Dienstag, 15. August 2017

Lass mich deine Schimpansin sein

Hauptbahnhof Gleis fünf. Freitag Nachmittag. Trotz starker Schneefälle fährt der Regionalexpress pünktlich ein. Ich finde einen Fensterplatz in Fahrtrichtung. Den Trolley verstaue ich im Gepäckfach. Vor mir auf dem Tischchen liegt mein Buch. Während der Fahrt werde ich mich auf das Wochenend-Seminar vorbereiten. Franz Kafka. Neue Lesarten.

Winterlandschaft fliegt vorbei. Schneeflocken tanzen. Dächer weißgepudert. Wäldchen mit blätterlosen Bäumen. Blasse Sonne will sich durch das Himmelsgrau kämpfen. Grüner Kirchturm. Schneeberge mit sanft gewellten Konturen. Kleiner Bahnhof.

An der Rezeption gibt es einen Schlüssel für Zimmer 406 im Gästehaus. Man kommt nur mit einem Zahlencode in das Haus. In einem Informations-Faltblatt ist er angegeben. Acht sieben vier drei. Das kann ich mir merken. Ich krieg noch ein Stück Klebeband. Rosie Feldmann, steht drauf. Ich hefte den Streifen gleich an meinen Pulli. Dann gehe ich ungefähr fünfzig Meter bergab durch den Park. Mein Trolley rumpelt hinter mir über den gepflasterten, schneegeräumten Weg. Das Zimmer liegt im Parterre. Erst einmal ziehe ich die Vorhänge zur Seite. Vor meinem Fenster heißt mich das winterliche Traumland willkommen.
Ich lege mich mit meinem Buch auf das Bett und lese noch eine Geschichte. Ein undefiniertes Tier hat einen Bau eingerichtet. Endlose Gänge, fünfzig Schlafplätze und einHauptplatz für die Lagerung von Vorräten. Das Schönste sei die Stille, doch die sei trügerisch. Bedrohung durch unsichtbare Feinde.

Nach dem Abendessen treffen sich die Teilnehmer des Seminars im Raum dreizehn. Vorstellungsrunde. Referent Doktor Weinmann erläutert das Thema für heute Abend. Die Assimilation des Affen Rotpeter.
„Rotpeter wird von einer Jagdexpedition der Firma Hagenbeck an der Goldküste eingefangen und in eine Kiste gesteckt. Damit beginnt die Assimilation.“

Mein Gegenüber rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Er will unbedingt etwas sagen und schnippst mit den Fingern. Rüdiger Baum, sagt der Klebestreifen an seinem Jackett.
„Rotpeter hat keinen Ausweg. Muss ihn sich aber verschaffen.“
Hat keinen Ausweg, muss ihn sich aber verschaffen. Herrlich. Rüdiger hält sein aufgeschlagenes Buch in die Runde und liest eine gute Viertelstunde lang aus Rotpeters Bericht für eine Akademie. Er spricht schnell, laut, irgendwie erregt.
Ein Räuspern rechts von mir. Eine Teilnehmerin hat sich zu Wort gemeldet. Es ist die junge Frau mit der hübsch angeordneten Langhaarfrisur. Nach ihrem zweiten Räuspern wird es mucksmäuschenstill im Raum. Mit samtiger Stimme redet sie.
„Welche Bedeutung hat die Schnapsflasche ...“
Gewichtige Worte. Schnapsflasche. Gut, der Gedanke. Jetzt wird es interessant.
„... für die Assimilation Rotpeters?“
Aha. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Ganz neue Lesart. Schnapsflasche und Assimilation, das muss ich mal auf mich wirken lassen. Jetzt schnippst Rüdiger schon wieder mit den Fingern.
„Schnapsflasche ...“, sagt er, „... ist doch nur in Verbindung mit Kultur möglich. Und Kultur nur in Verbindung mit reinem Affentum.“
Reines Affentum. Ich bin nur noch begeistert. Die anderen Teilnehmer lauschen andächtig. Schon fährt Rüdiger fort.
„Ohne Affentum keine Kultur und ohne Kultur keine Schnapsflasche.“
Wie Sahne dieser Satz. Schreib ich mir sofort auf. Unerschöpfliches Feld für die Literaturforschung. Immer wieder schafft sie neue Rätsel. Weiter, Rüdiger.
„Aber warum, frage ich mich, kann Rotpeter nicht auf sein äffisches Vorleben zurückblicken?“
Äffisches Vorleben. Rüdiger wird mir immer sympathischer. Seine Haare rechts und links des Mittelscheitels scheinen zu vibrieren, wenn er mit gekonntem Pathos spricht. Zwei dunkle Augen blitzen in die Runde. Die oberen Hemdenknöpfe sind aufgesprungen und vor Aufregung kratzt er sich in seinen Brusthaaren.
„Und warum muss er sich in die Büsche schlagen? Das müssen wir uns doch alle fragen.“
Einfach faszinierend. Komm, Rüdiger, du musst dich nicht in die Büsche schlagen. Klopf auf den Busch. Seine Unterlippe bewegt sich erneut. Wie tief er sie herunterzieht.
„Das Affentum Rotpeters wird uns wohl ein Rätsel bleiben. Über die Folgen der Assimilation müssen wir nachdenken. Zeigt sich doch hier die Dekadenz von Zivilisation.“

