Mittwoch, 29. Juli 2015

Nachtcafé


„Ist doch kein Zufall, dass Vincent in die Mitte des Bildes ein Liebespaar gemalt hat.“
„Ein Liebespaar?“
„Sieh mal, Jana, all die anderen Figuren sind schwarz oder grau, aber die beiden in der Mitte sind orange.“
„Stimmt, vielleicht hätte er gerne mit seiner Geliebten da gesessen.“
„Vielleicht. Stattdessen hat er auf dem ‚Place du Forum’  seine Staffelei aufgestellt und malt ein Bild, das im Jahre 1888 keiner sehen wollte.“
„Du hast mir mal erzählt, dass sein Bruder Theo ihm immer die Farben nach Arles schicken musste, weil keiner seine Bilder kaufte.“
„Und nach seinem Tod haben viele Leute sehr viel Geld mit seinen Bildern verdient. Schade, dass er seinen Erfolg nicht erleben konnte. Aber auf der anderen Seite hatte er ganz viel Freude beim Malen. Du siehst ja, wie toll die Farben sind.“
„Ja, obwohl Nacht ist. Wie die Nacht leuchten kann. Blau und gelb. Meinst du, er hatte Kerzen auf dem Hut, wie du mir aus dem Buch vorgelesen hast?“
„Über Vincent ist viel Blödsinn geschrieben worden. Auch die Story mit den Kerzen auf dem Hut soll eine Legende sein.“
„Er brauchte gar keine Kerzen. Die Lampe auf der Caféterrasse ist so hell, dass der ganze Platz beleuchtet ist. Und die Sterne. Guck mal, wie hell sie leuchten.“
„Vincent hätte sich nicht vorstellen können, dass das Bild mal hier in der Raststätte an der Wand hängt, wo Tag und Nacht so viele Menschen es sehen. Und wer weiß, wo es noch überall zu sehen ist. Das Original kann man in einem Museum  in Holland betrachten.“
„Da möchte ich gern mal hin.“
„Ja, aber jetzt sind wir in der Schweiz, das ist weit weg. Wie damals Vincent fahren wir in den Süden, wo es warm ist und wo die Farben schön leuchten.“
Jana holt ihren Fotoapparat aus dem Rucksack und fotografiert das Plakat vom Nachtcafé.
„Wir könnten doch auch nach Arles fahren und gucken, ob die Sterne da so leuchten, wie auf dem Bild. Da sind bestimmt auch viele Bilder von Vincent zu sehen.“
„Nein, in Arles gibt es keine Bilder von Vincent. Die Leute dort hielten ihn für verrückt und wollten ihn nicht mehr haben.“
„Dann will ich doch nicht nach Arles.“
Im Auto nimmt Jana ihren Zeichenblock und malt ihr Bild vom Nachtcafé.
„Papa, an dem Tisch in der Mitte sitzt du mit Mama. Und hier vorne stehe ich und male euch.“
„Und das helle Gesicht da oben am Himmel?“
„Das ist Vincent. Er lacht die Leute von Arles aus.“

©Renate Hupfeld 09/2003



Dienstag, 28. Juli 2015

König Laurin und sein Rosengarten




König Laurin und sein Rosengarten

Vor sehr langer Zeit lebten noch Riesen und Zwerge auf den Bergen und in den Tälern der Alpen. Im Inneren des riesigen Bergmassivs der Dolomiten, das wir heute Rosengarten nennen, herrschte der Zwergenkönig Laurin über sein unterirdisches Reich. König Laurin war sehr reich. Seine prächtige Rüstung aus hellem Golde glänzte in der Sonne, wenn er auf einem schneeweißen Rösslein durch sein Land ritt.
Zu diesem Reichtum hatte König Laurin noch geheimnisvolle Kräfte: Er hatte eine Tarnkappe, die ihn unsichtbar machte, wenn er sie trug. Außerdem besaß er einen mit Edelsteinen geschmückten Gürtel, der ihm die Stärke von sage und schreibe zwölf Männern gab.
Laurins ganzer Stolz war ein wunderschöner Garten vor den Toren seiner Felsenburg. In diesem Garten blühten das ganze Jahr hindurch prachtvolle Rosen in den schönsten Farben. Das leuchtete vom zartesten Rosa bis zum königlichen Samtrot. Die Rosen verströmten einen betörenden Duft, der jedermann glücklich machte, der sich in der Nähe aufhielt. Damit der herrliche Rosengarten gut geschützt war, hatte hatte Laurin um ihn herum einen Zaun aus goldenen Fäden anlegen lassen. Nur durch ein enges Pförtchen konnte man ihn betreten. Der kleine König wachte höchstpersönlich über diese Pracht. Und wehe dem, der mutwillig darin hereinbrach oder auch nur eine Rose pflückte. Dann konnte der kleine König äußerst grausam sein. Er ließ dem Übeltäter gnadenlos die linke Hand und den rechten Fuß abhacken.
An einem schönen Sommertag machte König Laurin unsichtbar durch seine Tarnkappe mit seinem Wagen eine Fahrt durch die Lande. Dabei erreichte er die Gefilde einer fremden Burg. Der Burgherr hatte eine wunderschöne Tochter namens Simhilde. Als König Laurin das schöne Mädchen auf einer Blumenwiese entdeckte, verliebte er sich bis über beide Ohren. Unbemerkt näherte er sich der schönen Simhilde und nahm sie in seinen Wagen und entführte sie in sein Zwergenreich.
Auf der Burg herrschte Bestürzung und Trauer, als Simhilde verschwunden war. Ihr Bruder Dietrich von Bern machte sich auf die Suche und fand sie nach langer Zeit im Reich des Zwergenkönigs Laurin. Es kam zu einem heftigen Kampf, bei dem König Laurin im Vorteil war mit seiner Tarnkappe und dem Gürtel, mit dem er so stark war wie zwölf Männer. Jedoch konnte Dietrich ihn überlisten und ihm Tarnkappe und Gürtel entreißen.
Simhilde wurde befreit und zu ihrem Vater zurück gebracht. Laurin aber wurde nach Bern ins Gefängnis gebracht. Es gelang ihm jedoch sich zu befreien und zu seinem Schloss mit Rosengarten zurückzukehren.
Dort fand er alle seine Untertanen erschlagen vor. Das machte ihn so traurig, dass er an nichts mehr Freude hatte, selbst nicht an seinem Rosengarten. Da sprach er einen Fluch aus, der besagte, der Rosengarten solle zu Stein werden. Die Rosen sollten für niemanden mehr sichtbar sein, weder bei Tag noch bei Nacht.
König Laurin hatte aber die Dämmerung vergessen. Deswegen können wir auch heute noch immer den wunderbaren Rosengarten sehen, immer wenn an schönen Tagen die Sonne untergeht und die Dämmerung beginnt, leuchtet er weit ins Land hinein und alle Menschen können ihn sehen.



Der Drache vom Kreuzkofel



Der Drache vom Kreuzkofel

Es war einmal ein Drache, der lebte in einer felsigen Höhle im Kreuzkofel. Den Bewohnern des Gadertales machte er schwer zu schaffen, denn sein Maul war so groß und seine Zähne so spitz, dass er Menschen und Vieh auf den Almen spielend auffressen konnte. Jeder, der in seine Nähe kam, verschwand auf Nimmerwiedersehen. Kein Wunder, dass die Leute Angst hatten vor diesem Ungeheuer. Die Hirten trauten sich bald nicht mehr, ihre Tiere auf die Almen zu führen.  Als sich die Menschen gar nicht mehr ins Gebirge trauten, kam das Monster zu ihnen hinunter in die Dörfer, durchpflügte Ställe und Stuben und trieb sein Unwesen. Dem edlen Franz auf seinem Schloss in Enneberg kam das Elend der Menschen im Gadertal zu Ohren. Er hatte die beste Armbrust weit und breit, konnte zielen wie kein anderer und vor allem hatte er Mut. Eines Tages machte er sich auf zum Kreuzkofel und fand die Höhle des Untiers. Mit geöffnetem Maul kam es aus seinem Schlupfloch, doch Franz war schneller. Er zielte den Pfeil mitten ins Herz des Monsters. Laut brüllend fiel es in den Abgrund und die Leute im Gadertal waren befreit. 

