig geworden, ich werde nicht mehr gebraucht. Selbst die Ponys auf der Weide stoßen mich weg. So macht das Leben keinen Spaß mehr. Ich sehe, ihr seid zu dritt. Wenn ich mich zu euch gesellen könnte, ging’s mir vielleicht besser.“
„Wo drei sind, können auch vier sein“, sagte der Pfau und sie gingen zu viert weiter. Am Abend fanden sie wieder einen guten Schlafplatz und jeder träumte von der Überraschung, die der nächste Tag vielleicht bringen würde.
Die ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Unter einem Busch hockte eine Gans. Ängstlich lugte sie zwischen den Ästen hervor.
„Was ist mit dir? Du zitterst ja, dass der ganze Busch bebt.“
Zögernd kroch sie heraus.
„Ach guter Pfau“, stöhnte die Gans. „Mein Jüngling, der mich die ganze Zeit auf dem Arm getragen und mir zu Fressen gegeben hat, weil ich so goldig war, ist durch mich der Bräutigam einer Königstochter geworden. Er hatte nur noch Augen für seine Liebste und vergaß mich. Da bin weggeflogen und dabei ist dieses Malheur passiert.“ Sie zeigte auf ihren Flügel, der kraftlos herunterhing. „Eigentlich will ich nur noch sterben. Was soll ich denn noch hier?“
„Nein, nein, nein!“ Peacock schien fast ein wenig zornig. „Das wird schon wieder. Dein Flügel ist gebrochen, das braucht Zeit. Komm derweil mit uns. Laufen kannst du doch. Wo vier zusammen sind, können auch fünf sein.“
Und schon watschelte die Gans mit in der Reihe. Nachdem die Fünf die Nacht unter einer Hecke verbracht hatten, gingen sie am nächsten Morgen weiter, schon darauf wartend, dass auch an dem Tage wieder ein Tier Hilfe brauchte. Prompt lief ihnen ein kleines Schwein mit heftig wirbelndem Ringelschwanz entgegen und wollte schon vorbeirennen.
„Halt, was ist denn mit dir los, Schweinchen?“, fragte der Pfau, der nach den Erlebnissen der vergangenen Tage seine Einsamkeit völlig vergessen hatte.
„Ich hatte mir ein schönes Haus gebaut, in dem ich alles hatte, was ich zum Leben brauchte und in dem ich in Frieden wohnen wollte“, antwortete das Schwein. „Doch dann klopfte der Wolf an die Tür. ‚Kleines Schweinchen, kleines Schweinchen, lass mich rein’, schmeichelte der, hatte natürlich Kreide gefressen, doch darauf fiel ich nicht herein. ‚Nein, nein, nein, nicht im Traum lass ich dich rein’, rief ich hinaus. ‚Dann werde ich husten und prusten und dein Haus einfach umpusten’, brüllte er voller Wut und rüttelte und schüttelte so heftig an meinem Häuschen, dass ich’s mit der Angst bekam. Da bin ich durch die Hintertür entwischt und weggelaufen, so schnell ich nur konnte. Seitdem bin ich auf der Flucht.“
„Komm mit uns. Wo fünf sind, können auch sechs sein. Und vor dem Wolf musst du dich gar nicht mehr fürchten. Wenn er kommt, kratze ich ihm die Augen aus, so wahr ich Peacock heiße.“
„Und ich meckere ihn gehörig an“, sagte die Ziege.
„Ich krähe dem Bösewicht so laut ins Ohr, dass ihm Hören und Sehen vergeht“, meinte der Hahn.
Der Esel versprach, ihm mit dem Huf einen Tritt in den Bauch zu versetzen und die Gans wollte ihm mit ihrem gesunden Flügel so heftig vor den Augen herumflattern, dass er sofort Reißaus nehmen würde. Da beruhigte sich das Schweinchen und konnte endlich wieder eine Nacht lang schlafen.