Das ist es. Rüdiger hat es auf den Punkt gebracht. Dekadenz von Zivilisation. Auch Weinmann scheint begeistert.
„Das war ein würdiges Schlusswort, meine Damen und Herren. Über den Zusammenhang von Affentum, Assimilation  und Dekadenz von Zivilisation müssen wir immer wieder neu nachdenken. Wir sehen uns Morgen nach dem Frühstück. Dann untersuchen wir einen weiteren Text.“

Die Teilnehmer sitzen immer noch ergriffen in der Runde und denken nach. Aber Rüdiger hält jetzt nichts mehr auf seinem Stuhl. Er springt auf. Fuchtelt mit seinen langen Armen herum und rennt aus dem Raum. Mit einem Satz springt er auf das Treppengeländer. Draußen wirbelt der Schnee, als er von Baum zu Baum hangelt. Dann ist er im Gästehaus verschwunden.

Später stehe ich mit dem Schlüssel in der Hand vor dem Gästehaus und komme nicht rein.  Der Türcode. Ich habe ihn vergessen. Und kein Faltblatt in der Tasche. Wird wohl auf dem Tisch in meinem Zimmer liegen. So ein Mist. Wie war er noch mal? Konzentriere dich, Rosie. Mit acht fing er an. Die zweite Zahl war eine Nachbarzahl von neun. Noch mal acht? Kann nicht sein. Keine Zahl war doppelt. Vielleicht neun. Und drei war auch drin. Ich probier es einfach. Acht neun drei vier, tippe ich in das Tastenfeld. Kein öffnendes Klick. Noch ein Versuch. Die Tür bewegt sich nicht.

Einige Fenster im Erdgeschoss sind erleuchtet. Ich gehe um das Haus herum. Vor einem Fenster bleibe ich stehen und schaue hinein. Da. Rüdiger. Auf allen Vieren kommt er aus der Dusche und springt auf eine Stuhllehne. Mit seinem langen Arm rudert er zum Tisch und greift eine Schnapsflasche. In einem Zug säuft er sie leer. Schleudert sie auf den Boden. Dann läuft er wie wild um den Tisch herum und kratzt sich das Fell.

Oh, Rüdiger. Lass mich deine Schimpansin sein. Ich könnte die Flöhe aus deinem Fell sammeln. Einen nach dem anderen würde ich zerdrücken, dass es nur so knackt. Keinen würde ich übersehen.

Was ist das? Er springt auf mich zu. Ist er jetzt wütend? Was will er? Er muss mich gesehen haben. Gleich wird er herausspringen.

Es ist dunkel im Park. Rüdiger war nicht wütend. Er kommt jetzt raus zu mir. Komm, deine kleine Schimpansin wartet auf dich. Wieso ist denn alles so voller Schnee? Schön weich, der Schnee. Und still ist es hier. Überall Schlafplätze. Wir nehmen den unter dem niedrigen Baum. Da können wir das ganze Schneefeld überblicken und sind sicher vor Feinden. Der Platz ist groß genug für uns zwei. Komm schon, Rüdiger. Du bist ein freier Affe. Hast du gehört? Fenster auf und raus aus der Kiste. Aber ich hab doch gerade ein Geräusch gehört. Sitzt du auf dem Baum? Soll ich hochkommen? Ach du, lass das Spielchen. Ich hab dich längst gesehen da oben. Komm runter. Wir kugeln uns im Schnee den Abhang herunter. Richtig Spaß werden wir haben. Dann kraulst du mir das Fell und ich knacke deine Flöhe. Bist du müde? Du willst auf dem Baum schlafen? Ich bin auch müde. So müde ... im weichen Schnee...