Sonntag, 29. März 2015

Mensch, Rüdiger

Woher kam der Knall? Uli Meißner sprang von seinem Schreibtisch auf und lief zur Tür, einige Schüler rannten hinaus auf den Flur. Von oben kamen sie die Treppe hinuntergestürmt. „Da rennt einer rum und schießt wild um sich“, hörte er in dem Gekreische. „Los! Los! Los! Schnell raus hier! Treppe runter! Raus aus dem Gebäude! Alle nach draußen!“ Sie drängelten und schubsten. Kreidebleiche Gesichter, Angst in den Augen. Einige schrieen, andere hielten sich am Arm eines Mitschülers fest und ließen sich mitziehen. Dann war es still im Gang.
Er schaute über die Tische im Kunstraum, wo er gerade noch Unterricht gemacht hatte. Angefangene Aquarelle, Taschen neben den Stühlen und Jacken auf den Lehnen. Den Raum abschließen. Auch den benachbarten Materialraum verschloss er. Oder sollte er doch lieber die Türen offen lassen wie beim Feueralarm? Einen Augenblick lang war er völlig ratlos. Ob wirklich alle draußen waren? Sollte er noch mal oben nachsehen? Was würde ihn erwarten nach all den Schüssen und den entsetzlichen Schreien? War es überhaupt richtig gewesen, die Schüler hinauszuschicken? Totenstille jetzt.
Die Tür des Physikraums stand offen. Er schaute hinein und wich entsetzt zurück. Die Kollegin saß auf ihrem Stuhl, den Kopf auf dem Tisch. Große Blutlache. Daneben auf dem Boden lag eine Schülerin leblos in ihrem Blut. Hilfe musste her, ganz schnell. Er rannte zum Fenster an der Treppe und riss es auf. Polizei- und Ambulanzwagen unten auf der Straße.
„Hilfe! Notarzt! Sanitäter! Kommen Sie! Ganz schnell!“, schrie er hinaus.
„Was tun Sie noch da oben?“, brüllte ein Polizist. „Verlassen Sie das Gebäude! Sofort!“ 
Was wussten die denn da draußen? Sie verstanden gar nichts. Er konnte jetzt nicht einfach weglaufen. Wahrscheinlich waren die beiden tot. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht waren sie nur bewusstlos. Was sollte er nur tun? Erste Hilfe hatte er nicht geübt. Am Ende machte er alles nur noch schlimmer.
Das war doch was. Schlurfende Schritte. Er drehte sich herum und erstarrte. Ein schwarzes Phantom fuchtelte mit einer Pistole herum, stieß sie ihm zwischen die Rippen. Er ging rückwärts, das Monster hinterher. Durch die Sehschlitze der Maskierung hindurch fixierte er die Augen des Vermummten und konnte erkennen, wie sie hektisch hin- und herzuckten. Nicht schwach werden jetzt. Aufrecht stehen, so gut es ging mit den schlotternden Knien. Aus Gewohnheit versuchte er, den Schlüsselbund in die Hosentasche zu stecken, den er immer noch in der Hand hielt. Dabei merkte er, dass seine Finger fürchterlich zitterten, sodass er immer daneben griff. Endlich geschafft. Die Nerven. Ihm wurde übel. Ja nicht umfallen. Durchhalten. Er zwang sich, weiter den Maskierten zu fixieren. Da spürte er, wie der Druck der Pistole ein wenig nachließ. Ihm war sogar, als ob auch dessen Finger heftig zitterten. Plötzlich zog sich der Schwarze die Maske vom Gesicht. Der Lehrer erkannte seinen ehemaligen Schüler.
„Mensch, Rüdiger, du? Hast du das alles gemacht? Hast du geschossen?“
Schwer atmend drückte der Demaskierte ihm die Pistole fester auf das Brustbein. Eigentlich müsste Uli Meißner die Nerven verlieren, hing doch sein Leben an diesem kleinen Abzugshebel, den der Finger einer zitternden Hand jeden Moment auslösen konnte.
‚Ich stecke in der Falle’, dachte er sich, ‚jede Bewegung kann tödlich sein.’
„Erschieß mich, aber sieh mir in die Augen dabei.“ Ganz ruhig sagte er das.
Nach kurzem Zögern ließ der Angreifer den Arm mit der Waffe sinken.
„Erst einmal reicht’s, Herr Meißner.“
„Besser ist das. Und nun? Was hast du nun vor?“
„Wenn ich das nur selbst wüsste.“
Immer die gleiche Frage, immer die gleiche Antwort. Und jetzt dieses unfassbare Grauen.
Uli Meißner gelang es, sein Entsetzen zu verbergen. „Da hast du dich ganz gewaltig in die Scheiße geritten und bist so was von ratlos“, sagte er. „Wie willst du nur rauskommen aus diesem Desaster?“
Wie ferngesteuert nestelte er in der Hosentasche, fand den gesuchten Schlüssel zwischen all den anderen und umklammerte ihn. Er ging die paar Schritte zum Materialraum, öffnete die Tür und ließ sie offen stehen. Der Amokschütze war ihm gefolgt und schaute ein wenig verlegen hinein.
„Wie lange ist das jetzt her, Rüdiger? Weißt du noch?“
„Ja, ich erinnere mich. Sie fanden meine Bilder nicht schlecht. Das Plakat in Schwarzweiß. Nicht einmal der Totenkopf hat Sie geschockt.“
„Obwohl ich mich immer gefragt habe, warum du so düstere Bilder malen musstest. Schwarz war deine Lieblingsfarbe. Besonders Friedhöfe hatten es dir angetan.“
„Eins meiner Gräberfelder hatten Sie sogar im Materialraum ausgestellt. Hängt das da noch?“
„Schau nach. Hier kennst du dich doch aus.“
Rüdiger ging hinein und ließ sich erschöpft auf den Stuhl fallen, Uli Meißners Stuhl vor dem großen Tisch, an dem er immer saß, Bilder der Schüler zum Benoten auslegte, Skizzen und Berichte erstellte, seit vielen Jahren seine Rückzugsoase im nervenaufreibenden Schulbetrieb.
„Ich bin sofort zurück“, sagte der Lehrer und schloss von außen ab.
Immer noch den Schlüsselbund in der Hand, lief er den Gang entlang zur Treppe. Da kamen sie schon heraufgestürmt, zwei, drei Männer mit vorgehaltenen Waffen.
„Ist er hier?“, fragte einer. „Haben Sie den Täter gesehen?“
„Ja, aber holen Sie schnellstens Hilfe, dorthin.“ Er zeigte auf die Tür des Physikraums.
„Ist schon unterwegs. Wo ist er? Wir müssen das brutale Schwein finden, bevor es noch mehr Tote und Verletzte gibt.“
„Kommen Sie mit“, forderte der Lehrer die Männer auf. Sie folgten ihm. „In dem Raum ist er. Ein ehemaliger Schüler. Nehmen Sie diesen Schlüssel. Äußerste Vorsicht, der junge Mann ist schwer bewaffnet.“
In dem Moment fiel drinnen ein Schuss.
Uli Meißner ließ sich von einem der Männer wegführen.

© Renate Hupfeld 2010




Freitag, 27. März 2015

Warum sehen sie so normal aus?


Auf dem Parkplatz an der Einfahrt zum Gelände des alten Rittergutes stellt Hannah ihr Auto ab. „Schule in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie“. Hier arbeitet sie seit vielen Jahren. Einige Jungen und Mädchen sind schon Zigarette rauchend in Richtung Schulgebäude unterwegs. Warum sehen sie eigentlich so normal aus, denkt Hannah. Ihre Lerngruppe besteht aus fünf  intelligenten jungen Menschen zwischen siebzehn und zwanzig Jahre alt. Punkt acht Uhr sitzen sie an ihren Tischen, die Blicke auf Hannahs Pult gerichtet. „Diderich Heßling – ein durchtriebenes Kind“ steht an der Wandtafel. Textausschnitte aus einem Roman von Heinrich Mann werden untersucht. Starker Vater, schwache Mutter, das Kind hat Lustgefühle, wenn der Vater es verprügelt, finden die Schüler heraus.
Kurz vor Ende der Deutschstunde wird die Tür des Klassenraums geöffnet. Stefan aus einer anderen Welt. Hannah wundert sich über sein Outfit, billige Jeans und Anorak. Ganz anders als während der Skifreizeit im Allgäu. Stefan mit großem Koffer und einem Schrank voller feinster Klamotten. Sie selbst hatte sich ein Kashmere Sakko für einen Restaurant Besuch bei ihm geliehen. Angeblich Geschenk seiner Mutter.
Hannah beendet die Unterrichtsstunde, formuliert eine Hausaufgabe und schickt die Schüler in die Pause. Stefan steht am Fenster Klassenraums und schaut in Richtung Schulgarten. So wird sie diesen hübschen Jungen in Erinnerung behalten. Später wird sie Bilder von der Skifreizeit betrachten und fest stellen, dass er auf fast allen ihren Fotos zu sehen ist. Stefan bei der Wanderung im Schneetreiben, Stefan im Lift und mit schwarz-weiß geschminktem Gesicht am Abschlussabend.