Als Peacock sich am nächsten Morgen mit seinen fünf seltsamen Gesellen auf den Weg machte, dachte er darüber nach, wie es mit ihnen weiter gehen könnte. Er meinte, dass es nun an der Zeit sei, eine Bleibe zu finden. Sie konnten doch nicht ewig so weiter wandern. Er grübelte und grübelte, doch es wollte ihm nichts Rechtes einfallen. Als er am Rande eines Weizenfeldes einen Fuchs erblickte, der dort ganz allein saß und in den Himmel schaute, spürte er, dass es mit seiner Hilfe eine Lösung geben könnte.
„Hallo Fuchs, was machst du denn da?“, fragte er.
Der Fuchs erschrak, doch nur ganz kurz.
„Ich sitze hier seit Jahr und Tag und schaue zu den Sternen. Darüber bin ich zwar grau geworden, aber ich will die Sterne anschauen, solange ich lebe.“
„Auch am hellichten Tag?“
„Die Sterne sind immer da, bei Tag und bei Nacht. Auf einem von ihnen wohnt mein Prinz. Er lächelt mich an. Davon kann ich gar nicht genug bekommen und er auch nicht.“
„Deinen Prinzen darfst du natürlich nicht enttäuschen. Er wird jedoch auch nichts gegen neue Freunde haben, vor allem, wenn sie deine Hilfe brauchen.“
Der Fuchs schaute weiter in den Himmel. Man sah ihm aber an, dass er über Peacocks Worte nachdachte.
„Mein Prinz würde von mir erwarten, dass ich helfe, wenn ich gebraucht werde“, sagte er leise.
„Siehst du?“, meinte der Pfau. „Schau sie dir an, unsere kleine Schar der Unglücklichen. Meinst du nicht, dass dir dazu etwas einfällt?“
Der Fuchs sah in die Runde und als alle ihn mit traurigen Augen ansahen, hatte er sogleich eine Idee.
„Ich sehe, ihr braucht dringend Rat und Hilfe, ihr lieben Tiere“, sprach er zu ihnen.
Alle nickten, der Pfau, die Ziege, der Hahn, der Esel, die Gans und das Schwein. „Mir fällt auch schon etwas ein. Von meinem Prinzen weiß ich, dass es jemanden gibt, der euch wieder so jung, schön und beweglich machen kann, wie ihr einmal ward, in glücklichen Zeiten. Es ist Meister Bonifatius, der verzaubert Tiere, die in Not geraten sind.“
„Wie schön“, riefen alle sechs im Chor.
„Seid ihr denn bereit, Erwachsenen und Kindern Freude zu bereiten?“
Alle nickten.
„Zu jeder Tages- und Nachtzeit? Bei Sturm, Regen und Schnee?“
Wieder nickten alle.
„Na gut. Jedoch müsst ihr drei Bedingungen erfüllen.“
Erwartungsvoll schauten sechs Augenpaare den Fuchs an, der plötzlich wieder sehr nachdenklich wirkte.
„Freunde müsst ihr sein. Und ihr müsst sieben sein.“
„Sechs Freunde sind wir schon“, überlegte der Pfau. „Wie sieht’s denn mit dir aus, Fuchs? Wenn du zu uns kommst, sind wir sieben. Das Lächeln deines Prinzen siehst du doch an jedem Ort. Und ein bisschen weniger Einsamkeit wäre auch für dich nicht verkehrt. Wo sechs sind, können auch sieben sein.“
Der Fuchs zögerte lange, dann hatte er sich entschieden.
„Wenn ihr meint, ich sollte dabei sein, dann will ich das auch. Die Sterne sind ja schließlich überall.“
Ein hörbares Aufatmen machte die Runde.
„Und die dritte Bedingung, Herr Fuchs?“, fragte die Gans ein wenig schüchtern.
„Ihr braucht, ich meine, wir … wir brauchen einen König.“
Sofort richteten sich alle Blicke auf den Pfau.
„Wer sonst käme in Frage als Peacock?“, stellte der Esel fest. „Schon allein wegen seiner blauen Brust und dem königlichen Kopfschmuck. Dagegen wird es wohl keine Einwände geben.“ Und das war auch so.