©Renate Hupfeld 03/2003

Mehr Kurzgeschichten von Renate Hupfeld gibt es hier:

Wenn wir von Liebe reden




Sonntag, 2. Juli 2017

Grenzorte

Tausendmal hatte er während all der schlaflosen Stunden von diesem Moment geträumt, Tag und Nacht das Liebeslied im Kopf: Milena, geliebte Milena. Auf der Fahrt von Prag hierher in diesen Ort an der Grenze bis zur letzten Sekunde die bange Frage. Wird es wahr werden? Wird der Zug aus Wien seine Liebste bringen? Er hatte sich schon vorgestellt, wie er unter den Aussteigenden zunächst diese kleine Frau im roten Seidenkleid, ihren lieblichen Lockenkopf und ihr unvergleichliches Lächeln entdecken würde, dann auf sie zueilen, ihr Gesicht in beide Hände nehmen, unentwegt in ihre Augen blicken, sie auf den Mund küssen, seinen Arm um sie legen, sie um das Bahnhofsgebäude herumführen, zusammen mit ihr die Gleise überqueren und Hand in Hand mit dieser geliebten Frau hinaus in das freie Feld gehen würde. 
Nun lagen sie nebeneinander auf der Spätsommerwiese, hörten aus einiger Entfernung das schwere Stampfen einer Dampflokomotive und beobachteten von ihrem Platz auf der leichten Anhöhe, wie schwarzer Rauch sich langsam in der blauen Weite auflöste.
„Hattest du eine gute Reise, Milena?“
„Ich konnte es kaum erwarten, dich wieder zu sehen, Frank.“
„Was hast du deinem Mann gesagt?“
„Er war gar nicht zu Hause.“
“Mal wieder?“
“Ernst und die Frauen, ein Kapitel für sich. Du kennst ihn doch.“
„Armer kleiner Engel, warum tut man dir das an?“
„In deiner Nähe bin ich reich, Frank.“
„Du gehörst geliebt, Milena, geliebt und behütet.“
Sein Gesicht über ihrem Gesicht, er konnte sich nicht satt sehen, so zauberhaft der Anblick. In diesen Augen versinken wie ein Kieselstein im Wasser, bis ganz tief unten in den weichen Sand auf dem Meeresgrund. So musste es bei der Mutter gewesen sein, als er ein kleiner Junge war. Aber er war ein fast vierzigjähriger Mann und Milena nicht seine Mutter. Sie war anders. Ein loderndes Feuer war diese Frau. Ihre Lippen süß wie dunkelroter Wein. Er konnte nicht aufhören sie zu küssen. Ihr gebräunter Körper bebte, als er ihr zaghaft das Kleid von der Schulter zog. Ganz nah wollte er ihr sein, eins sein mit ihr, halb wahnsinnig vor Verlangen. Ihre Hand in seinem Haar, so sanft, so unnachgiebig zärtlich, ihr Bein sich unter seinen Körper windend, dann ihr Becken, begehrend. Eng umschlungen bewegten sich ihre Körper und rollten ein Stück weit die Anhöhe hinunter bis zum Ende der Wiese. Sie stöhnte, drängte, wollte alles, wollte ihn. ‚Ich kann nicht’, hämmerte es wild in seinen Schläfen. Abrupt löste er sich aus ihrer Umarmung, setzte sich auf und vergrub den Kopf in den Händen.
„Ich kann nicht.“ Er versuchte, den quälenden Hustenreiz zu unterdrücken.
Milena war aufgesprungen und rückte ihr Kleid zurecht.
„Frank, ich möchte schreien. Wie soll ich das verstehen?“
„Verzeih mir, Milena, es ist meine Schuld.“
„Was redest du für einen Unsinn? Kein Wunder, dass du husten musst.“