Dir geht’s schlecht, sagt Hannah.
Ich will wieder in die Schule.
Du kennst unsere Regeln. Wenn du clean bist, kannst du wieder am Unterricht teilnehmen.

„Diderich Heßlings Entwicklung zum Untertan“ schreibt Hannah am nächsten Morgen an die Tafel. Sie gibt den Schülern ein Arbeitsblatt mit Aufgaben und Hinweisen. Während die Gruppe arbeitet, klingelt das Telefon auf Hannahs Tisch.
Stefan ist tot. Er wurde in einem Stundenhotel in der Nähe des Dortmunder Hauptbahnhofs gefunden. Überdosis.

Renate Hupfeld am 24. August 2002  während des Arnsberger Kunstsommers im Workshop „Kurze Texte“ mit Michael Klaus 

Montag, 9. März 2015

Holly und die Second



Pastor Sundermeier meint es ja gut, doch er kann mir nicht helfen. Was versteht der schon? Überlege dir gut, was du tust, Holly, hat er gesagt.
Da ist nichts mehr zu überlegen, Herr Pastor. Ich habe mir das gut überlegt und alles bestens vorbereitet. Es gibt keinen anderen Weg. Ich habe getan, was ich konnte. Immer treu zu ihm gehalten, ihm aus der Patsche geholfen, als er den Job verloren hatte, mich um den ganzen Scheiß in Haus und Garten gekümmert, geputzt, gewaschen, eingekauft, gekocht, jeden Morgen seine Sachen weggeräumt, Schuhe im Wohnzimmer eingesammelt, in den Schuhschrank gepackt, seine Hemden gebügelt, Socken sortiert wie blöde. Wie er es wollte. So, wie es sich gehört. Selbst diese neuen Boxershorts hab ich fein zusammengelegt. Mehr geht nicht.
Was Manfred dazu sagt?
Nichts. Gar nichts. Wie denn auch? Midlife ist angesagt.
Verstehst du nicht?
Dachte ich mir. Mitternacht ist längst vorbei und der ist immer noch nicht in seinem Bett. Das ist Midlife.
Wo er ist?
Fitnessstudio oder Tennis, was weiß ich denn? Mich geht das doch nichts an, sagt er, und schon gar nicht seine Geschäftsreisen. München, Hamburg, Berlin und Frankfurt. Ein ganz neues Outfit und Duftwasser hat er sich zugelegt, Hemden nicht mehr von P & C, sondern von diesem Laden in der MyZeil. Der stellt sich doch tatsächlich mit den Kids vor den Eingang mit den Sixpack Beachboys, um sich das Zeug zu beschaffen. Was sagst du dazu, Pastorchen? Fast fünfzig Jahre alt und wartet geduldig in der Schlange, wo allerhöchstens mal Papas für ihre Kleinen Mitbringsel besorgen, zum Beispiel T-Shirts oder Hemden mit diesem Label. Frei wie ein Vogel. So weit ist es mit ihm gekommen.
MyZeil kennst du nicht?
Woher auch? Macht ja nichts.
Neuerdings zieht es ihn auch in Diskotheken. Wahrscheinlich nicht alleine. Interessiert mich gar nicht, mit wem er sein Spielchen treibt. Mit mir jedenfalls nicht mehr.
Meine Phantasie geht mit mir durch?
Stimmt, geht sie, doch anders, als du es dir vorstellen kannst.
Durststrecke im Leben? Gute und schlechte Tage?
Hör auf mit diesem Durchhaltequatsch, kleiner Pastor. Du machst es dir einfach, stellst dich auf die Kanzel und schaust in fromme Gesichter. Nichts gegen deine Predigten, doch die sind in den Wind gesprochen. Du hörst auch nicht, wie sie übereinander herziehen, hinterher, wenn sie das Gotteshaus verlassen, wo du Nächstenliebe predigst. Wer weiß, was sie über mich reden. Und weißt du, was mir klar geworden ist? Am Sonntag in der Kirchenbank knien und in das ewige Licht glotzen bringt mir nichts.
Glotzen ist zu heftig?
Na gut, nehme ich zurück. Verklärt gucken trifft es auch. Ich jedenfalls nicht mehr. Und was ich dir schon immer sagen wollte: Dein Landfrauenverein ist nicht meine Welt. Radeln für einen guten Zweck hört sich zwar als Aufhänger im Blättchen gut an, doch das geht auch ohne mich. Und Kuchen backen für den Missionsbasar können sowieso andere besser. Ich bin keine Landfrau.
Vermitteln willst du, mit Manfred reden, ihn fragen, warum er in der Gegend herumturnt, anstatt in seinem Hause bei Holly?
Vergiss es. Ich habe gearbeitet, wird er dir antworten. Lügen, alles Lügen. Frag ihn lieber, warum er sich diesen verdammten Stress macht.
Du findest ihn ganz nett und glaubst ihm, dass er viel Arbeit hat?
Eigenartig. Alle, die ihn nicht kennen, finden ihn okay und charmant. Naiv bist du, Sundermeier, kannst dir nicht vorstellen, dass er das Graue vom Himmel runterlügt. Was verstehst du von Midlife?
Jetzt schweigst du.
Es kommt noch schlimmer. Mit mir hat das nichts zu tun, hat der gesagt. Knaller, findest du nicht? Um sein Leben geht es, um nichts anderes. Das fließt ihm unter den Händen weg. Und er hat nur eins. Ja, ja. Leben will er endlich. Mit mir hat das gar nichts zu tun. Was sagst du dazu?
Ich soll nicht zynisch werden? Warum fragst du nicht, warum ich diesen Schwachsinn jahrelang ertragen habe? Ich bin nicht zynisch, nur entschlossen. Weißt du, was das heißt, Pastorchen? Ich hab auch nur ein Leben. Stell dir vor: Mit dem mach ich, was ich will.
Trotzdem noch ein Gespräch versuchen?
Mach dich nicht lächerlich. Was glaubst du denn, wie viele Stunden ich am Fenster auf diesen Nichtsnutz gewartet habe? Und wie viele Seiten meine dicke Chinakladde dabei ertragen musste? Aus und vorbei. Ich weiß, was ich zu tun habe.
Nicht alles wegschmeißen? Ich könnte es bereuen?
Was denn? Wo nichts ist, kann ich nichts wegschmeißen und da gibt’s auch nichts zu bereuen. Und komm mir nicht mit Gottvertrauen. Den geht das schon mal gar nichts an. Der soll sich raushalten aus meinem Leben. Okay?
Der wird die Sache schon in die richtige Bahn lenken, meinst du?
Ha! Ha! Du bist ja hartnäckig. Das sehe ich wie die Courage. ‚Der Mensch denkt: Gott lenkt.’ Doppelpunkt anstatt Komma zwischen ‚denkt’ und ‚Gott’. Selbst die Dinge in die Hand nehmen, denn von ‚Gott lenkt’ kann keine Rede sein, sagt sie, die weise Courage.
Nie gehört? Brecht kennst du nicht? Auch gut.
Bis der Tod …?
Das musste ja jetzt noch kommen, wusste ich es doch. Dein letzter Trumpf. Du ziehst aber auch alle Register. Mir ist schon klar, was du damit meinst. Ich weiß, was ich zu tun habe, bin frei wie ein Vogel.
Du wirst für mich beten?
Wohlmöglich sogar in der Kirche. Ich höre sie schon tuscheln.
Die kleine Holly aus dem Neubaugebiet wirst du vermissen?
Ach, du bist ja süß. Ich dich auch. Good bye, Meierchen. Mein Taxi steht vor der Tür. Bei Sonnenaufgang werde ich im Flieger sitzen, sieben Stunden später in der U-Bahn nach Upper Midtown Manhattan und zum Frühstück bei Starbucks auf der Second. 