„Würdest du denn diese Bürde auf dich nehmen?“, wandte sich der Fuchs an den Pfau.
„Wenn ihr alle mir das zutraut, dann traue ich es mir auch zu und will euch ein würdiger König sein.“
„Gratulation“, krähte der Hahn und alle klatschten Beifall.
„Nun gut. Als König wende ich mich gleich mit einer Aufgabe an dich, Fuchs. Führe uns zu diesem Zauberer Bonifatius.“
Erwartungsvoll schauten wieder sechs Augenpaare den Fuchs an.
„Von meinem Prinzen weiß ich, wo wir ihn finden“, antwortete der. „Wir müssen der Sonne entgegen gehen. Irgendwann erscheint am Horizont ein grüner Kirchturm. Dann ist es nicht mehr weit. Doch geh du voran, König Peacock. Das gehört sich so für einen Herrscher. Als Letzter in der Reihe achte ich darauf, dass keiner zurück bleibt.“
„Wer hätte das vor ein paar Tagen gedacht?“, murmelte der Pfau und wanderte los, die anderen sechs trotteten hinterher.
Die Sonne stand schon sehr tief, als die Tiere in der Ferne den grünen Kirchturm erblickten und sie war bereits untergegangen, als sie einen kleinen See erreichten. Unwillkürlich blieben sie stehen, denn sie wurden geblendet von tausend und abertausend winzigen Lichtfiguren, die flimmernd aus der Mitte des Gewässers in die Höhe stiegen, in einer Leuchtspirale hinunterwirbelten, glitzernd im Wasser versanken, um dann gleich wieder aufzusteigen. Fasziniert schauten sie zu, wie das Lichtspiel immer wieder von vorne begann, so lange, bis die Kirchturmuhr zur Mitternacht schlug. In dem Moment waberte eine Nebelwolke hinunter, in der zunächst Augen und Mund zu erkennen waren, bis dann plötzlich ein Mann vor ihnen stand. Sein weißer Bart hing über einem dunklen Umhang. In der Hand hielt er einen Lichtstab. Kein Zweifel, das musste der Zaubermeister sein.
„Meine Elfen haben mir euer Kommen bereits angekündigt und mir mitgeteilt, dass ihr alle dringend Hilfe braucht“, sagte er sanft.
Mit seinem Stab leuchtete er von Gesicht zu Gesicht. Auf dem von Peacock ließ er den Lichtschein ruhen.
„Ich sehe, du hast diese kleine Schar der Unglücklichen hierher geführt. Hast du mir etwas zu sagen?“
„Ja, Meister, das habe ich“, sagte der Pfau, trat einen Schritt auf Bonifatius zu und zitierte sein Sprüchlein, das er sich auf der langen Wanderung ausgedacht hatte.
„Ziege und Hahn, der Freundschaftskreis fängt an,
Esel, Gans und Schwein, alle kommen hinein,
Fuchs ist geblieben, so sind wir sieben,
Königsfedern in blau, trägt Peacock der Pfau.“
Während Peacocks Rede hatten sich die Tiere nacheinander in einen Kreis um den kleinen See herum aufgestellt. Der Pfau verbeugte sich vor dem Zauberer und trat an seinen Platz zwischen Ziege und Fuchs. Bonifatius war zufrieden. Er breitete seine Arme aus und sprach:
„Sieben kamen her,
Laufen fiel ihnen schwer,
Freunde groß und klein,
Jung sollen sie sein.