Sie setzte sich neben ihn und strich mit der Hand über seinen Rücken, bis er wieder ruhig atmen konnte.
„Wovor hast du Angst?“
Vom Wiesenrand knickte er eine Kleeblume ab und drehte den Stiel in der Hand.
„Warum hab ich dich hinuntergezogen in diese Hölle?“
“Wie meinst du das?“
„Ich bin anders, Milena, fremd, bin mir ja selbst fremd. Das macht mir Angst.“
„Nein und noch mal nein, Frank. Mir bist du nicht fremd. Du bist mir so nah wie sonst niemand auf der Welt.“
„Ich weiß“, sagte er leise. „Du bist ja auch anders. Ein Schatz bist du, unvergleichlich wertvoll. Doch ich hätte dich nicht drängen sollen, hierher zu kommen.“
„Habe ich nicht selbst entschieden, diese Reise zu machen? Ich fühlte mich keineswegs von dir gedrängt. Doch vielleicht ist es meine Schuld. Bedränge ich dich zu sehr?  Macht meine Anwesenheit dich krank?“
„Milena, jetzt redest du aber Unsinn. Denk doch an unsere Wiener Tage, ein paar Wochen ist das erst her. War ich einen Moment lang krank in deiner Gegenwart?“
„Nein, dir ging es wunderbar. Tag und Nacht waren wir zusammen, sind stundenlang gelaufen. Berge, Wälder, Schatten und Sonnenschein. Wie schön das war. Kein einziges Mal hast du gehustet. Alles war so klar.“
„Ja, das war es, Milena, klar und schön.“
„Warum ist jetzt alles anders? Was ist passiert in den wenigen Wochen?“, fragte sie.
„Ich hätte Wien nicht verlassen sollen ohne dich, Milena. Warum habe ich dich nicht mitgenommen nach Prag?“
Sie legte das Kleid über die angewinkelten Beine und verschränkte die Arme vor den Knien.
„Du bist ein Träumer, Frank“, seufzte sie.
Vor seinen Augen drehte sich die Blume wie eine rote Kugel. Behutsam legte er sie auf die Wiese.
“Unsere Träume sind kalt geworden wie die Spätsommersonne“, sagte er und hatte auf eine Weise recht. Die Sonne war mit einer Wolke davongezogen. Kühle hatte sich im feuchten Gras ausgebreitet und streifte an ihren Körpern hoch. Ein Hauch von Herbst lag in der Luft, nach einem Sommer, der eigentlich der Anfang für einen neuen Frühling werden sollte.
“Es riecht nach Abschied“, sagte er traurig.
„Ich könnte heulen, Frank. Was macht uns so ratlos?“
„Der Kälte können wir nicht entfliehen.“ Er griff nach der Taschenuhr und klappte den goldenen Deckel auf.
„Warum haben wir keine Chance? Woher kommt die Kälte?“
„Woher nur?“ Er strich mit dem Daumen über das Ziffernblatt, klappte den Deckel zu und schob die Uhr zurück in die Hemdtasche. „Jedenfalls können wir nichts dagegen tun. Gehen wir zum Bahnhof. Wenn wir uns ein wenig beeilen, erreichst du noch den Abendzug nach Wien.“
Er stand auf, nahm ihre Hand und half ihr hoch. Dann gingen sie den Weg zwischen den Feldern zurück.
“Liebst du ihn, Milena?“
“Ich liebe dich, Frank.“
“Und morgen fährst du mit ihm an den Wolfgangsee.“
“Was sollte ich denn tun?“
„Ach, Milena! Du stellst Fragen.“
„Ich schreibe dir dann aus St. Gilgen.“
Schreibe mir nie mehr, wollte er sagen, schwieg aber und führte sie über die Gleise, um das Bahnhofsgebäude herum auf den Bahnsteig.