Mehr davon? Taschenbuch und eBook ► Wenn wir von Liebe reden


Montag, 23. Februar 2015

Missgeschick im Mittagstal



Heute wollen wir vom Grödnerjoch aus entlang des Sellamassivs oberhalb der Baumgrenze zum Wasserfall und durch das Mittagstal zurück wandern. Dazu nehmen wir nicht die Gondel, sondern laufen hoch zur Passhöhe. Der Weg führt zunächst gemächlich, später etwas steiler durch Wiese und Wald und gibt beim Blick zurück das ganze Panorama mit Passstraße und dem idyllisch eingebetteten Colfosco und dessen Hausberg Sassongher. Bevor wir uns auf der Terrasse des Restaurants „Frara“ auf der Passhöhe einen Cappuccino gönnen, haben wir den unvergleichlichen Langkofel fotografiert und uns bereits umgesehen, wo wir in unsere Route einsteigen können.
Der Wanderweg 666 beginnt unmittelbar hinter dem Restaurant „Frara“ oberhalb der Passstraße. Als harmloser schmaler Pfad schlängelt er sich hinauf und führt uns schnell auf eine Höhe, von der aus wir das ganze Panorama mit Cirjoch, der Dantercepies Bergstation, Jimmy Hütte, Almen mit Heustadeln, Passstraße und mitten darin unsere Cappuccinoterrasse vor Augen haben. Auf vielleicht halber Höhe des Sellamassivs gehen wir dann eine ganze Strecke weit ziemlich eben in  Richtung Colfosco und Corvara, umgeben von Bergblumen in Rot, Blau, Gelb und Weiß, links der Abgrund, mal steil mal sanfter, rechts der schroffe Fels des mächtigen Sella und inzwischen unter uns das liebliche Tal mit Colfosco und Sassongher.
Der Pfad wird schroffer und dann kommt die Stelle, an der wir den Wanderweg 666 verlassen und auf der 29 weiter wandern in Richtung Wasserfall. Der Blick zurück zeigt uns Passstraße, Almen und Cirspitzen unter felsigem Abgrund und der Blick nach vorne lässt Sassongher, Colfosco mit unserem Mesoles und Corvara näher rücken. Dann hören wir ihn schon, den Wasserfall, und sehen ihn auch bald. Oben rechts über ihm klebt eine ganze Kette von winzig kleinen Kletterern, die sich in Serpentinen den Felsen hinaufkämpfen zum See und zur Pisciaduhütte. Wir überqueren den vom Wasserfall gespeisten Bach, füllen unsere Trinkflaschen, suchen uns einen schönen Sitzfelsen und machen erst einmal Picknick.
Danach wird der Weg noch einmal richtig schön, rechts und links Bäume und ein Flickenteppich in Grün, Grau und Rot bis zum Schild, auf dem wir lesen, dass wir nach Colfosco noch eine Stunde und zehn Minuten zu wandern haben. So lange? Das kommt uns lang vor, zumal unser „Mesoles“ links unten zum Greifen nah scheint und vor uns bereits die gewaltige Felswand des Mittagstales aufragt. Wir steigen ein in den unteren Teil dieses berühmten Tales. Und der Abstieg hat es in sich. Wir befinden uns plötzlich in einem Labyrinth aus Felsen, in dem wir an manchen Stellen vergeblich nach Orientierung suchen. Entweder ist die Lücke zwischen den Brocken zu eng oder gar keine zu finden und in jedem Falle zu hoch und zu steil. Mit Suchen und Probieren kommen wir langsam tiefer. Es geht einigermaßen, bis mir ein Missgeschick passiert, das mir einen Moment lang den Schock in die Adern treibt. Die Sohle eines meiner Schuhe hat sich gelöst, hängt nur noch vorne am Zeh und klafft gefährlich auseinander. Ich schau zu Georg hinüber. Ihm steht der Schreck im Gesicht geschrieben. Ohne Sohle läuft in diesem schroffen Gelände gar nichts. Holt mich hier raus! Mit zitternden Händen binde ich mit dem Schnürband das Teil am Schuh fest und hoffe, dass es hält  und nicht an den scharfen Steinen durchscheuert. Weiter absteigen, es gibt ja keinen anderen Weg. Es scheint gut zu gehen. Ganz langsam kommen wir hinunter, bis zum nächsten Missgeschick. Der zweite Schuh macht dieselben Sohlensperenzchen.  Ich könnte schreien, doch Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Auch dieser Bösewicht wird in gleicher Weise mit dem Schnürband behandelt, das heißt, meine Schritte werden noch vorsichtiger. Konzentration pur ist angesagt. Und durchhalten, denn wir haben unser Ziel noch lange nicht erreicht, auch wenn wir es schon prima sehen können. Es geht noch ein gutes Stückchen steil abwärts. Wir kämpfen uns langsam hinunter und erreichen nach einer gefühlten Ewigkeit den sicheren Spazierweg, der uns nach einer erstmaltiefdurchatmen Bankpause zum unteren Teil des Wasserfalls führt, dem touristischen Bereich. Der ist schön präpariert, sodass ich es sogar wage, auf notdürftig festgebundenen Sohlen die paar Höhenmeter hochzusteigen. Schließlich gelangen wir quer über die Wiese und durch ein Wäldchen zur Herberge, auf deren Terrasse wir unseren Herrn Lanzinger mit der Geschichte erheitern und uns ein kühles Skiwasser genehmigen. Ja, das Mittagstal ist nicht einfach und sie müssten da mit den Wanderwegen viel mehr machen, meint er.

Text und Foto: (C) Renate Hupfeld 08/2013 


Mehr davon in: Sechs Wanderungen in den Dolomiten


Freitag, 20. Februar 2015

Rot oder Schwarz?