Hammsalabim.“
Dann schwebte er in seiner Wolke davon. Im gleichen Moment kehrte das Glück zu den Tieren zurück. Jedes wurde wieder jung und schön, die Ziege bekam ihre beweglichen Beine zurück, der Hahn seinen aufrecht gezackten Kamm, der Esel sein glattes Fell, die Gans ihren gesunden Flügel, das Schwein sein ordentlich geringeltes Schwänzchen, der Fuchs seine rötlich leuchtende Farbe und König Peacock sein prächtiges Pfauenrad in Türkis. In ihrer gewohnten Runde standen sie um eine Brunnensäule herum, von der es über spiralförmig umlaufende kleine Wasserräder sprudelte und spritzte. Sie blieben für immer zusammen, freuten sich am fröhlichen Lachen der Kinder, die mit ihnen spielten und amüsierten sich, wenn mehrere gleichzeitig auf ihrem König reiten wollten. An warmen Sommerabenden lauschten sie dem Flüstern der Liebespaare und in frostigen Winternächten erzählten sie sich Geschichten, von schweren und von glücklichen Zeiten, von den Tagen, an denen sie Freunde wurden und vor allem von dem Tag, an dem Bonifatius sie wieder jung zauberte. Und wenn sie nicht gestohlen sind, dann stehen sie noch heute auf dem Marktplatz neben der Kirche mit dem grünen Turm.

(C) Renate Hupfeld

Märchen aus den Kurzgeschichten Sammlungen:

Mittwoch, 29. Juli 2015

Nachtcafé


„Ist doch kein Zufall, dass Vincent in die Mitte des Bildes ein Liebespaar gemalt hat.“
„Ein Liebespaar?“
„Sieh mal, Jana, all die anderen Figuren sind schwarz oder grau, aber die beiden in der Mitte sind orange.“
„Stimmt, vielleicht hätte er gerne mit seiner Geliebten da gesessen.“
„Vielleicht. Stattdessen hat er auf dem ‚Place du Forum’  seine Staffelei aufgestellt und malt ein Bild, das im Jahre 1888 keiner sehen wollte.“
„Du hast mir mal erzählt, dass sein Bruder Theo ihm immer die Farben nach Arles schicken musste, weil keiner seine Bilder kaufte.“
„Und nach seinem Tod haben viele Leute sehr viel Geld mit seinen Bildern verdient. Schade, dass er seinen Erfolg nicht erleben konnte. Aber auf der anderen Seite hatte er ganz viel Freude beim Malen. Du siehst ja, wie toll die Farben sind.“
„Ja, obwohl Nacht ist. Wie die Nacht leuchten kann. Blau und gelb. Meinst du, er hatte Kerzen auf dem Hut, wie du mir aus dem Buch vorgelesen hast?“
„Über Vincent ist viel Blödsinn geschrieben worden. Auch die Story mit den Kerzen auf dem Hut soll eine Legende sein.“
„Er brauchte gar keine Kerzen. Die Lampe auf der Caféterrasse ist so hell, dass der ganze Platz beleuchtet ist. Und die Sterne. Guck mal, wie hell sie leuchten.“
„Vincent hätte sich nicht vorstellen können, dass das Bild mal hier in der Raststätte an der Wand hängt, wo Tag und Nacht so viele Menschen es sehen. Und wer weiß, wo es noch überall zu sehen ist. Das Original kann man in einem Museum  in Holland betrachten.“
„Da möchte ich gern mal hin.“
„Ja, aber jetzt sind wir in der Schweiz, das ist weit weg. Wie damals Vincent fahren wir in den Süden, wo es warm ist und wo die Farben schön leuchten.“
Jana holt ihren Fotoapparat aus dem Rucksack und fotografiert das Plakat vom Nachtcafé.
„Wir könnten doch auch nach Arles fahren und gucken, ob die Sterne da so leuchten, wie auf dem Bild. Da sind bestimmt auch viele Bilder von Vincent zu sehen.“
„Nein, in Arles gibt es keine Bilder von Vincent. Die Leute dort hielten ihn für verrückt und wollten ihn nicht mehr haben.“
„Dann will ich doch nicht nach Arles.“
Im Auto nimmt Jana ihren Zeichenblock und malt ihr Bild vom Nachtcafé.
„Papa, an dem Tisch in der Mitte sitzt du mit Mama. Und hier vorne stehe ich und male euch.“
„Und das helle Gesicht da oben am Himmel?“
„Das ist Vincent. Er lacht die Leute von Arles aus.“

©Renate Hupfeld 09/2003