Kurzgeschichte aus: Grenzorte


Samstag, 11. März 2017

History


Hexen, Giftmischer, Rebellen, Literaten
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am Sonntag, den 12. März 2017


Holly und die Second



Pastor Sundermeier meint es ja gut, doch er kann mir nicht helfen. Was versteht der schon? Überlege dir gut, was du tust, Holly, hat er gesagt.
Da ist nichts mehr zu überlegen, Herr Pastor. Ich habe mir das gut überlegt und alles bestens vorbereitet. Es gibt keinen anderen Weg. Ich habe getan, was ich konnte. Immer treu zu ihm gehalten, ihm aus der Patsche geholfen, als er den Job verloren hatte, mich um den ganzen Scheiß in Haus und Garten gekümmert, geputzt, gewaschen, eingekauft, gekocht, jeden Morgen seine Sachen weggeräumt, Schuhe im Wohnzimmer eingesammelt, in den Schuhschrank gepackt, seine Hemden gebügelt, Socken sortiert wie blöde. Wie er es wollte. So, wie es sich gehört. Selbst diese neuen Boxershorts hab ich fein zusammengelegt. Mehr geht nicht.
Was Manfred dazu sagt?
Nichts. Gar nichts. Wie denn auch? Midlife ist angesagt. 
Verstehst du nicht?
Dachte ich mir. Mitternacht ist längst vorbei und der ist immer noch nicht in seinem Bett. Das ist Midlife. 
Wo er ist?
Fitnessstudio oder Tennis, was weiß ich denn? Mich geht das doch nichts an, sagt er, und schon gar nicht seine Geschäftsreisen. München, Hamburg, Berlin und Frankfurt. Ein ganz neues Outfit und Duftwasser hat er sich zugelegt, Hemden nicht mehr von P & C, sondern von diesem Laden in der MyZeil. Der stellt sich doch tatsächlich mit den Kids vor den Eingang mit den Sixpack Beachboys, um sich das Zeug zu beschaffen. Was sagst du dazu, Pastorchen? Fast fünfzig Jahre alt und wartet geduldig in der Schlange, wo allerhöchstens mal Papas für ihre Kleinen Mitbringsel besorgen, zum Beispiel T-Shirts oder Hemden mit diesem Label. Frei wie ein Vogel. So weit ist es mit ihm gekommen.
MyZeil kennst du nicht?
Woher auch? Macht ja nichts. 
Neuerdings zieht es ihn auch in Diskotheken. Wahrscheinlich nicht alleine. Interessiert mich gar nicht, mit wem er sein Spielchen treibt. Mit mir jedenfalls nicht mehr. 
Meine Phantasie geht mit mir durch? 
Stimmt, geht sie, doch anders, als du es dir vorstellen kannst.
Durststrecke im Leben? Gute und schlechte Tage?
Hör auf mit diesem Durchhaltequatsch, kleiner Pastor. Du machst es dir einfach, stellst dich auf die Kanzel und schaust in fromme Gesichter. Nichts gegen deine Predigten, doch die sind in den Wind gesprochen. Du hörst auch nicht, wie sie übereinander herziehen, hinterher, wenn sie das Gotteshaus verlassen, wo du Nächstenliebe predigst. Wer weiß, was sie über mich reden. Und weißt du, was mir klar geworden ist? Am Sonntag in der Kirchenbank knien und in das ewige Licht glotzen bringt mir nichts. 
Glotzen ist zu heftig?
Na gut, nehme ich zurück. Verklärt gucken trifft es auch. Ich jedenfalls nicht mehr. Und was ich dir schon immer sagen wollte: Dein Landfrauenverein ist nicht meine Welt. Radeln für einen guten Zweck hört sich zwar als Aufhänger im Blättchen gut an, doch das geht auch ohne mich. Und Kuchen backen für den Missionsbasar können sowieso andere besser. Ich bin keine Landfrau. 
Vermitteln willst du, mit Manfred reden, ihn fragen, warum er in der Gegend herumturnt, anstatt in seinem Hause bei Holly? 
Vergiss es. Ich habe gearbeitet, wird er dir antworten. Lügen, alles Lügen. Frag ihn lieber, warum er sich diesen verdammten Stress macht. 
Du findest ihn ganz nett und glaubst ihm, dass er viel Arbeit hat? 
Eigenartig. Alle, die ihn nicht kennen, finden ihn okay und charmant. Naiv bist du, Sundermeier, kannst dir nicht vorstellen, dass er das Graue vom Himmel runterlügt. Was verstehst du von Midlife? 
Jetzt schweigst du. 
Es kommt noch schlimmer. Mit mir hat das nichts zu tun, hat der gesagt. Knaller, findest du nicht? Um sein Leben geht es, um nichts anderes. Das fließt ihm unter den Händen weg. Und er hat nur eins. Ja, ja. Leben will er endlich. Mit mir hat das gar nichts zu tun. Was sagst du dazu?
Ich soll nicht zynisch werden? Warum fragst du nicht, warum ich diesen Schwachsinn jahrelang ertragen habe? Ich bin nicht zynisch, nur entschlossen. Weißt du, was das heißt, Pastorchen? Ich hab auch nur ein Leben. Stell dir vor: Mit dem mach ich, was ich will.
Trotzdem noch ein Gespräch versuchen? 
Mach dich nicht lächerlich. Was glaubst du denn, wie viele Stunden ich am Fenster auf diesen Nichtsnutz gewartet habe? Und wie viele Seiten meine dicke Chinakladde dabei ertragen musste? Aus und vorbei. Ich weiß, was ich zu tun habe.
Nicht alles wegschmeißen? Ich könnte es bereuen?
Was denn? Wo nichts ist, kann ich nichts wegschmeißen und da gibt’s auch nichts zu bereuen. Und komm mir nicht mit Gottvertrauen. Den geht das schon mal gar nichts an. Der soll sich raushalten aus meinem Leben. Okay?
Der wird die Sache schon in die richtige Bahn lenken, meinst du?
Ha! Ha! Du bist ja hartnäckig. Das sehe ich wie die Courage. ‚Der Mensch denkt: Gott lenkt.’ Doppelpunkt anstatt Komma zwischen ‚denkt’ und ‚Gott’. Selbst die Dinge in die Hand nehmen, denn von ‚Gott lenkt’ kann keine Rede sein, sagt sie, die weise Courage.
Nie gehört? Brecht kennst du nicht? Auch gut. 
Bis der Tod …?
Das musste ja jetzt noch kommen, wusste ich es doch. Dein letzter Trumpf. Du ziehst aber auch alle Register. Mir ist schon klar, was du damit meinst. Ich weiß, was ich zu tun habe, bin frei wie ein Vogel. 
Du wirst für mich beten?
Wohlmöglich sogar in der Kirche. Ich höre sie schon tuscheln.