Der kleine Mann steht da, als schaute er von seinem Stern in eine andere Welt, wartet und ich bin mir gar nicht sicher, ob ich überhaupt was von ihm will. So drücke mich ein bisschen hinter meine Freundin und schau mal, was da kommt. Als Steffi ihn anredet, wird er ganz schnell aktiv, nimmt ein paar Skier aus dem Gestell, packt sie vor sie hin, nickt und redet kurz mit ihr. Dann geht er mit den Brettern zu einem Werktisch schraubt einen Ski fest, setzt einen Skischuh, den Steffi gerade ausgezogen hat, in die Bindung, schraubt ein bisschen, macht dasselbe mit dem anderen Ski und drückt ihr Skier und zwei Stöcke in die Hand. Flugs kommt er zu mir, fragt, wie ich Ski fahre, ich sage, gut, Gewicht 49 Kilogramm, Alter sweetsixty, aber danach fragt er nicht, packt sich ein paar Bretter, stellt sie vor mich hin, leicht, meint er und will einen Skischuh. Schnell ziehe ich den rechten aus, er nimmt ihn mit zum Werktisch, macht blitzschnell seine Schraubarbeit und flugs habe ich Skier und Stöcker in den Händen. Dann geht der Kleine an die Kasse hinter der Theke, redet kurz mit meiner Freundin, schreibt was auf und schon stehen wir draußen im Schnee.
"Was hast du dem kleinen Mann bezahlt?", frage ich, als wir mit Brettern unter dem Arm und Stöcken in der Hand die Straße lang zur Gondelstation wandern.
"Gar nichts, er wollte nur wissen, wo wir wohnen."
"Aha! Immerhin, also nicht vom anderen Stern, sondern souveräner Verleiher von Material an Skitouristen.”
“Wie bist du denn drauf?”
“Ach, vergiss es, ich bin ein bisschen durch den Wind heute.”
“Keine Panik. Wir lassen langsam gehen, ist ja der erste Tag, da müssen wir mal schauen, wie es läuft.”
Früher hätte ich das gesagt, um sie zu ermuntern, weil sie nie in die Gänge kam. Und jetzt? Ist das überhaupt noch mein Sport? Da stehen wir schon in der Schlange vor dem Ticketbüro, den Superdolomiti kaufen, Steffi den normalen, ich inzwischen den mit Seniorenrabatt, und dann geht’s hoch auf den Piz La Ila. Wenn ich mit diesen Dingern nicht klar komme, war’s das für mich mit Ski fahren. Meine uralten gelbschwarzen Atomic, seinerzeit das Non plus Ultra, verlässlich in jeder Piste, hab ich gar nicht erst mitgenommen, nachdem sie mich im vergangenen Jahr im Stich gelassen haben, zu lang, zu schwer, zu schwerfällig, vielleicht auch ich, doch egal.. Nix mehr für meine alten Beine. Wie ein Depp bin ich über die Pisten gehampelt. Und der Supergau war, als ich bei gut präparierter Piste und strahlendem Sonnenschein in der Saslong auf den Hintern gerutscht war, nicht mal ein Sturz, nur auf den Hintern gerutscht und nicht mehr hoch kam. Immer wieder sackte ich in den Schnee, es war wie verhext. Ein Mann half mir schließlich aus der Patsche, packte meinem Stock, zog mich hoch fragte mit besorgter Miene, ob alles okay wäre, ich sagte, das sei es und quälte mich Kurve für Kurve die schwarze Piste hinunter, die ich sonst immer forsch hinuntergesaust war.
Schweigend latschen wir mit Superdolomiti, gut in den Jackentaschen verstaut, zur nächsten Schlange, die an der Gondel. Es geht jedoch zügig weiter und irgendwann sitzen wir drin und ruckeln los. Steffi fragt erst gar nicht, was ich nun für ein Gefühl habe, hat sich ja auch mein Genöle lange genug angehört, mir dringend geraten, leichtere Bretter zu leihen, und will jetzt nur noch Ski fahren. Sie kommt schon seit mehreren Jahren mit Leihmaterial super zurecht. Still sitzt sie nun mir gegenüber in der Gondel und wir schauen hinunter auf die schwarze Siebzehn, als Weltcuppiste “Gran Risa” bekannt. Idyllisch am Hang etwas oberhalb vom Dorf liegt auch das schnuckelige Häuschen, in dem wir eine kleine Wohnung gemietet haben, direkt von der Schwarzen aus zu erreichen, für mich wohl utopisch heute.
Wir stehen im grellen Sonnenlicht, als wir oben das Liftgebäude verlassen. Bretter an einer flachen Stelle in den Schnee legen, Helm und Sonnenbrille richten, Handschuhe anziehen, Hände in die Stockschlaufen und Schuhe in die Bindung. Da geht’s schon los. Mit dem rechten Schuh geht das ganz gut, doch der Linke will einfach nicht einrasten. Ich versuche, versuche und beginne zu schwitzen, komme mir total blöde vor. Ein junger Mann will helfen. Wie peinlich! Was soll der von mir denken? Alte Dame sieht nicht ein, dass dieser Sport nichts mehr für sie ist, zum Beispiel. Ein beherzter Hackentritt bringt endlich das erlösende Klickgeräusch. Ich stehe auf den Skiern, Brille und Hände ordentlich gerichtet, könnte eigentlich loslegen, hab aber überhaupt kein Gefühl für Ski und Piste. Was ist nur aus mir geworden? Sonst immer die erste am Hang, keiner zu lang und keine Abfahrt zu steil. Und jetzt dieses Elend..
Steffi ist schon lange fix und fertig, wartet schon eine ganze Weile, schaut sich ab und zu nach mir um und bleibt geduldig stehen. Früher war sie es, die immer so einen Zirkus veranstaltet hat, bevor sie in die Gänge kam und jetzt gibt sie den Ton an. Unglaublich. Langsam setzt sie sich in Bewegung, mich wie einen lahmen Gaul hinter sich herziehend. Im flachen Gelände ein bisschen Schuss, ein bisschen steigen, ein bisschen Schrägfahrt bis zum nächsten Lift, das ist ein Vierersessel. Es ist aber so leer, dass wir einen für uns haben.
“Nun?”, fragt Steffi.
“Geht doch", antwortet sie selbst.
Sie soll mich ja nicht weiter löchern mit Fragen wie ich klar komme oder Ähnlichem. Es reicht. Und es ist doch beruhigend, dass unsere Bretter jetzt fein nebeneinander auf den Stegen liegen und gut aussehen, Steffis weiß mit rot meine schwarz mit neongelbem Streifen in der Mitte, vorne und hinten ziemlich breit, das heißt stark tailliert, Bindung in leuchtendem Hellgrün, irgendwie gutmütig sehen sie aus, ja, gutmütig, das sind sie eigentlich auch, wie der kleine Mann vom anderen Stern, der sie für mich herausgesucht hat. Ich hab zwar die Kante noch nicht gefunden, aber das geht nur auf schwierigeren Pisten. Wir fahren ja zurzeit nur die einfachen Touren im Skigebiet und ruhen uns in den Sesseln immer wieder aus.
Schließlich wagen wir uns über Cherz und Campolongo auf den Boé und nehmen die rote Eins nach Corvara. Ich nehme Fahrt auf, heize über Buckel und durch Verwehungen, nehme die Kurven so eng wie möglich, wie ich es früher immer gemacht habe, ja nicht die Hänge ausfahren, sondern immer entlang der Falllinie. Wie befreit sitze ich nachher im Sessel, der uns zur Col Alto Gondel bringt. Weiter geht es noch ein paar Sessel, bis wir dann wieder an der Liftstation des Piz La Ila stehen. Rot oder schwarz? Also rote Siebzehn, die unten im Ort ankommt  oder die schwarze, die Gran Risa. Rot bedeutet, mit Skiern auf dem Buckel den Hang hoch zum schnuckeligen Häuschen laufen, schwarz mit elegantem Einkehrschwung direkt bis vor das kleine Holzhüttchen am Haus, in das wir die Skier stellen können. Vor einigen Stunden hätte ich mir nur die rote Variante vorstellen können.
“Na, was meinst du, kleine Helene?", meint Steffi und guckt mich an wie ein geduldiges Schäfchen, das sie heute ja auch ist. “Vor einiger Zeit wäre das ja gar keine Frage gewesen. Schwarz hätte dich magisch angezogen."
“Und das ist nicht vorbei. Es gibt nix zu entscheiden. Der kleine Mann im Skiladen hat zwar nicht viel geredet, aber er hat mir zwei sympathische Geister geschenkt. Die werden mich die Gran Risa herunterbringen.”

“Dann fahr du vor”, meint Steffi. “Ich kenne dich doch. Wenn du erst einmal in Fahrt bist.”

(C) Renate Hupfeld 02/2015

Mehr Dolomitengeschichten in: Sechs Wanderungen in den Dolomiten


Sonntag, 18. Januar 2015

Therapeut



Lautlos ging sie zwischen Trümmern und Schutt. Es war sehr dunkel in dieser Nacht. Ein kleines, weißes Licht in der Ferne reichte jedoch, um zwei seltsame Gestalten zu erkennen. Eine dicke Frau saß auf einem Stein und glotzte in das Dunkel. Neben ihr lag ein erbärmlich aussehender Mann im Staub. Sie blieb bei dem Pärchen stehen, aber nur kurz, denn es zog sie weiter, dem weißen Licht entgegen. Je näher sie kam, desto größer wurde es. Sie erreichte einen Strand, an dem die Brandung leise rauschte. Das Gehen war anstrengend, denn bei jedem Schritt sank sie im weichen Sand ein.
„Hallo“, sagte ein winziges Stimmchen. Es gehörte zu einem Mädchen mit großen, traurigen Augen.
„Hallo, du kleines Wesen. Warum sitzt du hier so mutterseelenallein am Strand?“
„Ich warte. Und du? Bist du gekommen, um das böse Lächeln zu sehen?“
„Ich weiß nicht, warum ich hier bin.“
Da war das Kind plötzlich verschwunden. Aber das weiße Licht war jetzt ganz nah. Sie erschrak, als es mit einem Knall in flackernde Lichtstäbe zerfiel, die von  der Mitte her nach außen schwebten und sich in Schwerter verwandelten. Immer neue weiße Schwerter bewegten sich in dem dunklen Raum, blitzten in so schnellem Stakkato, dass ihr schwindlig wurde und sie ohnmächtig in den Sand fiel.