Die kleine Holly aus dem Neubaugebiet wirst du vermissen?
Ach, du bist ja süß. Ich dich auch. Good bye, Meierchen. Mein Taxi steht vor der Tür. Bei Sonnenaufgang werde ich im Flieger sitzen, sieben Stunden später in der U-Bahn nach Upper Midtown Manhattan und zum Frühstück bei Starbucks auf der Second.

Donnerstag, 16. Februar 2017

Angie und Al





Angie und Al
oder 
Al Capone in Nadelstreifen und Black Lady

Als sie die schwere Holztür öffnete und hineinging, sah sie wieder die traurigen Gesichter. Für einen Augenblick wandten sie sich ihr zu. Doch inzwischen hatte jeder hier kapiert, dass billige Anmache bei ihr nicht ankam und sie richteten ihre Blicke gleich wieder auf die attraktive Wirtin, die das Bier zapfte und ihnen die Drinks auf die Theke stellte.
Ein Hauch von Wehmut stieg in ihr hoch, als sie sich auf den Barhocker setzte. Alina dachte an ihren Mann. Der konnte jetzt gemütlich auf dem Sofa liegen und fernsehen, inzwischen mit einer neuen Frau an seiner Seite. Doch wollte sie tauschen? Nein. Die dörfliche Idylle vermisste sie nicht. Sie war stolz auf ihre kleine Wohnung in der Stadt. Dafür nahm sie in Kauf, dass ihr abends schon mal die Decke auf den Kopf fiel. Die Eckkneipe bot eindeutig die bessere Lösung als das Sofa.
„Wein?“, fragte die Wirtin mit einem kurzen Blick.
Alina nickte und schaute in die Runde. Da stand einer mit einem auffallend roten Hemd, den sie dort noch nie gesehen hatte. Auch er schaute sehnsüchtig, doch verglichen mit den müden Augen seiner Nachbarn lag in den seinen ein Strahlen. Er hatte weiche Gesichtszüge und lächelte zu ihr hinüber. Sie musste immer wieder hinschauen. Langsam kam das Lächeln näher, bis der Mann sein Weinglas neben das ihre stellte. Im ersten Moment war sie etwas erschrocken, doch dann spürte sie eine Welle von Sympathie. Ihr gefiel das geschwungene Blumenmuster auf seinem Seidenhemd und sie entdeckte, dass er sogar Make-up aufgelegt hatte, seine langen Wimpern waren sorgfältig geschminkt. Ein seltsamer Typ. Doch niemand hier schien an seinem Outfit Anstoß zu nehmen.
„Was ist normal?“, fragte er.
Konnte er in ihren Gedanken lesen?
„In meinem Dorf wäre das nicht normal.“ Sie lächelte verlegen.
„In Ihrem Dorf?“
„Da könnten Sie nicht wie ein Paradiesvogel am Tresen stehen.“
„Stadtluft macht frei. Schon im Mittelalter wusste man das“, lachte der Mann und erhob sein Glas. „Lass uns auf die freie Luft trinken. Ich heiße Angelo“, fuhr er fort und schenkte ihr einen unwiderstehlichen Blick aus seinen blauen Augen.
„Alina.“
Angelo war noch näher gerückt. Sie wehrte sich nicht, als er seine Hand auf ihren Oberschenkel legte.
„Deine Dorfleute finden  es auch nicht normal, wenn eine junge Frau spätabends in der Kneipe mit einem Paradiesvogel Wein trinkt“, sagte er. 
„Außer beim Maskenball“, überlegte Alina. „Am kommenden Samstag in der Turnhalle.“
„Ich wette, du gehst hin.“
„Und niemand wird mich erkennen.“

Alina und Angelo redeten noch lange miteinander an diesem Abend. Sie erzählte von ihrer Arbeit in der Grundschule, er sprach über die Sportredaktion bei der Lokalzeitung. Sein Lieblingsthema aber waren Boutiquen für edle Kleidung und seidene Unterwäsche. Da kannte er sich bestens aus. Sie fand das prickelnd.

Am Samstagabend stellte sie das Auto auf einem spärlich beleuchteten Parkplatz ab. Sie wollte nicht erkannt werden. Mit Blick in den Spiegel rückte sie die rote Krawatte auf dem schwarzen Hemd zurecht. Die langen Haare hatte sie unter dem Hut verschwinden lassen. Sie zog ihn bis über die Augen. Dann stieg sie aus und strich die Anzughose glatt.
Ihr Herz hämmerte, als sie dem Eingang näher kam. Da saß Otto vom Turnverein und verkaufte ihr die Eintrittskarte. Er schaute sie prüfend an, aber erkannte sie nicht. So konnte sie ganz unbesorgt in das närrische Treiben eintauchen. Erstaunlich, wie entspannt sie als Mann alles betrachten konnte. Da waren aufgeregt schwatzende Cleopatras, Spinnenweiber und Cocktail Bunnies am Tisch der Landfrauen, bekannte Gesichter darunter. Am Nebentisch tummelten sich die Hexen und Mönche vom Gesangverein, auch in diesem Jahr wieder maskiert. Sie könnte sogar eine der Fratzen zum Tanz auffordern. Doch nach Hexentanz war ihr nicht.
Langsam ging sie weiter. Ein mit Pailletten verziertes Dekolletee fiel ihr in die Augen. Es gehörte zu einer schwarzen Grazie, die lässig an der Theke lehnte. Silberfransen an fließendem Seidenstoff machten jede Bewegung der wohlgeformten Beine mit. Unter der dunklen Lockenpacht funkelten lange goldene Ohrhänger. Alina wurde unwillkürlich in ihre Richtung gezogen und blieb neben der rassigen Schönheit stehen. Im gleichen Moment hatte sie ein Glas Sekt in der Hand.
„Al Capone in Nadelstreifen.“ Das war die vertraute Bassstimme. Ebenso unverkennbar die geschwungenen Wimpern im kunstvoll geschminkten Gesicht.
„Nenn mich Angie.“
„Ich bin Al“, prustete Alina.
„Alles normal“, sagte Angie, beugte sich ein wenig hinunter und drückte Al einen knallroten Schmatz auf den Mund. Ihre blauen Augen strahlten und lächelten verschmitzt.
Al trank das Glas leer.
„Komm mit, Angie!“ Er zog seine Black Lady auf die Tanzfläche. Sie standen voreinander. Tanzhaltung war angesagt. Lange probierten sie, bis er Angies Hand in seiner Linken hielt und seine Rechte in der richtigen Position auf ihrem Rücken lag.
„Wer tanzt den Männerschritt?“, fragte er unsicher.
„Der Mann. Wer sonst?“ Angie lachte schallend.
Klar, doch so einfach war das nicht. Links rechts tadam oder rechts links tadam, überlegte Al.
„Beim Foxtrott beginnt der Herr mit links“, half ihm Angie.
Schon nach den ersten Schritten schob Al gekonnt seine Dame über die Fläche. Er schaute zu ihr hoch und stellte befriedigt fest, dass sie Oberkörper und Kopf weit nach hinten beugte. Die Rechtsdrehung, die Linksdrehung, auseinander und wieder zusammen. Sie tanzten, als hätten sie das einstudiert. Selbst der Tango gelang. Al zählte leise mit: eins…zwei…drei vier fünf…sechs sieben acht und eins… Er musste nur leicht die Finger bewegen, schon wusste seine Tanzpartnerin, was sie zu tun hatte. Beim Walzer wirbelten sie in großen Kreisen an den Tischen vorbei. ‚Alles normal, ihr Spießer’, dachte Al und registrierte gelassen, wie viele Augenpaare auf sie gerichtet waren.
Als Angies Make-up zu zerfließen begann und sein Bartschatten sichtbar wurde, verloren sie nicht viele Worte. Hand in Hand gingen sie zum Parkplatz.