Als sie zu sich kam, spürte sie ein schweres Gewicht auf ihrer Brust. Sie versuchte es wegzudrücken und sich aufzurichten, aber vergeblich. Unter der riesigen Masse war sie nahe daran zu ersticken. Ein Tier schnupperte in ihrem Gesicht. Sie wollte schreien, aber kein Laut kam heraus. Als es mit seiner kalten, nassen Schnauze ihren Mund berührte, zuckte sie zurück. Mit starken Beinen drückte es ihre Schenkel auseinander, drang in sie ein und bewegte sich in ihr, hektisch atmend, so lange, bis es schwer auf ihr zusammensackte. Dann wälzte es sich herunter. Brechreiz stieg in ihr hoch, sie würgte.
„Mein Baby wacht auf.“ Da sprach ein Mann in dem ohrenbetäubendem Hämmern von Instrumenten und Wortfetzen. Im nächsten Moment wurde es still. Als sie sich aufrichtete, wurde ihr klar, dass sie in eine Falle geraten war.
„Du verdammtes Schwein“, schrie sie. „Was hast du mit mir gemacht?“
Splitternackt saß sie im Halbdunkel. Eine flackernde Kerze war die einzige Lichtquelle. Sie wollte weglaufen, fühlte sich aber zu schwach und fand nicht einmal mehr Worte. Auf dem Boden entdeckte sie ihre Jeans. Der fremde Mann ließ zu, dass sie sich anzog, was eine Weile dauerte, weil sie stark zitterte.
„Es war doch auch für dich schön.“
„Nein“, sagte sie. Das klang nicht so wütend, wie sie es eigentlich sagen wollte.
„Widerliches Subjekt.“
„Aber nicht doch.“
Breitbeinig stand er vor ihr, so dass sein Penis fast ihr Gesicht berührte. Sie drückte sich in das Rückenpolster und versuchte die Tränen zurückzuhalten. Dieses nackte Ungeheuer hatte sie auf diesem schäbigen Sofa vergewaltigt und sie wusste nicht einmal, wo sie war und wie sie hierher gekommen war.
Sie atmete auf, als er sich von ihr entfernte und sich in den Sessel neben dem Sofa setzte. Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute er sie an, als erwartete er etwas von ihr. Ihr war übel und sie fühlte sich schwach, wohl im Gegensatz zu ihm. Er genoss sichtlich seinen Triumph.
„Du kennst mich, Linda.“
Woher wusste der Scheißtyp ihren Namen? Ihre Wut verwandelte sich langsam in Beklemmung. An was für ein Monster war sie nur geraten? Kannte sie diesen Mann? Sein Gesicht mit den  fleischigen Wangen und diesem verkniffenen Ausdruck in den Augen? Dieses Verschlagene, das man nicht knacken konnte? Das alles kam ihr bekannt vor, aber ihr fiel keine Person dazu ein. Offensichtlich wusste er einiges über sie. Hatte sie mit ihm zu tun gehabt? Wenn überhaupt, dann in der Klapse. Mein Gott, wie viele Figuren hatte sie da schon vor sich sitzen gehabt?
„Michi sagten meine Freunde, du sagtest Michael.“
Sein triumphierender Blick gepaart mit ihrer eigenen Ohnmacht machte sie fast wahnsinnig.
„Immer noch keine Erinnerung?“, fuhr er fort und weidete sich an ihrer Ungewissheit  „An deiner Stelle würde ich mich auch nicht gerne erinnern. Überleg doch mal. Wer ist Michi?“
Er wartete eine Weile.
„Na, ich helfe dir.“
Ihre Schwäche wich langsam der Einsicht, dass sie sich irgendwie aus dieser bizarren Situation befreien musste. Bevor ihr etwas dazu einfiel, redete er auch schon weiter.
„Es war einmal ein kleiner Junge“, begann er. „Der hatte jeden Tag einen kleinen Steifen in der Hose. Schau, so.“ Dabei nahm er sein Glied zwischen die Hände und rieb daran, bis es steif zwischen seinen Beinen stand.  
Linda blickte demonstrativ gelangweilt.
„Diesen kleinen Steifen drückte der Junge mehrmals täglich seiner viel jüngeren Schwester zwischen die Beine.“
Er schaute erwartungsvoll, ob sie sich nun wohl erinnerte. Sie ahnte etwas, aber ihr fehlten immer noch die Worte.
„Penetrieren nanntest du das und wolltest es immer wieder hören, wie die Kleine schrie beim Penetrieren und wie meine Mutter währenddessen nebenan auf dem Sofa vor dem Fernseher lag und nichts merkte, weil sie glaubte, wir hätten einen Streit unter Kindern. Immer wieder musste ich dir erzählen, wie ich penetrierte, wie meine kleine Schwester schrie und wie meine Mutter nichts merkte, immer wieder.“
Penetrieren. Da sah sie ihn plötzlich, diesen linkischen Jungen. Vierzehn war er gewesen, zehn Jahre musste das jetzt her sein. Und seine Schwester, erst vier Jahre alt, klein und verängstigt in die Sofaecke gedrückt. Daneben die fette Mutter, die nichts geblickt und sich nie gewehrt hatte, wenn die Freier ihre perversen Gelüste an ihr auslebten.
Ein Kotzbrocken war er damals schon gewesen, unterschwellig aggressiv und unattraktiv, Hängebacke hatte sie ihn insgeheim genannt. Sie hatte nicht an eine Besserung seines Verhaltens geglaubt und dafür gesorgt, dass er in den Jugendknast kam. Und jetzt trieb er weiter sein Unwesen, nichts gelernt hatte er.
Seine Aggressionen waren nicht zu unterschätzen. Ja nicht zu sehr reizen, dachte sie. Wenn man etwas Unangemessenes tat, wurden diese Leute unberechenbar. Hatte sie doch genug Ausraster erlebt in all den Jahren. Klar hatte sie auch Fehler gemacht, aber es war ihre Stärke, in prekären Situationen den Überblick zu behalten. Die Opferrolle war ihr fremd. Und jetzt saß sie hier, gefangen in einem dunklen Raum und hoffte, dass die Kerzenflamme nicht erstickte.
„Du konntest gar nicht genug davon kriegen. Wenn ich erzählte, hattest du ein Lächeln im Gesicht und deine blauen Augen leuchteten …“
„Ja, ich erinnere mich“, unterbrach sie ihn. „Du kamst in den Jugendknast. Und wie ging es danach weiter?“
 „Entlassen wegen guter Führung, schon nach einem halben Jahr.“
Typisch für einen wie diesen. Heuchler!
„Und nach dem Knast?“, fragte sie.
„Habe ich einen Aushilfsjob bei der Stadtgärtnerei gefunden. Den mache ich immer noch und halte mich damit über Wasser. Übrigens wohne ich in der Nähe vom Havana, wenn dir das was sagt.“
Ihr Stammlokal. Was wusste der denn noch alles?
„Und wie …?“
„Wie du hierher gekommen bist? Ganz einfach. Wir sind zusammen hierher gegangen.“
„Das kann nicht sein.“
„Wir saßen nebeneinander an der Bar im Havana. Du hast mich nicht gesehen, konntest deine Augen nicht lösen von dem großen Foto an der Wand. Hemingway, scheint dir zu gefallen, der Mann.“
„Aber …“
„… dann gingst du auf die Toilette und dein Chianti stand ganz allein neben meinem Bier. Und da konnte ich in aller Ruhe mit einer sehr wirkungsvollen Substanz deiner Stimmung ein wenig auf die Sprünge helfen.“
Wie billig! Dieser Verbrecher! Wie konnte ihr das nur passieren? Es fiel ihr schwer sich zu beherrschen. Aber sie durfte jetzt keinen Fehler machen, ja keinen Ausraster provozieren.
„Und weiter?“
„Als du deinen Chianti getrunken hattest, warst so wacklig auf den Beinen, dass du nur mit meiner Hilfe das Lokal verlassen konntest. Nun, gottlob hatten wir es nicht weit. Ja, das hättest du auch nicht vermutet, dass ich in der Nähe des Havana wohne.“
„Nein, wirklich nicht.“
Schön ruhig bleiben, dachte sie.
„Und das andere weißt du ja selber. Hier haben wir es uns dann gemütlich gemacht. Und dir hat es auch richtig Spaß gemacht, schön gestöhnt hast du unter mir.“
„Hör auf, du hässlicher Gnom.“ Sie sprang auf und wollte einen Lichtschalter suchen.
„Wo ist meine Jacke?“
Er packte sie an den Armen und drückte sie zurück in das Sofa.
„Schatz, wir wollen doch mitten in der Nacht nicht mehr ausgehen.“
„Mein Handy.“
„Brauchst du alles nicht. Lehne dich ganz entspannt zurück, die Sitzung ist noch nicht beendet. Dein Therapeut hat gute Medizin für dich vorbereitet. Chianti, heute mal mit Schuss.“

Ganz nah war das weiße Licht. Mit einem Knall zerfiel es in flackernde Lichtstäbe, die von  der Mitte her nach außen schwebten und sich allmählich in Schwerter verwandelten. Immer neue weiße Schwerter bewegten sich im dunklen Raum, blitzten in schnellem Stakkato. DU KANNST SIE RETTEN stand plötzlich in riesigen Buchstaben am Himmel.
 „Hast du das böse Lächeln gesehen?“, fragte das winzige Stimmchen.
 „Wir werden es töten und die traurige Stadt erlösen“, sagte Linda, nahm die Kleine an die Hand und ging mit ihr zusammen fort.


©Renate Hupfeld 07/2005

... in : 
"Zwischen Himmel und Erde - Mystery Geschichten" 
Hrsg. Andreas Schröter
www.schreib-lust.de
Erste Auflage 2005


Mehr Kurzgeschichten von Renate Hupfeld gibt es in dieser Sammlung:









Mittwoch, 24. Dezember 2014

Folgt dem Stern


Vor mehr als zweitausend Jahren herrschte Kaiser Augustus in Palästina. Eines Tages befahl er, dass sein Volk gezählt würde. Alle Einwohner des Landes mussten in die Stadt kommen, in der sie geboren waren.
Auch ein Mann namens Josef folgte diesem Befehl des Kaisers. Zusammen mit seiner Frau Maria, die hochschwanger war, wanderte er den langen Weg von Nazareth nach Bethlehem.
Als die beiden dort angekommen waren, kündigte sich die Geburt an. Sie suchten eine Herberge. Nichts zu machen. In Bethlehem gab es kein freies Zimmer. Endlich fanden sie Schutz in einem Stall bei den Tieren.
In dieser Nacht brachte Maria einen prächtigen Jungen zur Welt. Vater und Mutter wickelten das Kind in Windeln, legten es in eine Futterkrippe und deckten es warm zu.
Genau zu der Zeit waren Hirten bei ihren Tieren auf dem Feld, als plötzlich ein ganz helles Licht am Himmel aufleuchtete. Die Männer bekamen große Angst und hätten sich am liebsten versteckt. Doch wo? Da war keine Hütte, nicht einmal ein Strauch, nichts, nur Feld.
„Fürchtet euch nicht“, sagte eine Stimme.
Sie schauten hoch. Am Nachthimmel schwebte plötzlich eine seltsame Erscheinung.
„Ich verkündige euch eine große Freude. Ganz in der Nähe wurde heute Nacht ein Kind geboren, ein besonderes Kind. Es wird euch befreien von allem Übel und Frieden bringen.“
Dann war alles wie vorher.
„Was war das?“, fragte einer.
„Ein Engel war das. Irgendwas Außergewöhnliches muss passiert sein. Schaut dort der Stern“, sagte Johannes, der Älteste der Hirtengruppe.
„Vorhin war der noch nicht da.“
„Stimmt. Über Bethlehem steht er.“
„Lass uns hingehen und schauen, was es mit dem Versprechen des Engels auf sich hat.“
„Was könnten wir besser gebrauchen als Freude und Frieden?“
„Kommt Leute, wir wandern zu dem Stern“, sagte Johannes.
Da machten sich die fünf Hirten auf den Weg. Johannes ging voran. Der Stern stand über einem Stall auf einer Wiese. Vorsichtig öffneten sie die schwere Holztür und tatsächlich. Dort lag das kräftige Neugeborene in einer Krippe, rechts und links die glücklichen Eltern. Ein Bild der Freude und des Friedens. Hatte der Engel doch Recht gehabt.
„Wir kommen, um eurem Kinde unsere guten Wünsche zu bringen. Es steht unter einem ganz besonderen Stern. Dürfen wir es anschauen?“ fragte Johannes.
Die Eltern nickten und die Männer gingen zur Krippe. Sie konnten gar nicht aufhören den Kleinen anzusehen.
„Wirklich, ein ganz besonderes Kind. Es ist, als ginge ein Leuchten von seinem Gesicht aus.“
 Voller Stolz schaute der Vater auf seinen Sohn und die Mutter lächelte glücklich.
„Er wird uns allen große Freude und Frieden bringen, so wurde uns versprochen.“
Nachdem die Hirten das Kind lange genug betrachtet hatten, legte jeder von dem wenigen, das er besaß, ein kleines Geschenk neben die Krippe, ein Halstuch, ein Stückchen Brot, eine Mütze, einen kleinen Krug mit Wein und Johannes legte seinen Hirtenstab dazu. Dann gingen sie hinaus in die Nacht.

© Renate Hupfeld

Foto: Renate Hupfeld am 17. Dezember 2014 in Köln auf dem Weihnachtsmarkt am Dom

Sonntag, 30. November 2014

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Donnerstag, 30. Oktober 2014

Lisa am See



Wir befanden uns auf einem wahnsinnig schmalen Pfad entlang einer Felswand, als Lisa sich plötzlich umdrehte, kreidebleich, nach meiner Hand griff und versuchte, sich an mir festzuhalten. „Hilf mir, Martin, ich kann nicht weiter.“
„Bleib ganz ruhig, bitte. Kopf hoch und geradeaus schauen.“
Saugefährlich war die Situation. Da stand ich nun mit Lisas zitternder Hand in meiner und hatte plötzlich selbst Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Links ging es fast senkrecht hinunter und rechts gab auch keinen Halt. Ich machte das, was ich ihr geraten hatte, schaute nach vorne.
„Pass auf, Lisa. Wenn ich jetzt deine Hand loslasse, gehst du ganz vorsichtig einen Schritt, okay?“
„Kann ich doch nicht.“
„Kannst du, mach nun.“
„Hilfe“, schluchzte sie und fing richtig an zu heulen.
„Jetzt reicht’s“, brüllte ich. „Sollen wir beide in den Abgrund stürzen? Geh! Sofort!“
Ich atmete auf, als sie meine Hand losließ und ein Schrittchen wagte.
Was war nur mit ihr los? Niemals hätte ich mit derartigen Schwierigkeiten gerechnet, als ich diese Tour mit ihr plante. Beim Skifahren war ihr kein Berg zu hoch und kein Hang zu steil. Was war denn im Sommer anders?
Gottlob war diese Felsumrundung irgendwann zu Ende und Lisa bekam ihre Panik in den Griff. Wir mussten noch einen Gebirgsbach überqueren, indem wir von Stein zu Stein sprangen, und ein ziemlich ausgedehntes Geröllfeld mit einigermaßen erträglichem Gefälle. Immerhin kamen wir mit heilen Knochen oben am See an, unserem Übernachtungsziel. Die Hochalm hatten wir ganz für uns alleine. Schweigend lagen wir im Gras zu Füßen des Felsmassivs, das wir in zwei Tagen umwandern wollten. Zunächst stand die Sonne noch über den beiden Gipfelzacken. Doch als sie plötzlich hinter dem Berg verschwand, lag unser schönes Plätzchen im Schatten. Es wurde sofort kühl und wir bauten unser kleines Zelt auf. Lisa hatte sich nach dem Aufstieg erstaunlich schnell erholt und half mir.
„Mach es dir schon mal drinnen bequem. Ich hole Wasser und dann gibt es Tee“, sagte ich, nahm meine Feldflasche und ging los. Nach Informationen im Wanderführer sprudelte aus den Felsen eine Quelle in den See. Es war ein Stückchen zu laufen, doch ich fand keine Wasserstelle, auch nicht, als ich über Gesteinsbrocken ein Stück nach oben kletterte. Ich horchte.  Da war auch kein Plätschern zu hören. Einige Meter über mir begann schon der Gletscher und ich entdeckte den Eingang zu einer Höhle. Ein weißes Gebilde hing von der Decke herunter, vielleicht ein Eiszapfen, doch konnte ich das aus der Entfernung nicht genau erkennen. Jedenfalls war das wohl eine der Eishöhlen, von denen der Mann in der Dorfkneipe erzählt hatte, in der wir den Abend vorher verbracht hatten. Eine wahre Horrorstory übrigens. Die Quelle fand ich jedenfalls nicht, hörte auch kein Plätschergeräusch. Seltsam war das schon, denn eigentlich müsste die in der Nähe sein.  Doch was sprach dagegen, wenn ich glasklares Wasser aus dem See schöpfte?
Mit gefüllter Feldflasche ging ich zurück zum Zelt, blieb davor stehen und schaute mich noch einmal um. Die Felsspitze war jetzt in Dunst eingehüllt, der Mond als milchiger Fleck zu erahnen. Es begann leicht zu schneien. Ja, in diesen Höhen war wettermäßig alles möglich. In kürzester Zeit legte sich ein weißer Schleier auf Zelt und Umgebung.
„Bist du es, Martin?“
„Ja.“
„Hast du die Quelle gefunden?“
„Ja, ja. Sie war weiter entfernt, als ich dachte.“
Ich musste ihr ja nicht alles erzählen, nach Diskussionen war mir nämlich nicht der Sinn. Das Wasser erhitzte ich draußen auf unserem kleinen Campingkocher. Das dauerte ein wenig.
„Versuch schon mal zwei Teebeutel in der Vortasche meines Rucksacks zu finden und ein paar Zuckerstücke“, forderte ich meine Begleiterin auf.
Dann balancierte ich den Topf mit dem kochenden Wasser durch die enge Öffnung und kroch vorsichtig hinein. Schön warm war es da. Wir füllten unsere Becher. Dann saßen wir nebeneinander im Zelt, wärmten uns die Hände, schlürften den süßen Tee und sahen durch den Zelteingang dicke Schneeflocken in den See schweben. Richtig schön sah das aus.
„Wenn ich mir überlege, es könnte stimmen, was der Mann unten in der Kneipe erzählt hat.“
„Ach, Lisa, lass es doch. Kannst du nicht einfach mal Ruhe geben? Auf Eiertänze hab ich nun heute wirklich keinen Bock mehr. Wir sind jetzt hier, haben einen wunderbaren Blick auf den See, dazu noch den Segen von Frau Holle. Und morgen ist ein neuer Tag. Ein bisschen essen wollen wir auch, und zwar ohne die Horrorvisionen dieser Dorfschelme. In meinem Vorrat hab ich noch feine Sachen. Hast du Hunger?“
„Klitzekleinen.“
Ich zog den Rucksack heran und kramte nach Essbarem.
„Hey, schau mal, was ich hier habe.“
„Ölsardinen, wie köstlich“, meinte sie. „Sonst mag ich sie gar nicht, aber hier ist sowieso alles anders.“
„Ohne Haut und ohne Gräten. Und was meinst du, was es dazu gibt?“
Ich kramte weiter und zog eine Packung Knäckebrot heraus.
„Voilà, wenn das keine Delikatessen sind!“
Dann holte ich mein Messer aus der Hosentasche, öffnete die Dose und gab sie ihr. Sie angelte sich mit der Gabel ihres nagelneuen Campingbestecks ein Fischchen, legte es auf eine Knäckebrotscheibe und weg war es.
„Jetzt du.“ Dose, Knäckebrot und Gabel reichte sie weiter.
„Klar, immer abwechselnd, bis alles ratzeputz weg ist. Und zum Dessert gibt’s für jeden einen Schokoriegel. Wenn das kein köstliches Mahl ist!“
„Martin“, schrie sie plötzlich auf, „hast du es gesehen?“
„Was denn?“
„Ein weißer Schatten“, kreischte sie, „schneeweiß, ganz dicht an unserem Zelt. Und das Flattern. So laut. Ganz nah.“
„Eine Fledermaus. In der Dunkelheit jagen sie.“
„Weiße Fledermäuse jagen nur tagsüber.“
Woher wollte sie das denn wissen? Klar jagten die auch nachts, wie alle Fledermäuse. Ungewöhnlich war eher, dass diese hier oberhalb der Baumgrenze umherschwirrte, wo doch ihre Heimat in den Regenwäldern von Honduras war. Möglich jedoch, dass es auch eine Art gab, die sich in Eis und Schnee wohl fühlte.
„Nicht alle“, sagte ich und damit gab sie sich zufrieden.
„Bei den Mühlreuters ist nichts mehr so, wie es war“, begann sie nach einer Weile.
„Diese Mühlreuters kenne ich nicht, du auch nicht und ich will sie auch nicht kennenlernen. Gibt’s denn nichts Besseres zu reden? Es schneit, wir sitzen im Trockenen und haben einen schönen Blick auf einen unvergleichlichen Gebirgssee.“
„Das Leben der Familie ist zerstört, seitdem Vanessa verschwunden ist.“
„Wer weiß, warum sie abgehauen ist. Für ein junges Mädchen, das dazu noch hübsch ist, gibt es reichlich Gründe, so ein Bergnest am Ende des Tales zu verlassen.“
„Hast du nicht gehört, was sie an der Theke noch erzählt haben?“
„Was interessiert mich das dumme Geschwätz dieser Almöhis?“
„Einer hatte in jener Nacht über Mühlreuters Haus ein weißes Flugwesen gesehen.“
„Papperlapapp.“
„Da war es wieder“, kreischte sie, sprang auf, kniete vor ihrem Rucksack und begann, ihre Sachen einzupacken.
„Was hast du vor?“
„Ich halte das hier nicht aus.“
„Beruhige dich, es ist alles in Ordnung.“
„Hier kann ich auf keinen Fall bleiben.“
„Und wo sollen wir hin? Den Abstieg können wir jetzt nicht machen. Lebensgefährlich ist das mitten in der Nacht.“
„Egal wie, ich gehe hinunter.“
„Und was war heute Nachmittag? Alles vergessen? Geröllfeld? Felswände? Abgrund?“
Sie schob ihren Rucksack in die Ecke und kroch wieder neben mich.
„Guck wenigstens draußen nach, was das war.“
Große Lust hatte ich nicht, aber so gab sie ja auch keine Ruhe.