‚Niemals will ich Spießer werden’, dachte Alina, als sie in Begleitung von Angelo mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock fuhr. So ein Appartement in der Stadt hatte doch eine Menge Vorteile.

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Montag, 28. November 2016

Bowl for one

Es beginnt zu dämmern. Sofastündchen. Träumen, über die Häuser der kleinen Stadt hinweg bis zum Horizont, wo die untergehende Sonne gerade einen lilarotblauen Schimmer zurück gelassen hat. Irgendwo in weiter Ferne geistern die zwei, ganz eng beieinander, schauen hinüber zu ihr. Klara und Rudi. Weißt du noch, Monika? Wie aus einem Mund. Sie lächelt zurück.
Klar weiß ich noch. Immer wieder fragt ihr das. Und immer wieder erzähle ich es euch. Hier im Häuschen auf dem Schlossberg hatten wir einen schönen großen Tannenbaum mit Kerzen, dicken roten Kugeln und bunten Päckchen darunter. Wenn es zu dämmern begann, kam eure Vorlesestunde. Gianni saß oben bei euch im Sofa, rechts die Oma, links der Opa, und hörte die Geschichte von dem kleinen Jungen und der abenteuerlichen Schlittenfahrt über die Weihnachtswiese zum Mond. Er konnte es doch gar nicht abwarten, bis Sunny und ich hier unten alles vorbereitet hatten, es dunkel wurde, das Glöckchen klingelte und er das Treppengeländer runterrutschen konnte. Bis in die Haarspitzen aufgeregt stand er vor dem Lichterbaum. Was hatte das Christkind ihm gebracht? Doch bevor er nach den Päckchen schauen durfte, las Oma die Weihnachtsgeschichte vor. Von den fünf Hirten, denen auf dem Feld ein Engel erscheint und sie auffordert, dem Stern über Betlehem zu folgen, extra für ihn neu aufgeschrieben. Dann nahm Opa seine Gitarre und stimmte das Lied vom Kind in der Krippe an und gemeinsam sangen wir fünf von der großen Freude bei den Tieren im Stall. Wenn Gianni dann endlich auspacken durfte, verkroch er sich mit seinen Geschenken in der Sofaecke und spielte, bis ihm die Augen zufielen. Wir vier Erwachsenen konnten uns in Ruhe dem Weihnachtsmenü widmen.
So ging das Jahr für Jahr und jetzt bin nur noch ich hier.
Sunny?
Nun, ich bin ja geduldig und erzähle euch auch die Geschichte noch mal und immer wieder. Es wurde für ihn schwierig eine Arbeit zu finden und der Schlossberg war dann doch nicht seine Welt. Er konnte die kleine Bar seines Bruders in Palermo übernehmen. Ja, genau die auf der Via Roma in der Nähe der Kathedrale, in der ich ihn seinerzeit beim Cappuccino kennengelernt hatte und wir immer wieder unser Lied hörten. 
Gianni?
Verdammt schwere Zeiten waren das, nachdem er zu seinem Vater nach Sizilien gegangen war. Der kann nun seine Hilfe sehr gut gebrauchen, vor allem in der Saison.
Einsam heute?
Nein, nein, ihr lieben Fragegeister. Mein Bäumchen steht schon im Wintergarten, mit vielen bunten Kleinigkeiten daran und Stern in der Spitze. Wenn es nachher dunkel wird, werden die Lichter zu euch hoch leuchten. Wir werden uns zuwinken.
Danach gibt es mein Highlight, das Weihnachtsmenü. Diesmal habe ich was ganz Besonderes vorbereitet. Bowl for one, nenne ich es. Nach einem rote Beete Süppchen mit Ingwer und Cashewcreme gibt es eine Bowl. Was das ist? Meine Bowl ist ein grünes Schüsselchen, in dem alles schön verteilt wird, Feldsalat mit Orangen Walnuss Dressing, fein gewürzte Süßkartoffelecken aus dem Backofen, Lupinenbraten mit Mandelsoße und Topping aus Sprossen, gerösteten Kokoschips und schwarzem Sesam. Zum Dessert gönne ich mir eine Kombination aus Schoko- und Vanillemousse mit Himbeeren obendrauf und zum Espresso gibt es ein Marzipantörtchen, bestreut mit Zucker und Zimt.
Der Weihnachtsabend klingt dann aus mit unserem Lied. Ihr kennt es doch: „Sunny, yesterday…“.
Morgen gibt es den Weihnachtsbrunch bei Inge und Heiner.
Ach ja, und im Frühjahr reise ich wieder nach Palermo.