Es schneite nicht mehr. Die Wolken waren weggezogen und der Mond beleuchtete von seinem Platz über dem Felsmassiv die Alm, schönes bläuliches Licht auf dem Schnee. Ziemlich groß war er und kreisrund. Ich schlich um unser Zelt herum, konnte aber zunächst nichts entdecken. Fußspuren waren da. Ich erkannte das Profil meiner Wanderschuhe. Als ich zu den zwei Felsen hinauf schaute, kam mir doch nun auch unwillkürlich die Story von den schaurigen Gestalten in Eisgrotten in den Sinn. Kein Wunder, dass die Leute in den Bergen solche Geschichten erfanden und am Ende sogar glaubten, sie wären Realität. Hatten sie doch tagtäglich dieses bizarre Felsmassiv vor Augen. Und das sah nicht immer gleich aus, sondern änderte seine Gestalt stündlich, je nach Sonnenstand, Regen, Schneefall, Nebel und vor allem bei Vollmond. Da konnte schon mal die Fantasie mit einem durchgehen und das schönste Gebirgslatein in den Kopf kommen.
Nun packte mich die Neugier. Ich wollte mir die Höhle da oben genauer ansehen. Wann hatte ich schon mal die Gelegenheit, weiße Fledermäuse zu betrachten? Über die Felsbrocken kletterte ich hinauf. Am Eingang angekommen, sah ich schon ein wunderbares Exemplar an der Decke hängen. Schneeweiß und viel größer als ich es mir vorgestellt hatte. Das musste ich mir aus der Nähe ansehen. Ich ging hinein und betrachtete das Tier. Wo waren denn die Ohren? Vom Foto wusste ich, dass sie kopfunter baumelten wie die schwarzen. Vorsichtig berührte ich es mit dem Finger. In dem Moment wurde ich von einem eisigen Sog erfasst und beinahe von den Beinen gerissen. Erschrocken fuhr ich herum. Eine schneeweiße Mähne schleuderte mir ins Gesicht und stechend blaue Augen bohrten sich in meinen Hals. Mit eisigen Klauen packte mich das Ungeheuer. Ich stemmte beide Arme gegen seinen Körper, griff jedoch ins Leere und taumelte gegen die Wand. Verzweifelt zog ich mein Messer aus der Hosentasche, klappte es blitzschnell auf und als ich es erhob, wich mein Gegner zurück. Jetzt würde ich ihn erledigen. Aber o Schreck! Die Waffe glitt mir aus der Hand. Ich wollte sie aufheben, rutschte aus und stürzte zu Boden.
Ein lang anhaltender Schrei brachte mir das Bewusstsein zurück. Woher kam der? Lisa! Was war ihr passiert? Ich stützte mich am Felsen ab, um auf die Beine zu kommen. Wo war das weiße Ungeheuer? Nur stille Winterlandschaft, wohin ich blickte. Friedlich lag das Zelt am See im blausilbernen Licht. Dann war ja wohl doch alles in Ordnung. Wie lange war ich denn weg gewesen? Lisa würde schon warten. Ich ging los. Da kam sie mir schon entgegen. Erst nur schwach zu erkennen, dann immer deutlicher. In weißem Gewand schwebte sie auf mich zu. Wunderschön sah sie aus mit ihren wehenden Haaren, ihr Mund so rot. Sie kam näher, die Arme mir zugewandt. Ich fasste ihre Hände. So kalt. Ihr blutroter Mund lächelte mich an. Sie zog mich an sich. Ihre Zähne glitzerten silbern. Immer näher kamen die. Mein Messer! Wo war es? Ich riss mich los, lief zurück, sah schon die Klinge im Mondenschein blitzen, schnappte es, schnellte herum und hielt es der Frau entgegen. Da war sie verschwunden.

„Du warst lange weg, Martin. Ich war schon eingeschlafen“, sagte Lisa, als ich in das Zelt kroch. „Wie kalt du bist. Komm zu mir in den Schlafsack.“
Das war eine gute Idee.
„Hast du draußen etwas gefunden?“
„Gefunden, entdeckt, herausgefunden, wie du willst“, sagte ich. „Doch morgen ist auch noch ein Tag. Jetzt bin ich hundemüde und muss erst mal eine Runde schlafen.“
Das würde mir in der kuscheligen Enge auch sofort gelingen. Wenn die Sonne aufging und das weiße Ungetüm wieder in seiner Höhle baumelte, würde ich die Quelle finden, Teewasser holen und Lisa beim Frühstück mit leckerem Cornedbeef und Knäckebrot von den schaurigen Bestien erzählen, die vor vielen Jahren in Ungarn vertrieben worden waren. Hier oben hatten sie sich eingenistet und waren Jahrhunderte lang eingefroren. Durch die Erderwärmung tauten sie nun auf und trieben ihr Unwesen. Eines von denen hatte Mühlreuters Tochter das Leben ausgesaugt. Seitdem irrte Vanessa in Vollmondnächten im Gebirge umher.

Mehr davon in: Nie ohne Geister